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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Monte Palatino

Jahr
1930
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 98,5 x 112 cm
Rahmenmaß 112 x 126 x 4 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Karl Schmidt-Rottluff. expressiv - magisch - fremd, , Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Auf den ersten Blick handelt es sich bei dem Gemälde »Monte Palatino« um eine klassische italienische Landschaft: Zahlreiche Elemente wie die schlank aufragenden Zypressen, Palmen oder die malerischen Reste antiker Säulen schaffen eine Szenerie, wie sie von ungezählten Darstellungen der italienischen Campagna vertraut ist. Auf den zweiten Blick jedoch schleicht sich Irritation ein: So ist nicht genau zu erfassen, ob es sich um Tages- oder Nachtlicht handelt, ob die Sonne gerade in diesem Moment untergeht oder ein Mond die Szenerie beleuchtet. Harte Schlagschatten erwecken den Eindruck einer extrem hellen Lichtquelle von der Seite, inszeniert wie auf einer Theaterbühne. Ein dramatischer Effekt geht von diesem Licht aus, es gibt der Szene ein unheimliches Leuchten. Dieser surreale Charakter wird außerdem durch die völlige Verlassenheit der Landschaft suggeriert; die einzigen Spuren menschlichen Lebens sind die Bruchstücke der antiken Säulen im Vordergrund sowie ein einsam auf dem Hügel stehendes Haus, das mit seinen leeren Fensterlöchern aufgegeben und verlassen erscheint. Die tiefschwarzen Öffnungen sind wie die Augenhöhlen und der geöffnete Mund eines imaginären Gesichtes angeordnet — so entsteht durch diese unwirkliche Verlebendigung eine magische, verzauberte Stimmung.
Das Gemälde gehört zu einer Gruppe von Gemälden mit römischen Stadtlandschaften, Ruinen und italienischen Landschaften, die 1930 während eines dreimonatigen Aufenthaltes in Rom entstanden, als sich Schmidt-Rottluff als Studiengast in der Villa Massimo aufhielt. Zwar erscheinen auf diesen Bildern typische Bildelemente der Ikonographie klassischer italienischer Sehnsuchtsmotive, dennoch bricht Schmidt-Rottluff hier mit dem traditionellen Blick auf die italienische Landschaft. Vielmehr sind in der magischen Übersteigerung und der unwirklich aufgeladenen Stimmung, aber auch in der klassischen Ruhe Anregungen der für Schmidt-Rottluff zeitgenössischen Kunst der italienischen »Pittura metafisica« oder des »Magischen Realismus« festzustellen. In dieser Strömung der Jahre zwischen den Weltkriegen kehrte die Bildsprache formal zu größerer Naturnähe, zu klassischen Formen und Volumen, zu größerer »Sachlichkeit« zurück. Inhaltlich und atmosphärisch entstanden neue Bedeutungsebenen, durch bewusste Brüche mit der gesehenen Wirklichkeit, durch das Hinzunehmen nur innerlich wahrgenommener Momente.
Ein Vergleich mit Giorgio De Chiricos fast schon surreal anmutendem Gemälde »Einsamkeit (Melancholie)« (Abb. 2) zeigt grundsätzliche Parallelen zu den römischen Bildern Schmidt-Rottluffs. Augenfällig sind die extrem verstärkt inszenierten Schatten, die durch eine tiefstehende Lichtquelle hervorgerufen werden, die unheimlich aufgeladene Wirkung der dunklen Fenster- und Türhöhlen sowie eine generelle Atmosphäre von Einsamkeit und Verlassenheit. Allerdings überwiegt bei Schmidt-Rottluff das konstruktive Interesse an der rein bildnerischen Komposition der einzelnen Bildelemente.
Es zeigt sich, wie agil und geistig beweglich Schmidt-Rottluff war und wie er sich sowohl mit kunsthistorischen Traditionen als auch mit aktuellen Strömungen der Avantgarde seiner Zeit auseinandersetzte und etwas völlig Neues und Eigenständiges daraus schuf. Auch hatte er sich, vom Expressionismus kommend, weiter entwickelt und über das rein intuitive, spontane Gestalten als Ausdruck einer subjektiv erlebten Emotion hinaus ein tiefgreifendes Interesse für bildimmanente Fragestellungen und geistige, symbolhafte Bedeutungsebenen ausgebildet.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M.: Brücke-Museum Berlin - Malerei und Plastik : Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung ; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2011.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Monte Palatino" ((305)) (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 3

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 299

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Abb. S.Tafel 4, Kat. Nr.7

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.Kat.-Nr. 56

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.73

Schmidt-Rottluff : Gemälde, Landschaften aus 7 Jahrzehnten, Knupp-Uhlenhaut, Christine, Hamburg : Altonaer Museum, 1974, Abb. S.Tafel S. 93, Kat. Nr.Kat.-Nr. 26

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.28, Abb. S.29, Kat. Nr.4

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.27, Abb. S.38, Kat. Nr.7