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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Pappeln am Schwarzbach

Jahr
1957
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 76 x 113 cm
Rahmenmaß 87,8 x 124 x 3,5 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Trotz seiner angegriffener Gesundheit sind Schmidt-Rottluffs letzte Schaffensjahrzehnte von einer überdurchschnittlichen künstlerischen Produktivität gekennzeichnet. Dies gilt insbesondere für den Zeitraum der späten 50er und frühen 60er Jahre. Abseits kunsttheoretischer Überlegungen und zeitaktueller Entwicklungen suchte Schmidt-Rottluff unermüdlich die Auseinandersetzung mit den Themen Natur und Landschaft. Im April und Mai 1957 hielt sich der inzwischen 73jährige Maler wie gewohnt in Hofheim am Taunus auf, die Sommermonate verbrachte er wieder in Sierksdorf an der Ostsee. Aufgrund der hügeligen Topographie des bewaldeten Hintergrundes dürfte das vorliegende Gemälde sehr wahrscheinlich während des Aufenthaltes in der Taunusregion entstanden sein.(1) Als Schmidt-Rottluff im Dezember 1964 anlässlich seines 80. Geburtstages dem Land Berlin 74 seiner Werke als Schenkung übergab, gelangte das Bild in den Kernbestand des im Aufbau befindlichen Brücke-Museums.(2)
Über eine freie Vordergrundfläche gleitet unser Blick entlang einer niedrigen Mauer auf das mittig gesehene Hauptmotiv zweier hochaufragender, vom oberen Bildrand angeschnittener Pappeln, die zur Linken von einem kleinen Schuppen, zur Rechten von mehreren dicht in die Bildtiefe gestaffelten Häusern flankiert werden. Der Wasserlauf des titelstiftenden Schwarzbaches ist nicht sichtbar. Die tief stehende Abendsonne taucht die menschenleere Szenerie in eine glutvolle Farbigkeit, erzeugt harte Schlagschatten und lässt die von völliger Stille durchatmete Natur- und Dorfkulisse in warmen Tönen kraftvoll aufleuchten. Keine Bewegung, kein Lufthauch scheint die abendliche Ruhe zu stören. Wie in zahlreichen Landschaftsgemälden suchte Schmidt-Rottluff abermals die harmonische Verbindung von Vegetation und Architektur und konstruierte mit sicherem Gespür für eine ausgewogene, strenge und stimmige Komposition das Spannungsverhältnis zwischen vertikalen, horizontalen und diagonalen Strukturen, zwischen Statik und Dynamik. Als Resultat spricht eine eigentümlich entrückte, gleichsam zeitlose und kontemplative Stimmung aus dem Bildganzen. Zu den wichtigsten Ausdrucksfaktoren erklärte Schmidt-Rottluff das expressiv überreizte Zusammenspiel von Licht und Farbe sowie von energischer Konturzeichnung und großzügiger Flächengestaltung. In vielen Partien gewinnt das helligkeitsgesättigte Kolorit eine transparente Wirkung von aquarellhafter Leichtigkeit und unmittelbarer Frische. Der gewählte Bildausschnitt fokussiert unsere Aufmerksamkeit auf das Essentielle der beobachteten Natur und fängt allein das Wesentliche im Charakter der Landschaft ein. Über die 1957 geschaffenen Arbeiten »Pappeln am Schwarzbach«, »Die große Wolke« und »Inmitten der Gandharakopf« bemerkte der Schmidt-Rottluff-Biograph Karl Brix: »Solche Arrangements zusammenzustellen und sie farbig zu orchestrieren bereitet Schmidt-Rottluff Freude, sie spielen im Schaffen dieser Zeit bei ihm dieselbe gewichtige Rolle wie der gleiche Sujetkreis bei Heckel.«(3) Bildschöpfungen wie die vorliegende machen anschaulich, wie sehr die ungestüme Emotion aus den Sturm-und-Drang-Jahren der »Brücke« nunmehr einem vergleichsweise abgeklärten Ausdruckswillen zur klar definierten, tektonisch verfestigten Formanlage gewichen ist. Zwei Jahre nach Entstehung des Gemäldes verarbeitete Schmidt-Rottluff das Motiv in identischer Weise im Aquarell »Pappeln«.(4)

(1) Dieser Lokalisierung der Darstellung folgte auch Karl Brix, der das Gemälde als »ein Motiv aus dem Taunus« bezeichnete. Vgl. Karl Brix, Karl Schmidt-Rottluff, Leipzig 1972, S. 64.
(2) Vgl. auch: Magdalena M. Moeller, Das Brücke-Museum, in: Ausst.-Kat. »Brücke« und Berlin. 100 Jahre Expressionismus, Nationalgalerie Berlin, Brücke-Museum Berlin 2005, S. 342.
(3) Zit. nach: Brix 1972 (wie Anm. 1).
(4) Siehe Abb. in: Die Maler der Brücke, Sammlung Hermann Gerlinger, Stiftung Moritzburg, Halle 2005, Kat. Nr. 296, S. 13.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
: Nicht signiert (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Pappeln am Schwarzbach" ((5712)) (Bezeichnung)

Inventarnummer
31/64

Werkverzeichnisnummer
nicht mehr bei Grohmann

Literatur

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Kat. Nr.37

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Erw. S.29, Abb. S.132, Kat. Nr.68

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.278, Abb. S.279, Kat. Nr.109

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.78, Kat. Nr.47