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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Die schwarze Maske

Jahr
1956
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 76,4 x 90 cm
Rahmenmaß 88 x 102 x 4,5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Karl Schmidt-Rottluff. expressiv - magisch - fremd, , Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Im vorliegenden Gemälde greift Schmidt-Rottluff die Bildthematik des exotisch inspirierten Maskenstilllebens wieder auf, das in seinem künstlerischen Gesamtwerk im Zuge der unermüdlichen Beschäftigung mit Ausdrucksgehalt und Aussagewirkung »primitiver« Kunst der Naturvölker eine wesentliche Rolle spielt. Vor dunklem Hintergrund versammelt er das reizvolle Ensemble einer afrikanischen Gesichtsmaske mit Fundstücken vom Sierksdorfer Strand und einem selbstgefertigten hölzernen Kerzenständer. Außereuropäische Kultur und persönliche Lebensumgebung — das bewusst Erworbene, das zufällig Entdeckte und das schöpferisch Gestaltete — werden geradezu bekenntnishaft zueinander in Bezug gesetzt. Das Fremde und das Eigene treten in Dialog und werden dem Betrachter in demonstrativer Nahsicht vergegenwärtigt. In formaler Hinsicht kontrastiert die kantig-blockhafte Tektonik des obeliskenartigen Kerzenhalters höchst wirkungsvoll mit der organischen Struktur der Meerschneckengehäuse und der menschlich belebten Physiognomie der Maske. Bei dem Kerzenständer handelt es sich um einen von Schmidt-Rottluff mit insgesamt 12 eingeschnittenen Tierkreiszeichen verzierten Gebrauchsgegenstand, der sich heute ebenfalls in der Sammlung des Brücke-Museums befindet.(1) Die seit dem frühen Altertum geläufigen astrologischen Tierkreissymbole verstärken im Zusammenspiel mit der Maske, die als zivilisationskritische Chiffre für naturnahe, intakte Lebenskultur und motivische Antithese zur europäischen Tradition des Menschenbildes in der Kunst der »Brücke«-Maler von Anbeginn eine zentrale Stellung genoss, beträchtlich die magisch-mystische Atmosphäre der Darstellung. Die schwarz eingefärbte Maske mit der farblich intensiv betonten Augenpartie, bei der sich um ein Artefakt aus Schmidt-Rottluffs Privatsammlung »primitiver« Kunst handelt, personifiziert gleichsam schwebend einen stillen, geheimnisvollen Beobachter im Hintergrund. Der unheilverkündende Bildtitel verleiht der Komposition einen düster-bedrohlich anmutenden Aussage- und Stimmungsgehalt. Flächenreduzierte Formvereinfachungen, kraftvolle Konturierungen und leuchtende Farbakkorde prägen die Bildsprache. Vor der dunklen Raumfolie scheinen die wenigen Objekte geradezu aufzuglühen. Insbesondere die weiße Umrissführung lässt den Kerzenständer effektvoll hervortreten, evoziert eine übernatürliche und rätselhafte Aura und grenzt die hellere Vordergrundpartie deutlich von der dahinter liegenden Ebene ab.
Die grünlich schimmernde Spiralmuschel zeigt offensichtlich eine im indischen und pazifischen Ozean beheimatete Nautilusmuschel, die wegen ihrer zartschillernden Oberfläche sowie aufgrund ihrer Kostbarkeit und Symbolik häufig auf Stilleben der deutschen und niederländischen Barockmalerei in Form aufwendig gestalteter Nautiluspokale dargestellt ist. Die beiden Muschelgehäuse verarbeitete Schmidt-Rottluff bereits 1955 in der kolorierten, kompositorisch nahezu identischen Tuschpinselzeichnung »Meerschnecken und Südseeschild«.(2) Sämtliche ausgesuchten Dinge verweisen auf eine dem Ursprünglichen, Archaischen und Abgeschiedenen zugeneigte Naturverbundenheit des Künstlers, die er hauptsächlich während seiner Sommeraufenthalte an der Ostseeküste fand: »Das Einssein mit der Natur, das Ablauschen ihrer Stimmen und das Erkennen ihres Rhythmusses [sic!] hat auch mich immer berührt. Wie viele Erkenntnisse vermag sie uns zu vermitteln. Wie Wenige vermögen heute in den technischen Zeitläuften etwas zu erleben«,(3) schreibt er im Februar 1956 an den Literaten Karl Otto. Die Arbeit offenbart Schmidt-Rottluffs fortgesetzte Suche nach einer demonstrativen Identifikation von Kunst, Natur und Leben, von schöpferischem Akt, kultischer Faszination und eigenem Dasein, worin er zugleich die einstige Idealvorstellung der »Brücke«-Gemeinschaft reflektiert und in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts trägt.

(1) Vgl. auch: Gerhard Wietek, Karl Schmidt-Rottluff. Plastik und Kunsthandwerk. Werkverzeichnis, München 2001, Kat. Nr. 289, S. 387.
(2) Siehe Abb. in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Ein Maler des 20. Jahrhunderts, Museum am Ostwall, Dortmund, München 2001, Kat. Nr. 153, Tafel 153.
(3) Brief vom 1.02.1956. Zit. nach: Karl Brix, Karl Schmidt-Rottluff. Biographie, in: Ausst.-Kat. Karl
Schmidt-Rottluff. Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Stuttgart 1992, S. 273.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: =gewachst= / Schmidt=Rottluff "Die schwarze Maske" ((562)) (Bezeichnung)

Inventarnummer
27/64

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

B 166, Karl Schmidt-Rottluff (1884 - 1976), Die schwarze Maske, 1955

Afrika, Maske

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.85

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.127

Die Brücke in der Südsee : Exotik der Farbe, Dittmann, Lorenz, Saarlandmuseum, Ralph Melcher, Saarbrücken, Ostfildern-Ruit : Hatje Cantz, 2005, Abb. S.Abb. S. 208, Kat. Nr.Kat.-Nr. 118

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.270, Abb. S.271, Kat. Nr.105

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.137, Abb. S.173, Kat. Nr.115