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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Vase mit Rainfarn

Jahr
1956
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 66 x 74 cm
Rahmenmaß 77,2 x 85,2 x 4,4 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Im nahezu quadratischen Bildformat bringt Schmidt-Rottluff das reizvolle Arrangement mit Malpalette, Früchten und Blumenvase auf gelber Grundfläche vor dunkelroter Rückwand zur Anschauung. Als titelstiftendes Hauptmotiv erscheint im rechten Mittelgrund die große Steingutvase mit drei weit ausladenden, den oberen Bildrand berührenden Farnblüten, deren Farbigkeit mit der Standfläche des Stillebens korrespondiert. Bei dem Rainfarn handelt es sich um ein Gewächs aus der Pflanzenfamilie der Wurmkräuter, das in Auwäldern, Hecken und an Wegrändern vorkommt und halbkugelige Blütenköpfe ausbildet, die als Besonderheit ätherische Ole enthalten. Als kompositorisches Gegengewicht dazu positionierte Schmidt-Rottluff im linken Hintergrund die leere blaue Vase, deren strahlkräftiges Kolorit von einer in der linken oberen Bildecke aufleuchtenden, breitflächig gestrichenen Farbpartie aufgenommen wird. Ein perspektivisch gebrochenes Wechselspiel zwischen Auf- und Ansicht belebt die Komposition und sorgt für das spannungsreiche Verhältnis zwischen Gegenstandskörpern und Umgebungsraum. Ein freier, additiv aufgelockerter Bildaufbau prägt die collagehaft wirkende Anordnung der Dinge: ohne nachvollziehbaren Bezug zur Standebene sind die wenigen Dinge als reine Silhouetten-gestalten mit sparsamen Überschneidungspunkten vor dem Auge des Betrachters über den knappen Bildausschnitt verteilt. Unter Vermeidung komplizierter Raumkonstruktionen breitet Schmidt-Rottluff alle Formen parallel zur Bildebene aus. Im entscheidenden Unterschied zu früheren Stilllebenarbeiten übernehmen nun nicht mehr sichtbare Konturlinien die betonte Einfassung der Gegenstandsformen. Statt dessen füllen schmale, kontrastreiche Farbzonen die umlaufenden Randbezirke zwischen den Objekten und dem angrenzenden Umraum. Das Resultat ist eine deutliche Verunklärung des erwarteten Bezuges zwischen Figur und Grund, so dass der Eindruck eines eigentümlichen Schwebens — insbesondere im Falle der bläulich umflossenen Äpfel und Birnen hervorgerufen wird. Raum, Körper und Fläche, Einzelstück und Gesamtordnung, werden in eine malerische Dialektik geführt, welche die Darstellung der Eindeutigkeit entzieht. Zusammen mit der intensiv leuchtenden Farbgebung haftet der Komposition dadurch nicht nur ein expressiver, sondern auch ein ausgesprochen dekorativer, beinahe plakativer Ausdruckscharakter an. Vermittels der strengen und klaren Bildanlage kennzeichnen Ruhe und Ausgewogenheit den Wirkungsgehalt der Komposition. Die intime Bildschöpfung kombiniert und verknüpft mit der Präsentation von Palette, Blumenschmuck und Früchten metaphorisch die Bereiche künstlerischen Tuns und häuslichen Lebens. Das mit 66 x 74 cm vergleichsweise kleinformatige Gemälde »Vase mit Rainfarn« gehört zweifellos zu den weniger bekannten, häufig übersehenen Arbeiten aus der späten malerischen Werkperiode Schmidt-Rottluffs.
Einen durchaus ähnlichen formalen Aufbau von Stilleben kennen wir von den Kompositionen Georges Braques und Henri Matisse' aus den 40er und 50er Jahren. Das vollkommen zur Fläche reduzierte Hintereinanderschichten von Gegenständen und Farbakkorden ohne lineare Konturierung vor großen Hintergrundpartien rückt Schmidt-Rottluffs unkonventionelle Bildfindung in die stilistische Nähe zu Stilleben von Nicolas de Staël und damit in das gestalterisch-ästhetische Spannungsfeld der zeitgenössischen Moderne nach 1945.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert oben links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Bildträger: Schmidt=Rottluff "Vase mit Rainfarn" ((568)) = gewachst = (Bezeichnung)

Inventarnummer
25/64

Werkverzeichnisnummer
nicht mehr bei Grohmann

Literatur

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.266, Abb. S.267, Kat. Nr.103