Zurück zu den Ergebnissen
Zurück zu den Ergebnissen
Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Geweihfarn in der Mitte

Jahr
1957
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 77 x 112,5 cm
Rahmenmaß 88 x 124,2 x 4 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Karl Schmidt-Rottluff. expressiv - magisch - fremd, , Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Vor unbestimmtem, in diffusen Blau-, Violett- und Gelbtönen differenziert moduliertem Hintergrund erscheint in weitgehend überschneidungsfreier Anordnung das formatfüllende Ensemble zweier afrikanischer Plastiken im spannungsreichen Dialog mit der titelstiftenden Topfpflanze des Farngewächses und dem Schmuckaccessoire einer Halskette. Komplettiert wird das gleichsam bühnenartig inszenierte Arrangement von der offenbar hölzernen, mit graphisch-geometrischen Zeichen dekorativ verzierten Radscheibe, die an asiatische oder indianische Herkunft denken lässt. Die lange, aus grünlichen Steinen gefertigte Halskette(1) stammt sehr wahrscheinlich von der Hand des Künstlers und findet sich als belebendes Bildsujet im ebenfalls 1957 entstandenen, allerdings kleinformatiger angelegten Stilleben »Inmitten der Gandharakopf«. Die hohe, aus dunklem Holz gestaltete und durch mittig gespiegelte Gesichtszüge belebte Gefäßskulptur sowie die große Maske mit blau-schwarzer Bemalung sind Schmidt-Rottluffs Privatsammlung außereuropäischer Kunst entlehnt. Die erwähnte Gefäßplastik mit beidseitigen Henkeln stand neben weiteren gefundenen, gesammelten oder selbst geschaffenen Artefakten bis zum Tod des Künstlers auf dem Bücherbord im Wohnzimmer seines Berliner Domizils in der Schützallee 136, 1. Stock, wie eine Aufnahme von 1976 zeigt. Die physiognomisch beseelte Gesichtsmaske kehrt wieder als zentrales Motiv im Stilleben »Maske über Philodendronblättern« von 1961.(2)
Wie in zahlreichen anderen Stilleben-Kompositionen des Schmidt-Rottluffschen Gesamtwerkes wiederholt zu beobachten, artikulierte der Maler auch im vorliegenden Gemälde die demonstrative Zusammenschau von »primitiver« Kultur und persönlicher Lebensführung, formulierte die bekenntnishafte Suche nach dem Eigenen im Fremden. Die vom Künstler hoch geschätzten Dinge werden in ihrer unverfälschten formalen Eigenart und farblichen Ausdruckskraft dem Auge des Betrachters übersichtlich dargeboten. Ohne plausiblen Bezug zum Umraum oder zu einer Standfläche erscheinen die Gegenstände entkörperlicht und entfalten die Wirkung eigentümlichen Schwebens, wodurch der unwirkliche, geheimnisvoll anmutendende Stimmungsgehalt der Darstellung beträchtlich intensiviert wird. Die eigenwillige Perspektivlösung, welche das Sujet den Gesetzlichkeiten von Zeit und Raum entrückt, verstärkt zusammen mit dem fluoreszierend aufleuchtenden Blau der Oberflächen den irrealen Gesamteindruck. Schmidt-Rottluffs Bilddramaturgie beschwört eine mystische Atmosphäre, in der die sorgsam ausgewählten Objekte verschiedenster Herkunft und Funktion ein Eigenleben entwickeln. Seine vergleichsweise realitätsnahe Ausformung der gezeigten Dinge offenbart den Anspruch nach Wiedererkennbarkeit und Identifizierung des Vorgeführten. Eindrucksvolle Bildschöpfungen wie »Geweihfarn in der Mitte« lassen deutlich werden, wie stark Schmidt-Rottluffs bereits 1911 aus der Faszination für das Ursprüngliche und Authentische heraus einsetzende Primitivismus-Rezeption(3) bis in das späte Schaffen hinein sowohl für die Motivfindung als auch die Stilsprache wirksam bleibt. Zusammen mit dem erwähnten Gemälde »Inmitten der Gandharakopf« und der Komposition »Korb und Karaffe« von 1958 zählt das vorliegende Bild zu den letzten Stilleben im malerischen Gesamtwerk des Künstlers.

(1) Siehe dazu auch: Gerhard Wietek, Karl Schmidt-Rottluff. Plastik und Kunsthandwerk. Werkverzeichnis, München 2001, Kat. Nr. 421-430, Abb. S. 482-489.
(2) Siehe Abb. in: Magdalena M. Moeller, Karl Schmidt-Rottluff. Werke aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, München 1997, Kat. Nr. 175, Tafel 175.
(3) Vgl. Andreas Gabelmann, Wege ins Neue, Schmidt-Rottluffs Auseinandersetzung mit Futurismus, Kubismus und Primitivismus, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Ein Maler des 20. Jahrhunderts, Museum am Ostwall Dortmund, München 2001, S. 220-228.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
: Nicht signiert (Signatur)
Rückseitig auf dem Bildträger: 5714 =Geweihfarn in der Mitte= Schmidt=Rottluff (Bezeichnung)

Inventarnummer
33/64

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Ozeanien, Maske

Ozeanien, Handtrommel

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Abb. S.108, Kat. Nr.46

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.284, Abb. S.285, Kat. Nr.112

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.137, Abb. S.180, Kat. Nr.122