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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Brücke mit Eisbrechern

Jahr
1934
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 98 x 112 cm
Rahmenmaß 111,8 x 126,2 x 4 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das großformatig angelegte Bild konfrontiert den Betrachter mit dem steinernen Bauwerk der über einen breiten Flusslauf rasant in den Tiefenraum fluchtenden Brückenanlage, die durch drei massive Eisbrecher geschützt ist. Wie bereits im Gemälde »Entwurzelte Bäume« aus dem gleichen Entstehungsjahr zu beobachten, wandelte sich unter dem Eindruck der Zeitverhältnisse der Landschaftsraum zu einem mit existentiellem Aussagehalt aufgeladenen und suggestivem Zeitbezug behafteten, seelisch-emotionalen Erfahrungsraum und zur geistigen Projektionsebene für die krisenbedingte, von Schwermut und Bedrängtheit geprägte Lebens- und Arbeitssituation des Malers. Vor dem Hintergrund der Diffamierung Schmidt-Rottluffs als »entarteter« Künstler, wodurch ihm neben dem 1933 erfolgten Ausschluß aus der Preußischen Akademie der Künste ab 1937 auch Mal- und Ausstellungsverbot auferlegt wurde, muss die Darstellung einer Brücke mit Eisbruchkonstruktion als kritischer Bildkommentar zu den prekären Zeitumständen gelesen werden und gewinnt die Bedeutung einer Metapher des Widerstandes gegen das Regime des Dritten Reiches. Die unter unheilvoll verdunkeltem Gewitterhimmel in gleißender Helligkeit geradezu visionär aufleuchtende Architektur wird zum mahnenden Bollwerk gegen Verfemung und Unterdrückung. Harte, dramatische Licht-Schatten-Kontraste steigern den düster-bedrohlichen Wirkungsgehalt der Darstellung. Intensive Farbgebungen, reduziert auf den Dreiklang Gelb-Blau-Grün, sowie scharfe Konturierungen und schroffe Vereinfachungen betonen die Festigkeit der architektonischen Formen.
Sinnbildlich artikulierte Schmidt-Rottluff in der monumentalen Architekturlandschaft seinen Willen zum Distanzhalten zu den NS-Machthabern und seine Entschlossenheit zum kompromisslosen Weiterarbeiten im Verborgenen der »inneren Emigration«. Die im Gemälde eindringlich formulierte Verknüpfung von Natursicht, Selbstreflexion und Gegenwartsanalyse wurde denn auch treffend als »politische Ikonographie subjektiver Prägung«(1) gedeutet. Wie in den übrigen Gemälden und Aquarellen dieser schwierigen Lebens- und Werkphase nutzte Schmidt-Rottluff das künstlerische Agieren mit Pinsel und Farbe, Leinwand und Papier, vermehrt als trotzige Selbstbehauptung sowie als Mittel der eigenen Standortbestimmung inmitten eines angespannten, in ideologischer Bevormundung erstarrten geistig-kulturellen Klimas. Innerhalb des zeit- und kunstgeschichtlichen Kontextes der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges bedienten sich auch andere Künstler der Metaphorik des Eisbruches als Sinnbild für Hoffnung und Widerstand, so etwa der ebenfalls in die »innere Emigration« abgetauchte Schicksalsgefährte Otto Dix in seinem 1940 geschaffenen Gemälde »Aufbrechendes Eis mit Regenbogen über Steckborn«. Schneelandschaften mit deutlichem Symbolcharakter finden sich in Schmidt-Rottluffs Schaffen der Jahre 1933-45 vor allem im Medium des Aquarells, so in den Blättern »Kirschbaum im Winter I« von 1939 und »Letzter Schnee« von 1944.(2) Erstmals öffentlich zu sehen war die Arbeit »Brücke mit Eisbrechern«, die sich bis zur Schenkung an das Brücke-Museum ständig in Schmidt-Rottluffs Besitz befand, 1954 im Schloss Charlottenburg anlässlich der Ausstellung zum 70. Geburtstag des Künstlers.(3)

(1) Zit. nach: Hans-Werner Schmidt, Karl Schmidt-Rottluff. Ein »Spätwerk« von vier Jahrzehnten, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf 1992, Stuttgart 1992, S. 27.
(2) Vgl. Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Aquarelle, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen u.a., München 2004, Tafel 80 u. 90.
(3) Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Zum 70. Geburtstag, Schloß Charlottenburg, Berlin 1954, Kat. Nr. 62.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: [...] / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
7/64

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 301, Tafel S. 221

Literatur

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Abb. S.Tafel 51, Kat. Nr.23

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.58

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.85

Karl Schmidt-Rottluff : Retrospektive, Staatsgalere Stuttgart, Gunter Thiem, Stuttgart, München : Prestel, 1989, Abb. S.Tafel 103, Kat. Nr.289

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.222, Abb. S.223, Kat. Nr.81

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.152

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.28, Abb. S.42, Kat. Nr.11

Karl Schmidt-Rottluff, Remm, Christiane, München : Klinckhardt & Biermann, 2016, Erw. S.47, Abb. S.47, Kat. Nr.27

Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus, Aya Soika, Meike Hoffmann, Meike Hoffmann, Lisa Marei Schmidt, Aya Soika für das Brücke-Museum, Hirmer Verlag, München, 2019, Abb. S.Abb. 108