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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Weißer Kopf

Jahr
1922
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 76 x 61 cm
Rahmenmaß 96,5 x 80,5 x 5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Details zum Erwerb
Erworben 1971 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Bildnisköpfe sind das zentrale Motiv in Schmidt-Rottluffs Schaffen zwischen 1916 und 1918. Mit ihnen hatte er — im Holzschnitt, da ihm während seines Kriegsdienstes das Malen in Öl nicht möglich war — die konzentrierte Wiedergabe menschlicher Charakteristik studiert. Die Problematisierung des Menschenbildes als Reaktion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der Kriegs- und Nachkriegszeit sowie auf ihre Konsequenzen für das Individuum geht einher mit einer zeichenhaften Komprimierung der Formen und brutaler Deformation der natürlichen Gestalt und ihrer Proportionen. Unerschütterliche Präsenz und raumgreifende Monumentalität ist das Ergebnis dieser Ausdrucksstudien, in denen auch der Einfluss afrikanischer Plastik deutlich wird. Nach dem Krieg, ab 1919, begann Schmidt-Rottluff dieses Ausdruckspotenzial in seine Malerei zu übertragen. Eine reduzierte, kantig verhärtete, robuste Formensprache und starke Kontraste nehmen Bezug auf die Stimmungen und prononcieren Introvertiertheit und Vergeistigung. In der Mehrzahl entstanden szenische Darstellungen und erzählerische Figurenbilder. »Weißer Kopf« ist eines der wenigen Bilder, in denen Schmidt-Rottluff in den 1920er Jahren das Motiv der anonymisierten Bildnisköpfe malerisch bearbeitete. Er setzte das Bildnis aus Farbflächen zusammen, die vereinfachte, aber charakteristische Formen des Gesichtes und der Gestalt markieren. Anders als in seinen Holzschnitten, wo die Linie immer den Zusammenhang der Flächen vermittelt, nutzte Schmidt-Rottluff sie im Gemälde lediglich unterstützend zur Bezeichnung feinerer Details, z. B. zu Andeutungen einer Physiognomie oder des Übergangs von Haut zu Stoff. Großzügige Formen, willkürlich wirkende Farbgebung und skizzenhafter Strich bedingen eine erregte Bildsprache; die unnatürlichen Kontraste bewirken eine dramatisch beunruhigte Bildästhetik, die jedoch einer bildbezogenen Ordnung folgt. Indem Schmidt-Rottluff Weiß als Kontrast zu Blau wählt (und nicht gelb, wie in den gleichzeitig entstandenen Arbeiterbildern), bringt er eine starke zerstörerische Kraft ins Bild. Sie bricht die Fläche, die Form und den Raum ebenso wie die Gestalt und löst die Figur vom Hintergrund, aus ihrem Bildraum, und drängt sie sogleich in ihn hinein. Die entstehenden Brüche verweisen zugleich sinnbildhaft auf die Isolation und Verletzlichkeit der dargestellten Person.
Bemerkenswert ist auch die Verschiedenheit der Augen, das rechte geöffnet und mit einer besonderen Farbe (gelb) unterlegt, das linke geschlossen. Seit 1918 (bis etwa Mitte der 20er Jahre) stattete Schmidt-Rottluff seine Portraits und bildnishaften Darstellungen mit »zweierlei Augen« aus: einem offenen und einem geschlossenen, einem strahlenden und einem verschatteten oder einem großen und einem kleinem.(1) Mit ihnen etablierte er ein ausdrucksstarkes Symbol für die beiden Seiten des Lebens, der aktiven, in der ein wacher Geist am Geschehen Anteil nimmt, und der passiven Seite, in der der Mensch seinem Schicksal hingegeben das Dasein zu ertragen hat.

(1) Andreas Hüneke, Zweierlei Augen. Ein Deutungsvorschlag, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Druckgrafik, hrsg. von Magdalena M. Moeller, Brücke-Museum Berlin u.a., München 2001, S. 43-51.

Christiane Remm

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert Mitte links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Weißer Kopf" (Bezeichnung)
: verworfenes Gemälde (beschnitten), übermalt; auf der Leinwand bezeichnet: 2213 (Rückseite)

Inventarnummer
34/71

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.188, Abb. S.189, Kat. Nr.65

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.109, Kat. Nr.65