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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Antiquitäten

Jahr
1928
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 56 x 87,5 cm
Rahmenmaß 71,7 x 103,5 x 4,5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Karl Schmidt-Rottluff. expressiv - magisch - fremd, , Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Details zum Erwerb
Erworben 1971 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Mit dem vorliegenden Gemälde setzte Schmidt-Rottluff 1928 seinen stillen Dialog mit den einfachen Dingen der häuslich-privaten Lebensumgebung fort. Wie im zuvor gesehenen Stilleben »Karton mit Wolle« bestimmt auch hier ein nahes Heranrücken an die Gegenstände den engen Bildausschnitt. Übersichtlich komponiert und beinahe überschneidungsfrei arrangiert begegnen dem Betrachter in leichter Aufsicht vor bildparallel geschlossener Rückwand die wenigen Objekte: zwei ältere, gusseiserne Bügeleisen mit hölzernen Griffen und ein ausgetretenes Paar weißer Damenschuhe. Die Bildgegenstände sind von Schmidt-Rottluff vorrangig aus Interesse an der besonderen Form ausgewählt, denn die auf wenige Kontraste und erdige Töne reduzierte Farbigkeit tritt deutlich hinter die dezidierte Formfindung zurück. Die plastisch betonte Körperhaftigkeit der Dinge ist kraftvoll modelliert, harte Schlagschatten und tiefschwarze Konturierungen steigern die Erscheinung der Gegenstände zu großgesehener Form und massiger Schwere. Zugunsten einer stärkeren Vergegenwärtigung der drei Einzelmotive ist auf Weite und Raumtiefe verzichtet. Eine herbe Strenge der Formgebung und klare Einfachheit im Bildaufbau prägen den Wirkungsgehalt der schlichten Komposition. Als auffällig und ungewöhnlich muss die wie zufällig anmutende Wahl der Gegenstände gewertet werden, die höchst unterschiedlichen, sogar gegensätzlichen Motivwelten und Lebensbereichen entnommen sind: die in ihrer massiven Präsenz urtümlich. erscheinenden Bügeleisen verweisen auf die Sphäre mühsamer Hausarbeit, die einst eleganten Damenschuhe hingegen lassen Lebensfreude und Mode assoziieren; ihre dynamisch kippende Position am rechten Bildrand evoziert das Gefühl von gesellschaftlichem Amüsement außer Haus, erinnert an vergangene Tage mit Tanzvergnügen und unbeschwerter Leichtigkeit. Diesem Gegensatz entspricht der wirkungsvolle Kontrast zwischen den dunklen Eisengeräten und dem hellen Aufschimmern der Schuhe.
Schmidt-Rottluffs Affinität zu belanglosen Gegenständen der Alltagswirklichkeit muß vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Kunstentwicklung der 20er Jahre betrachtet und eingeordnet werden: innerhalb der Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit genoß gerade die scheinbar lapidare, nüchterne und schlichte Darstellung unbewegter Dingwelten in kargen Innenräumen große Wertschätzung. Auch Schmidt-Rottluff blieb von der zeittypischen Rückbesinnung auf den unbelebten Gegenstand nicht unberührt. Im Unterschied zu Vertretern der neusachlichen Malerei strebte Schmidt-Rottluff jedoch nicht danach, durch einen übersteigerten Realismus verborgene Realitäten hinter der äußeren Erscheinung der Dinge aufzudecken. Trotzdem geht von den auf schmaler Raumbühne inszenierten Dingen eine eigenartige, fast geheimnisvolle Stimmung aus. Durch die unprätentiöse Darstellungsweise entwickeln die Gegenstände ein seltsames Eigenleben. Jener Umstand rückt Schmidt-Rottluffs Stilleben zumindest formalästhetisch in die Nähe zur zeitgleichen Tendenz des Magischen Realismus und erlaubt Vergleiche mit Arbeiten von Alexander Kanoldt oder Giorgio Morandi.
Obgleich der originale Bildtitel Altes und Wertvolles assoziiert, zeigt Schmidt-Rottluff keine Antiquitäten im klassischen Sinne. Hinsichtlich der besonderen Stille und Ruhe, die das Werk ausstrahlt, darf das Gemälde als charakteristisch für Schmidt-Rottluffs Stillebenkunst in den späten 20er und 30er Jahren gelten. Noch im Entstehungsjahr präsentierte er das Gemälde auf einer Einzelausstellung in der Berliner Galerie Ferdinand Möller.(1) Im Folgejahr war das 1971 als Geschenk des Künstlers in die Sammlung des Brücke-Museums gelangte Bild in der großen Einzelschau des Malers in der Chemnitzer Kunsthütte zu sehen.(2) Das Werk ist Teil einer größeren, im Jahr 1929 geschaffenen Serie von Stillleben.(3)

(1) Vgl. Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff, Neue Gemälde und Aquarelle, Galerie Ferdinand Möller, Berlin 1928, Kat. Nr. 8.
(2) Vgl. Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff, Kunsthütte Chemnitz 1929, Kat. Nr. 16.
(3) Siehe dazu: Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff, Stuttgart 1956, S. 297-298.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert oben rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Antiquitäten" ((287)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
39/71

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 297

Literatur

Schmidt-Rottluff : Colección Brücke-Museum Berlin, 6 octubre - 17 diciembre 2000 , Fundación Juan March, Madrid, Madrid : Fundación Juan March, 2000, Kat. Nr.17

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.65

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.208, Abb. S.209, Kat. Nr.74

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.131, Abb. S.143, Kat. Nr.85