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Über die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland hieß es in der renommierten, internationalen Zeitung »Ius Suffragii«: »This is undoubtedly far the most sweeping victory ever won by our cause […] Germany will have the honor of being the first Republic founded on the true principles of democracy, universal equal suffrage for all men and women.«

Wie war es dazu gekommen? Als das preußische Herrenhaus am 2. Oktober 1918 das gleiche Wahlrecht für Männer angenommen und damit die Frauen explizit ausgeschlossen hatte, rief das die Empörung von Frauen aus verschiedenen Verbänden und Vereinen und den unterschiedlichsten politischen Lagern hervor. Sie taten sich zusammen: Von Gertrud Bäumer vom Bund Deutscher Frauenvereine über Anita Augspurg vom Deutschen Frauenstimmrechtsbund bis hin zur Sozialdemokratin Marie Juchacz und Vertreterinnen aus der Gewerkschaftsbewegung und Parteimitgliedern aus der nationalliberalen Partei. Sie schickten am 25. Oktober 1918 ein Schreiben an den neuen Reichskanzler Max von Baden und legten Protest ein. Anfang November 1918 versammelten sich Frauen und Männer in Berlin, Hamburg und München zu großen Kundgebungen, um für die Einführung des Frauenstimmrechts zu demonstrieren. Im Reichstag brachten die Parlamentarier noch am 8. November einen Initiativantrag zum Frauenwahlrecht auf den Weg. Doch entscheidend war dann, dass der Rat der Volksbeauftragten am 12. November 1918 das Frauenwahlrecht einführte.

Was hier stattfand lässt sich eigentlich nicht hoch genug bemessen: In Deutschland – und vielen anderen Ländern – gewann jene Hälfte der Menschheit das allgemeine und gleiche Wahlrecht, die seit Jahrhunderten rechtlich als minderwertig gegolten hatte. Insgesamt erhielten die Frauen von 1917 bis 1920 in rund 17 Staaten die Wahlberechtigung. Wieso war es so plötzlich dazu gekommen? Die ältere Forschung hatte zwei Antworten für die Umwälzung parat. Für den deutschen Fall folgte sie entweder dem Urteil Clara Zetkins: Das Frauenwahlrecht sei »ein Geschenk einer Revolution, die von proletarischen Massen getragen wurde«; oder sie erklärte schlicht das Frauenwahlrecht zu einer Belohnung für den Einsatz der Frauen im Krieg. Die neuere Forschung – etwa die von Birgitta Bader-Zaar oder Angelika Schaser – zeigt hingegen, dass die Ursachen komplexer waren, dass viele Faktoren zur Durchsetzung des Frauenwahlrechtsbeitrugen, und sie betont die große Rolle der Frauenbewegung.

Meine These orientiert sich an dieser neueren Forschung und erweitert den Rahmen: Die Einführung des Frauenwahlrechts war das Ergebnis umfassender und struktureller Veränderungen, die sich um 1900 weltweit beobachten ließen und intensiv durch gesellschaftliche Reformen vorangetrieben wurden. Zwei Zusammenhänge, in denen die Neuerungen stehen, sind besonders wichtig: Erstens wurden die Reformen wesentlich durch Frauen und dabei häufig (nicht immer) durch feministische Frauenbewegungen befördert. Zweitens lassen sich die Reformen nur im internationalen, womöglich im globalen Rahmen verstehen. Schon die parallele Einführung des Frauenwahlrechts in vielen Ländern innerhalb weniger Jahre legt nahe, dass die rein nationalen Geschichten und Erklärungen eher zu kurz greifen.

Meine zentrale Fragestellung lautet daher: Inwiefern trugen die Reformen um 1900 zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts bei? Ich werde mir dafür beispielhaft die pädagogischen Reformen, die Wohnungsreform und die Reformen der Wahlpraktiken anschauen. Zunächst aber werde ich zur Entfaltung meiner These analysieren, was das Wahlrecht für Zeitgenossinnen und Zeitgenossen bedeutete, um zu verstehen, welche Bedeutung die Erfahrungen aus der Vorkriegszeit einnahmen.