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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Verschneite Tannen

Jahr
1937
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 87 x 100 cm
Rahmenmaß 98,7 x 112,7 x 3,6 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Karl Schmidt-Rottluff. Das Rauschen der Farben, 2017/18, Kunstmuseum Ravensburg
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Die Winterlandschaft ist ein Gemälde aus der Zeit des Dritten Reichs. Politische Interventionen in die Repräsentationsräume der modernen Kunst wurden drastisch verstärkt. Im Vorjahr der Entstehung des Gemäldes wurde am 30. Oktober 1936 die Neue Abteilung der Nationalgalerie im Kronprinzenpalais in Berlin geschlossen; für Schmidt-Rottluff ein bitterer Vorgang, da sich in dieser bedeutenden Sammlung vier Gemälde des Künstlers befanden. Am 19. Juli 1937 folgte der ernüchternde Schlag der Ausstellung »Entartete Kunst« in München; dort wurden ca. fünfzig seiner Werke verhöhnt. In diesem Zeitraum meidet Schmidt-Rottluff die Darstellung des Menschen und nutzt Naturräume ebenso wie Stilleben als Projektionsflächen seiner seelischen Befindlichkeit. Die Winterlandschaft »Verschneite Tannen« rekurriert einerseits auf ein realistisch vorhandenes Motiv, andererseits aber kann die Darstellung »wieder ganz persönlich interpretiert werden.«(1) Einige Jahre zuvor verwendete er in dem Gemälde »Entwurzelte Bäume« bereits das Bildmotiv der Bäume zur Darstellung seiner persönlichen Empfindungen. Das 1934 entstandene Ölbild wurde dahingehend interpretiert, den Künstler und seine Frau zu symbolisieren, die »zwar den Boden unter den Füßen verloren haben, sich aber so ineinander verzahnt haben, daß sie sich gegenseitig stützen«(2) Dies kann als Hinweis darauf gelesen werden, dass der Künstler noch Hoffnung auf eine Stabilisierung der politischen Situation hatte. In den »Verschneiten Tannen« von 1937 herrscht dagegen eisige Starre. Die dramatischen Erfahrungen, die Schmidt-Rottluff in diesem Jahr machen musste, seine Ohnmacht gegenüber der kunst- und kulturpolitischen Situation, werden in dieser Landschaft zum Ausdruck gebracht. Der Betrachter wird kompositorisch in die Landschaft integriert. Er befindet sich in leichter Untersicht vor einem schmalen, schwarz gestalteten Weg, der durch den Schnee führt. Dieses assoziative Miteinbeziehen des Menschen stellt innerhalb der Landschaftsdarstellungen Schmidt-Rottluffs eine Besonderheit dar: »Nur selten stellt er sich hinein in die Natur ... meist meidet er die allzu große Nähe ...«(3) Die in die Bildlandschaft gleitende Sogbewegung wird durch die drei den Weg säumenden Tannen erzeugt, die perspektivisch ins Bildinnere verweisen. Der vorgegebene Bewegungsverlauf führt von der im linken Vordergrund vom Bildrand beschnittenen Tanne vorbei an einer weiteren, im Bildmittelgrund abgebildeten Tanne, um im Zentrum des Bildes vor einem dritten Nadelbaum zu enden. Dieser zentralarrangierte Baum steht mitten auf dem Weg und versperrt die Sicht auf seinen weiteren Verlauf. Der perspektivische Fluchtpunkt wird so verdeckt. Bei dieser Tanne sind zudem keine einzelnen Äste erkennbar, der Baum ist vollkommen in Schnee eingehüllt. Diese Erstarrung der Natur ist analog zu verstehen zu Schmidt-Rottluffs persönlichem Rückzug ins Innere. Die »innere Emigration«(4) des Künstlers zeigt sich hier bildlich umgesetzt. Die Ausweglosigkeit wird auf besonders beklemmende Weise zudem im Hintergrund durch das Stilmittel der harschen Form thematisiert. Die sich aus Zackenelementen zusammensetzende Silhouette des Waldes erscheint wie eine raumbegrenzende aufgetürmte Eiswand. Diese beunruhigende Kulisse wird noch unterstützt durch das Kolorit. Anstelle von weißen Farbwerten weist der Schnee eine kühle Farbskala in Blau-Violett-Tönen auf. Kontrastierend erhält der Himmel eine rosa-rote Färbung. Durch diese Palette wird das Motiv der Dämmerung und der einbrechenden Nacht inszeniert — innerhalb dieses Umfeldes eine bedrohliche Komponente. Auch besondere Details wie die schattenhaften schwarzen Konturierungen der drei Tannen greifen die Themen von Verlorensein und Regungslosigkeit auf. Mit dieser Winterlandschaft gelang Schmidt-Rottluff eine außerordentlich sensible bildliche Umsetzung seiner Einsamkeit sowie der Resignation gegenüber seiner Umwelt.

(1) Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff Werke aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München u. a., München 1997, S. 43.
(2) Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf u. a., Stuttgart 1992, Kommentar von Evmarie Schmitt, S. 556.
(3) Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff. Mit provisorischem Verzeichnis der Gemälde bis 1954, Stuttgart 1956, S. 126ff.
(4) Vgl. Andreas Gabelmann, «Der stille Blick — Bildwelten der "inneren Emigration" 1933-1945", in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff Aquarelle. Eine Ausstellung zum 120. Geburtstag des Künstlers, Brücke-Museum Berlin u. a., München 2004, S. 66-76.

Merit Marckwort

Aus: Moeller, Magdalena M.: Brücke-Museum Berlin - Malerei und Plastik : Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung ; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2011.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Verschneite Tannen" ((371)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 7

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Kat. Nr.17

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.94

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.34, Abb. S.35, Kat. Nr.7

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.29, Abb. S.43, Kat. Nr.12