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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Römisches Stilleben

Jahr
1930
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 87,5 x 101,5 cm
Rahmenmaß 108,5 x 123 x 6,5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Details zum Erwerb
Erworben 1973 aus dem Kunsthandel
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Von April bis Juni 1930 war Karl Schmidt-Rottluff Studiengast der Villa Massimo in Rom. Über seinen Entschluss zum Aufenthalt an der renommierten Institution deutsch-italienischen Kulturdialoges berichtete er an Friedrich Schreiber-Wiegand: »Eigentlich hatte ich damit schon länger kokettiert, warum weiß ich nicht so recht — ich folge mehr einem unkontrollierten Etwas .... In der Villa Massimo bekomme ich ein Atelier, in dem ich auch wohnen darf ... und sonst also unterliegt alles der eigenen Regie«.(1) Neben Architektur- und Landschaftsdarstellungen widmete sich Schmidt-Rottluff in dieser Zeit auch der Thematik des Stillebens.(2) Aus jener Werkgruppe stammt das vorliegende, großzügig formatierte Gemälde. In einem kargen Innenraum begegnet uns auf ansteigender Tischplatte das sparsame Arrangement weniger, weitgehend überschneidungsfrei angeordneter Gegenstände. Die Wahl der Dinge — Zitrusfrüchte, Wasserkaraffe, Saftpresse und Obstmesser — verweist auf die südländische, mediterran geprägte Lebenssituation des Malers. Der strenge, geradezu klassisch-konventionell anmutende Bildaufbau folgt einer klaren und konstruktiven Konzeption. Wie bei vielen Bildern des Romaufenthaltes kennzeichnet auch hier eine eigentümlich kühle Distanziertheit, farbliche Reduktion und formale Abgeklärtheit den besonderen Ausdrucksgehalt der Darstellung. Stille und geheimnisvolle Gedankenschwere scheint über den Dingen zu lasten und einen unmittelbaren Zugang zu der in sich geschlossenen Bildwelt zu erschweren. Intensiviert wird dieser Eindruck durch den starken Kontrast zwischen dunkler Grundfläche und unnatürlich hell aufleuchtender Farbigkeit der Objekte. Die sorgsam platzierten Bildgegenstände sind fest umrissen und in ihrer plastischen Präsenz zu archaischer Einfachheit gebracht. Zusätzliche Irritationen entstehen durch die verschobene Perspektive des Raumgefüges: in das zentralperspektivisch konstruierte, leere Interieur ist die Tischplatte nach links fluchtend eingespannt.
Die betonte Sachlichkeit und fast nüchtern wirkende Objektivität der Gegenstandsschilderung kann in den Kontext zeitgenössischer Tendenzen der europäischen Malerei um 1925-30 eingeordnet werden. Schmidt-Rottluffs Bildsprache erlaubt zusammen mit dem Entstehungsort Rom einen Hinweis auf die Strömung der »Pittura metafisica« und die magisch-irrealen Bildwelten der »Valori plastici«, für welche die italienische Hauptstadt in den 20er Jahren ein Zentrum war. Darüber hinaus wirkten auf Schmidt-Rottluffs künstlerische Erfahrungen, insbesondere was die Vorliebe für schwarze und braune Farbwerte, die mystische Grundstimmung und das Streben nach Wahrhaftigkeit anbetrifft, in Rom vor allem die Begegnung mit den Altmeistern der spanischen Malerei: »Hier ist eine fabelhafte spanische Ausstellung aus römischem Privatbesitz. Goya, Velasquez, Greco, Zubaran. Es ist hier so eklatant, was die für ein Loch in die ganze italienische Malerei haut. Man muß doch wohl nach Spanien gehen — es ist unheimlich viel stolzer und ohne Zweifel für uns echter als dieser ganze Italienschwindel.« schrieb er im Mai 1930 nach Chemnitz.(3)
Wie hoch die Bedeutung des Bildes nicht nur für Schmidt-Rottluffs Werk sondern ebenso für die deutsche Kunst seiner Zeit eingeschätzt wurde, dokumentiert dessen baldige Erwerbung für die Berliner Nationalgalerie durch Ludwig Justi im Jahre 1932. Nach der 1937 erfolgten Beschlagnahmung und der anschließenden Diffamierung auf der Wanderausstellung »Entartete Kunst« lagerte das Gemälde ab Oktober 1939 im Depot der »International verwertbaren Werke« in Schloß Niederschönhausen. Im Juni 1941 konnte es der Berliner Kunsthändler Karl Buchholz auf einer Auktion in Luzern erwerben und an den Sammler Otto Ehrlich verkaufen, bevor es schließlich 1973 von Leopold Reidemeister vom Münchner Galeristen Günther Franke für die Sammlung des Brücke-Museums Berlin gesichert wurde.(4) Innerhalb der umfangreichen Stillebenkunst von Schmidt-Rottluff darf das »Römische Stilleben« als ein Hauptwerk gelten und behauptet als die wohl strengste und konstruktivste aller Kompositionen eine formale Sonderstellung.

(1) Brief vom 23.März 1930. Zit. nach: Karl Brix, Karl Schmidt-Rottluff. Biographie, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Stuttgart 1992, S. 263.
(2) Vgl. Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff, Stuttgart 1956, S. 299.
(3) Brief vom 18. Mai an F. Schreiber-Wiegand. Zit. nach Brix, wie Anm. 1, S. 264.
(4) Siehe zur Provenienz auch: Ausst.-Kat. Karl Schmidt- Rottluff. Retrospektive, Kunsthalle Bremen, München 1989, Kat. Nr. 285, S. 276.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff (Signatur)
: (Bezeichnung)

Inventarnummer
58/73

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 299

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Kat. Nr.6

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.54

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.71

Karl Schmidt-Rottluff : Retrospektive, Staatsgalere Stuttgart, Gunter Thiem, Stuttgart, München : Prestel, 1989, Abb. S.Tafel 96, Kat. Nr.285

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.214, Abb. S.215, Kat. Nr.77

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.131f., Abb. S.144, Kat. Nr.86

Karl Schmidt-Rottluff, Remm, Christiane, München : Klinckhardt & Biermann, 2016, Abb. S.44, Kat. Nr.26

Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus, Aya Soika, Meike Hoffmann, Meike Hoffmann, Lisa Marei Schmidt, Aya Soika für das Brücke-Museum, Hirmer Verlag, München, 2019, Abb. S.Abb. 125