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Künstler

Otto Mueller

Titel

Drei Akte in Landschaft

Jahr
1922
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 120,5 x 88,5 cm
Rahmenmaß 145,5 x 115,5 x 5 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1989 aus Privatbesitz
Credits
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

In seinem gut drei Jahrzehnte währenden Schaffen entwickelte Otto Mueller für seine Darstellungen des Themas »Akt in der Landschaft« ein System, in dem er die Elemente Mensch und Natur herausgreift und variiert. Er idealisiert Formen und Kompositionen, verkürzt skizzenhaft, strafft, klärt oder verhärtet sie und bringt sie in immer neue Zusammenhänge. Ein Beispiel für diese, sein gesamtes Künstlerleben bestimmende Arbeit ist das Motiv der »Drei Akte in der Landschaft«. Bereits 1909 formulierte er dieses in der Lithographie »Zwei Mädchen und ein Jüngling«; »Die großen Badenden« von 1914 zeigen das Motiv in einer eigenen Variation. Die Lithographie »Stehender Knabe und zwei Mädchen II« (1917) gibt hingegen das Figurenarrangement des Gemäldes schon sehr deutlich zu erkennen. Aus dem Knaben ist 1922 ein Mädchen geworden. Der linke Arm folgt nicht mehr der Körperlinie, sondern wiederholt nun die Beugung des Ellbogens und betont den Schwung der Hüfte, was mehr Spannung und Bewegung in das Bild bringt. Einen ähnlichen Effekt bewirkt die stärkere Drehung und die Öffnung der Körperhaltung des rechten (Rücken-)Aktes.
Das permanente Modellieren und Arrangieren seiner Figuren kam Otto Muellers Natur als Zeichner entgegen. Als gelernter Lithograph war er darin geübt, die Figuren primär aus der Linie heraus zu entwickeln und dabei die »weiße« Fläche auszusparen. In seinen Gemälden arbeitete Mueller ebenfalls mit dieser Methode. Die so erzielte Wirkung der »hellen Linien des Aktes magischen Zeichen gleich«(1) entsprach seiner Absicht — in einer seiner seltenen Äußerungen zu seiner Kunst erklärte er die Kunst der alten Ägypter als vorbildlich für sich.
Für die Entwicklung seines Figuren-Themas können noch weitere Bezüge angeführt werden. So wird beispielsweise eine gewisse Nähe zur Kunstauffassung Wilhelm Lehmbrucks deutlich. Besonders die langgliedrigen überdehnten Figuren Muellers sowie einige spezielle Posen könnten der Inspiration durch Werke Lehmbrucks geschuldet sein.(2) Das inszenierte Nebeneinander von Gestalten in unterschiedlicher Haltung legt eine intensive Auseinandersetzung auch mit dessen zeichnerischem und malerischem OEuvre nahe.
Parallelen lassen sich auch zwischen einzelnen Aspekten der Kunstauffassung Paul Cézannes und dem Werk Otto Muellers feststellen. Cézannes »Badende«, zwischen 1859 und 1906 in über 200 Variationen entstanden, waren für die folgende Künstlergeneration eine dauerhafte Herausforderung. Wie intensiv Mueller sich mit den Werken Cézannes befasst hat, kann nur vermutet werden.(3) Der besondere Weg Muellers bei der Gestaltung des »Ursprünglichen« durch das Komponieren mit abstrahierten Linien und Formen zu einem Motiv, das die Wirkung einer perfekten und überzeitlichen Idylle verbreitet und die Empfindung der vollkommenen Einheit von Mensch und Natur suggeriert, ähnelt jedenfalls der Methode, die Cézanne während seiner Arbeit an den »Badeneu« etabliert hatte. Otto Muellers Akt-Landschaft-Darstellungen, deren reale Vorlage Szenen ausgelassen Badens und Spielens sowie des ungezierten Ruhens in trauter Gemeinschaft waren, werden — anonymisiert, stilisiert und inszeniert — zu Bildern eines überirdischen Einsseins mit der Natur und zum Sinnbild seiner Paradiesvorstellung.(4)

(1) Alexander Camaro, Erinnerungen an Otto Mueller. Aus meinem Tagebuch Breslau, in: Brücke-Archiv, hrsg. von Leopold Reidemeister, Heft 6, 1972/73, S. 29
(2) Mueller konnte 1908 und 1909 auf der »Großen Berliner Kunstausstellung« Werke Wilhelm Lehmbrucks studieren, gemeinsam waren beide Künstler 1912 auf der vierten Ausstellung der »Neuen Secession« in Berlin vertreten.
(3) Wahrscheinlich hat Mueller zumindest in der Frühjahrs-Ausstellung der Berliner Secession 1909 Cézannes »Grandes Baigneuses« (1900-1905) gesehen, sowie eine weitere Cézanne-Ausstellung in der Berliner Galerie Paul Cassirer im November 1909.
(4) Vgl. zum Thema: Auf der Suche nach dem Ursprünglichen. Mensch und Natur im Werk von Otto Mueller und den Künstlern der Brücke, Brücke-Archiv, hrsg. von Magdalena M. Moeller, Heft 21, München 2004.

Christiane Remm

Aus: Magdalena M. Moeller (Hg.), Brücke-Museum Berlin. Malerei und Plastik. Kommentiertes Verzeichnis der Bestände, München 2005, Nr. 152.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: OM (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)
Rückseitig auf dem Bildträger: Gemälde-Studie/verworfene Malerei (Rückseite)

Inventarnummer
5/89

Werkverzeichnisnummer
Lüttichau/Pirsig 145

Literatur

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.167

Das Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., München : Prestel, 1996, Abb. S.79

Otto Mueller : Gemälde, Aquarelle, Pastelle und Druckgraphik aus dem Brücke-Museum Berlin, Hoffmann, Meike, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 1996, Kat. Nr.4

Otto Mueller : eine Retrospektive, Brade, Johanna, München : Prestel, 2003, Abb. S.101, Kat. Nr.72

Otto Mueller : ein Romantiker unter den Expressionisten, Lüttichau, Mario-Andreas von, Köln : DuMont, 1993, Abb. S.Tafel 8

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.Kat.-Nr. 143

Brücke und Berlin : 100 Jahre Expressionismus, Arnold-Becker, Alice , Berlin : Nicolai, 2005, Kat. Nr.Kat.-Nr. 254

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.Kat.-Nr. 167

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.384, Abb. S.385, Kat. Nr.152

Im Zentrum des Expressionismus. Erwerbungen und Ausstellungen des Brücke-Museums Berlin 1988 - 2013. Ein Jubiläumsband für Magdalena M. Moeller, Gercken, Günther, Wolfgang Henze, Janina Dahlmanns, Christiane Remm, Karin Schick, Magdalene Schlösser, Aya Soika, Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin, André Schmitz, Berlin, München : Hirmer, 2013, Erw. S.477, Abb. S.478, Kat. Nr.394

Meisterstücke : die schönsten Neuerwerbungen des Brücke-Museums ; ein Handbuch zur Ausstellung, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Kat. Nr.107

Otto Mueller, Remm, Christiane, München : Hirmer, 2014, Abb. S.100, Kat. Nr.77

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.309

Max Kaus. Schenkungen für das Brücke-Museum Berlin, Hauptautor: Janina Dahlmanns, Volker Strunz, Magdalena M. Moeller, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Hirmer Verlag, München, 2017, Abb. S.Abb. 9, S. 33

Max Kaus - Erich Heckel. Eine Künstlerfreundschaft, Janina Dahlmanns, Lizzy Blasius, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Hirmer Verlag, München, 2015, Abb. S.Abb. 11, S. 19

... die Welt in diesen rauschenden Farben. Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Magdalena M. Moeller, Rainer Stamm, Christiane Remm, Gloria Köpnick, Magdalena M. Moeller und Rainer Stamm, Hirmer Verlag, München, 2016, Kat. Nr.36

1905 - 1935 Ekspresjon! Edvard Munch - Tysk og Norsk Kunst i tre Tiar, Steinar Gjessing, Arne Eggum, Erik Morstad, Magne Bruteig, Roland Scotti, Magdalena M. Moeller, Helmut R. Leppien, Andreas Hüneke, Kristin Tandberg, Munch-museet, Oslo, 2005, Abb. S.158, Kat. Nr.68

Auf der Suche nach dem Ursprünglichen. Mensch und Natur im Werk von Otto Mueller und den Künstlern der Brücke, Janina Dahlmanns, Magdalena M. Moeller, Christiane Remm, Nicole Peterlein, Magdalena M. Moeller, Hirmer Verlag, München, 2004, Abb. S.54, Kat. Nr.2

Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus, Aya Soika, Meike Hoffmann, Meike Hoffmann, Lisa Marei Schmidt, Aya Soika für das Brücke-Museum, Hirmer Verlag, München, 2019, Abb. S.Abb. 139