Künstler

Max Pechstein

Geboren
31. Dezember 1881, Zwickau, Deutschland

Gestorben
29. Juni 1955, Berlin, Deutschland

Max Pechstein, Selbstbildnis mit Zigarre, 1909 © Pechstein Hamburg/Tökendorf

Biografie

Die Anfänge zwischen Kunsthandwerk und Bildender Kunst (1881–1906)

Hermann Max Pechstein wächst in einer sozialdemokratisch geprägten Arbeiterfamilie in Zwickau auf. Er ist eines von sieben Kindern von Hermann Franz Pechstein, der in einer Textilfabrik arbeitet, und seiner Ehefrau Lina Pechstein, geborene Richter. Schon als Kind fasst Max Pechstein den Entschluss, Künstler zu werden und wird von seinem Onkel, der in seiner Freizeit malte, bestärkt. Ab 1886 wird er bei einem Zwickauer Malermeister ausgebildet. Im Oktober 1900 beginnt er ein Studium an der Königlichen Kunstgewerbeschule in Dresden, das er 1903 abschließt. Kurz darauf wechselt er an die Königliche Akademie der Bildenden Künste Dresden und wird Meisterschüler von Otto Gußmann, Professor für Ornamentalmalerie. Für ihn arbeitet Pechstein während seines Studiums an Wandmalereien, Glasfenstern, Mosaiken für Kirchen und städtische Bauten. Seine Arbeiten sind zu diesem Zeitpunkt noch vom Jugendstil beeinflusst.

Mitglied der Brücke und künstlerischer Durchbruch (1906–1914)

Im Frühjahr 1906 nimmt Pechstein mit einem Deckenbild an der Dritten Deutschen Kunstgewerbe-Ausstellung in Dresden teil. Hier lernt er Erich Heckel und kurz darauf die anderen Brücke-Künstler kennen. In ihnen findet er Gleichgesinnte und tritt der Künstlergruppe bei. Bereits in der ersten Brücke-Ausstellung in der Dresdener Lampenfabrik Seifert, im September 1906, ist Pechstein mit einigen Ölskizzen vertreten. Für die zweite Ausstellung am selben Ort im Dezember 1906 entwirft er das Ausstellungsplakat. Parallel zu seinem Engagement für die Brücke, finanziert er sich weiterhin durch kunstgewerbliche Arbeiten. Im Herbst 1907 beendet er sein Studium und ist damit zu diesem Zeitpunkt der einzige Brücke-Maler mit einer abgeschlossenen akademischen Ausbildung. Direkt im Anschluss reist er mehrere Monate durch Italien und Frankreich, was ihm durch ein Reisestipendium, den Sächsischen Staatspreis, ermöglicht wird. Während er sich in Italien vor allem mit Werken der Renaissance auseinandersetzt, interessieren ihn in Frankreich die aktuellen künstlerischen Entwicklungen, wie die Fauves. Das hier Gesehene, vereinfachte Formen, intensive Farbigkeit, unvermischte direkt aufgetragene Farbe, liefert ihm Impulse für seine. Im August 1908 beschließt Pechstein, Dresden zu verlassen und nach Berlin zu ziehen. Anfang des Jahres 1909 lernt er die sechzehnjährige Charlotte Kaprolat kennen, die ihm für mehrere Werke Model steht. Kurz darauf werden sie ein Paar und heiraten zwei Jahre später. Im April 1909 ist Pechstein erstmals mit drei Gemälden bei der Frühjahrsausstellung der Berliner Secession vertreten. Er selbst begreift dies retrospektiv als seinen künstlerischen Durchbruch. Im folgenden Jahr werden seine Werke von der Secession abgelehnt. Daraufhin plant er mit anderen Zurückgewiesenen wie Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff die Gründung einer neuen Ausstellungsgemeinschaft: die Neue Secession, deren Leitung er gemeinsam mit dem Künstler Georg Tappert übernimmt. 1911 ziehen die anderen Brücke-Künstler ebenfalls nach Berlin. Gemeinsam mit Kirchner plant er im Herbst 1911 die Eröffnung einer privaten Malschule, das MUIM-Institut (Moderner Unterricht in Malerei). Der gewünschte Erfolg bleibt allerdings aus. Im Dezember tritt Pechstein aus der Neuen Secession aus. Stattdessen nimmt er wieder an einer Ausstellung der Berliner Secession teil. Die Brücke-Künstler missbilligen diese Entscheidung. und schließen ihn aus der Gruppe aus. Dennoch gelingt es ihm, sich als Künstler weiter zu etablieren: Im Februar 1913 hat er seine erste Einzelausstellung bei Gurlitt in Berlin. Fortan wird er von ihm unter Exklusiv-Vertrag genommen. Im Juni desselben Jahres wird sein Sohn Max Frank geboren.

Pazifik-Reise und Erster Weltkrieg (1914–1918)

Anfang 1914 beginnt Pechstein eine zweijährige Reise in den westlichen Pazifik zu planen. Ziel ist die Inselgruppe Palau. Sie war seit 1899 Teil der deutschen Kolonie Deutsch-Neuguinea, die im Ersten Weltkrieg 1914 an Japan ging. Schon zu Brücke-Zeiten ist Pechstein von der pazifischen Kultur und Ästhetik Palaus fasziniert. Gemeinsam mit den anderen Brücke-Künstlern hat er im Dresdener Völkerkundemuseum bemalte und mit Reliefs versehene Balken von palauischen Häusern studiert und sich diese Ästhetik für eigene Werke angeeignet. Mit seiner Reise erhoffte er sich Zugang zu einer „paradiesähnlichen Ursprünglichkeit“, die er in Europa verloren glaubte. Palau wird ihm so zur romantisierten und exotisierten Utopie. Die Probleme der deutschen Kolonialisierung und seine eigene kolonialistische Perspektive reflektiert er hingegen kaum. Am 9. Mai 1914 reist er mit seiner Frau aus Berlin ab. Am 21. Juni erreichen sie schließlich Angaur, die südlichste der Palau Inseln, von wo aus sie weitere Inseln bereisen. Er studiert verzierte Holzhäuser, Schmuck und Alltagsleben – das Gesehene hält er in Zeichnungen, Schnitzarbeiten und Gemälden fest. Pechstein begnügt sich nicht damit, die Bewohner*innen bei ihren Aktivitäten zu beobachten, sondern versucht auch ihre Lebensweise nachzuahmen. So jagt und fischt er, und fertigt sich hierfür eigens Speere an. Er bleibt im kolonialistischen Verhalten der Zeit verhaftet und lässt sich von einem Mann aus Palau bedienen. Vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 erfährt er erst drei Tage später – über die genauen Ereignisse erhält er zeitversetzt und bruchstückhaft Informationen. Im Oktober 1914 gerät das Ehepaar Pechstein in japanische Kriegsgefangenschaft und muss Palau verlassen. 1915 werden sie freigelassen und kehren auf Umwegen nach Deutschland zurück. Hier beginnt Pechstein seine Reiseerfahrungen in Zeitungsartikeln zu veröffentlichen. Im September desselben Jahres wird er zum Militärdienst an die Westfront eingezogen. In Flandern stationiert, wird er von der vordersten Front herausgenommen, zuerst, um einen Kommandeur zu porträtieren und später, um als Kartograph zu arbeiten. Im Mai 1917 wird er zur Luftwaffe nach Berlin beordert und zum Bildbeobachter ausgebildet. Er kann zu Hause arbeiten und so wieder künstlerisch produktiv werden. Es entstehen unter anderem Gemälde über Palau. Ein Teil davon wird im Juli des Jahres bei Gurlitt ausgestellt.

Politisches Engagement und künstlerische Etablierung (1918 –1933)

Mit Ende des Ersten Weltkrieges politisiert sich Pechstein und engagiert sich für die Novemberrevolution. Er begrüßt die politischen Umbrüche und setzt sich für eine friedliche Revolution im Sinne der Sozialdemokratie ein. Er ist Mitinitiator der Novembergruppe, einer Künstler*innen-Vereinigung, die die soziale Revolution in Deutschland unterstützt. Zeitgleich engagiert er sich für den links ausgerichteten Arbeitsrat für Kunst, der sich dafür einsetzt, Kunst und Architektur einer breiteren Bevölkerung nahezubringen. Die Sommermonate der 1920er-Jahre verbringt er in Nidden an der Kurischen Nehrung sowie am Lebasee in Pommern. Hier entstehen Naturstudien sowie Gemälde zum Landleben. Im Dezember 1921 lässt er sich von seiner Ehefrau Charlotte scheiden und beginnt eine Beziehung mit Marta Möller, die er im September 1923 heiratet. Mit seinem Kunsthändler Gurlitt kommt es in diesen Jahren zum Bruch und es beginnt ein Gerichtskampf um die bei ihm verbliebenen Werke. Hiermit endet für Pechstein eine wesentliche sozial-ökonomische Sicherheit. Im Oktober 1923 wird er zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste gewählt, für die er zwei Jahre später auch in der Ausstellungskommission tätig ist. Werke von ihm gelangen in öffentliche Sammlungen, wie das Kronprinzenpalais in Berlin, und er ist regelmäßig deutschlandweit sowohl in Gruppenausstellungen als auch mit Einzelausstellungen vertreten. Neben seiner freien künstlerischen Tätigkeit, nimmt er weiterhin kunsthandwerkliche Arbeiten an: So entwirft er im Winter 1925 Bühnenbilder für das Deutschen Theater in Berlin und gestaltet im darauffolgenden Frühjahr im Auftrag der deutschen Regierung Glasfenster für das Internationale Arbeitsamt in Genf.

Künstlerisches Schaffen und Verfemung im Nationalsozialismus (1933–1945)

Der Künstler gerät bereits zu Beginn des Nationalsozialismus unter kritische Beobachtung. Anders ergeht es seinen ehemaligen Brücke-Kollegen Schmidt-Rottluff und Heckel, die 1933 nicht nur Ablehnung, sondern auch Unterstützung von Teilen der reaktionär völkischen Kreise erhalten. Sein Engagement innerhalb links ausgerichteter Gruppierungen während der Weimarer Republik trägt dazu bei, dass sein Schaffen von den Nationalsozialisten besonders beargwöhnt wird. Er selbst steht dem nationalsozialistischen Regime von Anfang an kritisch gegenüber und lehnt dessen rassistische Ideologie ab. Er beklagt das Schicksal seiner jüdischen Freund*innen und Sammler*innen, die in die Emigration gezwungen werden und steht hinter ihnen. Im Frühjahr 1933 behauptet Emil Nolde gegenüber dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Pechstein sei Jude. Eine Fehlinformation, zu der Pechstein fortan mehrfach Stellung nehmen muss und so auch früher als andere gezwungen wird, einen sogenannten Abstammungsnachweis einzureichen. Wirtschaftlich gesehen geht es ihm in den 1930er-Jahren schlecht und er erzielt weniger Einnahmen als seine Künstlerkollegen. Trotz der Verfemung seiner Kunst hat er noch einige Einzelausstellungen. Im Juni 1937 – kurz vor Eröffnung der Ausstellung Entartete Kunst in München – zeigt er Werke in einer Ausstellung, die von der NS-Freizeit Organisation „Kraft durch Freude“ in der Auto Union AG in Chemnitz veranstaltet wird. Anders als seine ehemaligen Brücke-Kollegen erhält er sogar noch im Mai 1939 eine Ausstellung in der Berliner Galerie van de Heyde. Es ist die erste Ausstellung von Werken eines von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamierten Künstlers seit 1937. Von der Beschlagnahmung moderner Kunst aus deutschen Museen im Sommer 1937 ist auch Pechstein betroffen. Teile seiner hier beschlagnahmten Werke werden auf der Wanderausstellung Entartete Kunst auf polemische Weise zur Schau gestellt. Die politischen Entwicklungen in Deutschland tragen mit dazu bei, dass sich Pechstein in den Sommermonaten der 1930er/1940er-Jahre regelmäßig in ein Fischerdorf am Koser See in Pommern zurückzieht. Nach der Zerstörung seiner Berliner Wohnung zieht er im Frühjahr 1944 nach Leba in Pommern um. Im Zuge der Bombardierungen verliert er zahlreiche Werke. Im August 1944 wird das Ehepaar Pechstein zum Arbeitseinsatz am Pom­mernwall, durch den das Vorrücken der Roten Armee aufgehalten werden soll, zwangsverpflichtet.

Künstlerische Rehabilitierung und Hochschullehre (1945–1955)

Pechstein verdient sein Einkommen in der Nachkriegszeit in Leba mit Hilfsarbeiten für russische und polnische Soldaten. Am 30. September 1945 kehrt er nach Berlin zurück. Nur einen Tag später erhält er bereits von dem Maler und Hochschuldirektor Karl Hofer das Angebot, an der Berliner Hochschule für Bildende Künste zu unterrichten. Bereits im Jahr 1945 bemühen sich die Alliierten, die vom NS-Regime diffamierten Künstler zu rehabilitieren, unter ihnen auch Max Pechstein. So ist er bereits im Juli 1945 in der ersten 1. Ausstellung der Kammer der Kunstschaffenden, der ersten größeren Ausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg vertreten. Eine Vielzahl von Ausstellungsbeteiligungen folgen, sowohl in Berlin als auch deutschlandweit. Im August 1946 gehört Pechstein zur Jury der Ausstellung Allgemeine Deutsche Kunst in Dresden und trägt auch eigene Werke bei. Die Präsentation zählt zu den wichtigsten Ausstellungen im Nachkriegsdeutschland und sollte sowohl die erste gesamtdeutsche Kunstausstellung nach dem Krieg als auch zugleich die letzte bis 1990 sein. Im Juli 1947 wird er zum Ehrenbürger der Stadt Zwickau ernannt. Zeitgleich wird von der Stadt Zwickau der Max Pechstein Preis ins Leben gerufen, eine Förderung für junge Künstler*innen, die noch bis heute existiert. 1948 und 1953 ist er auf der Biennale in Venedig vertreten. Am 19. November 1949 wird er zum ordentlichen Professor und Leiter einer Meisterklasse für Malerei an der Berliner Hochschule berufen, wo er schon seit vier Jahren lehrt. Ab 1950 hat Pechstein nahezu durchgehend mit seiner Gesundheit zu kämpfen; auf eine Thrombose folgt drei Jahre später die Erkrankung mit Tuberkulose. Im Dezember 1952 wird ihm anlässlich seines 71. Geburtstages als erstem Maler das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Er stirbt am 29. Juni 1955 an den Folgen seiner Tuberkulose.

Isabel Fischer


Literatur

Aya Soika, Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Bd. 1: 105-1918 / Bd. 2: 1919-1954, Hg. von der Max Pechstein Urheberrechtsgemeinschaft, München: Hirmer Verlag, 2011.

Max Pechstein, Erinnerungen: mit 105 Zeichnungen des Künstlers, hg. von Leopold Reidemeister, Wiesbaden: Limes Verlag 1960.

Max Pechstein. Künstler der Moderne. Ausst.-Kat: Bucerius Kunstforum, Hamburg, hg. von Magdalena M. Moeller und Kathrin Baumstark, München: Hirmer Verlag, 2017.

Magdalena M. Moeller, Max Pechstein. Pionier der Moderne, Ausst.-Kat. Brücke-Museum, München: Hirmer Verlag, 2015.

Max Pechstein auf Reisen. Utopie und Wirklichkeit. Ausst.-Kat. Kunsthaus Stade, Kunstsammlungen Zwickau, Museum im Kulturspeicher Hamburg, hg. von Sebastian Möllers, Petra Lewey und Marlene Lauter, München: Hirmer Verlag, 2012.

Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus, Ausst.-Kat, Brücke-Museum, hg. von Aya Soika, Meike Hoffmann und Lisa Marei Schmidt, München: Hirmer Verlag 2019.

Max Pechstein. Das ferne Paradies. Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik, Ausst.-Kat. Stästisches Kunstmuseum Spendhaus Reutligen, hg. vom Städtischen Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen, Ostfildern-Ruit: Verlag Gerd Hatje, 1995.