Künstler

geboren 31. Juli 1883, Döbeln an der Freiberger Mulde in Sachsen

gestorben 27. Januar 1970, Radolfzell am Bodensee

„Der Zweck unserer Vereinigung ist der Zusammenschluss gleichgesinnter Künstler – von denen jeder in seiner Art, aber mit gleicher Energie zur Selbsttreue schafft.“ 

Der junge Künstler (1883-1905)

Im Jahr 1883 wird das spätere Gründungsmitglied der Brücke im sächsischen Döbeln als jüngstes von drei Kindern geboren. Die Tätigkeit des Vaters als Baurat der königlich-sächsischen Eisenbahn erforderte einige Wohnortswechsel, den Hauptteil seiner Kindheit und Schulzeit verbringt Erich Heckel in Dresden und Chemnitz. Im literarischen Debattierclub am Humanistischen Gymnasium Chemnitz lernt er Karl Schmidt aus Rottluff kennen und begeistert sich für Schriftsteller wie Friedrich Nitzsche und Henrik Ibsen. Schon bald erhält Heckel auch außerhalb der Schule Zeichenunterricht beim Leiter des Chemnitzer Kunstvereins Kunsthütte und fertigt erste Naturstudien in Tusche und Aquarell an. 1904 schließt er die Schule mit Abitur ab und wird von der Kunsthütte für eine seiner Zeichnungen prämiert. Im April desselben Jahres beginnt Heckel das Architekturstudium an der Königlich-Sächsischen Technischen Hochschule Dresden und lernt über seinen Bruder Manfred die Kommilitonen Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl kennen. Kurz darauf beginnt auch Karl Schmidt (später Schmidt-Rottluff) ein Architekturstudium und schließt sich dem Freundeskreis an. Am 7. Juni 1905 gründen die vier jungen Männer die Künstlergruppe mit den Namen Brücke. Als Geschäftsführer mietet Erich Heckel mit Karl Schmidt-Rottluff einen leerstehenden Laden in Dresden an, der sich zum ersten Atelier der Brücke entwickelt.

Die Anfänge der Brücke (1905-1910)

Im Herbst 1906 bricht Heckel das Studium ab, arbeitet weiterhin im Architekturbüro von Wilhelm Kreis als technischer Zeichner und widmet sich intensiv der Netzwerkarbeit um verschiedene Gruppenausstellungen für die Brücke zu organisieren. In den nächsten zwei Jahren hält sich Heckel mehrfach in Dangast auf und lernt dort die Kunsthistorikerin und Autorin Rosa Schapire kennen, die 1907 erstes passives Mitglied der Künstlergruppe wird. Als eine der ersten Frauen wurde sie 1904 in Deutschland promoviert. Anfang des Jahres 1909 reist Heckel für vier Monate durch Italien, hauptsächlich hält er sich in Rom auf, wo er in einer kleinen Atelierwohnung mehr mit seinen Zeichnungen als mit der Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten beschäftigt ist. Den Sommer verbringt er neben ersten Aufenthalten an den Moritzburger Teichen, die zu einem beliebten Brücke-Motiv werden, wieder in Dangast und bleibt im kommenden Frühjahr auch einige Zeit in Berlin, wo der intensive Kontakt und die Freundschaft mit Otto Mueller ihren Anfang nehmen.

Umzug nach Berlin und das Ende der Brücke (1910-1913)

Ende 1910 lernt Heckel seine spätere Lebensgefährtin, die Tänzerin Milda Frieda Georgi (1891–1982) kennen, die unter dem Künstlernahmen Sidi Riha auftritt. Die beiden beginnen ihre Sommer an der Ostseeküste zu verbringen, wo Heckel weitere Inspirationen für seine Werke findet. Nach einem Jahr ziehen Sidi Riha und Erich Heckel im Dezember 1911 gemeinsam nach Berlin-Steglitz. Heckels Bruder Manfred ist in dieser Zeit als Bauingenieur der Eisenbahn in der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika tätig. Von dort bringt er Skulpturen und Gebrauchsgegenstände mit, die Erich Heckel in seine Werke und in seinen künstlerischen Stil einbeziehen wird. In der Berliner Großstadt lernt Heckel bald den Kunsthistoriker Dr. Walter Kaesbach, Assistent an der Berliner Nationalgalerie, kennen. Dieser wird nicht nur ein Mentor, sondern darüber hinaus einer seiner zentralen Sammler. Heckel liest sich intensiver in das Werk Dostojewskis ein. Im Jahr 1913 zerwirft sich die Künstlergruppe Brücke an unterschiedlichen Spannungen, die vor allem über der geplanten Brücke-Chronik entstehen. Am 27. Mai informiert die Gruppe offiziell über ihre Auflösung. Im selben Jahr findet Heckels erste Einzelausstellung in der Galerie Fritz Gurlitt in Berlin statt.

Der Erste Weltkrieg (1914-1918)

Der Erste Weltkrieg bricht im darauffolgenden Sommer aus und Heckel meldet sich als Freiwilliger, wird aber als dienstuntauglich eingestuft. Im Herbst desselben Jahres absolviert er stattdessen eine Ausbildung beim Roten Kreuz in Berlin. Anfang 1915 beginnt er als Krankenpfleger in einem Berliner Lazarett zu arbeiten. Im März wird er nach Flandern in einen Sanitätszug unter Leitung des Kunsthistorikers Walter Kaesbachs versetzt. Kaesbach versammelt in dem Sanitätszug befreundete Künstler, darunter sind neben Heckel auch Max Kaus, Otto Herbig, Anton Kerschbaumer und der Jurist und Dichter Ernst Morwitz. Neben dem Sanitätsdienst gehen die Künstler weiter ihrer künstlerischen Arbeit nach. Es entstehen auch Gemeinschaftsarbeiten. Im Mai 1916 übernimmt Heckel von Kaesbach das Kommando über den Sanitätszug. Neben der Kunst beschäftigt sich die Gruppe auch mit Literatur. Durch Morwitz wird Heckel mit der Lyrik Stefan Georges bekannt gemacht, mit der er sich auch nach dem Ersten Weltkrieg weiter auseinandersetzen wird. Ebenso beginnt eine intesive Lektüre Jean Pauls. Heckel lässt sich hiervon zu verschiedenen Werken anregen. Beispielhaft hierfür ist das Gemälde Roquairol (1917), das auf eine Romanfigur aus Jean Pauls Titan (1800–1803) zurückgeht. Noch während des Kriegs heiraten Siddi und Erich Heckel in Berlin, Siddi Heckel vertritt während der kriegsbedingten Abwesenheit die Geschäfte des Künstlers. Im November 1918 wird er aus dem Militärdienst entlassen.

Künstlerische Etablierung in der Weimarer Republik (1918-1932)

Zurückgekehrt nach Berlin wird Heckel Gründungsmitglied des Arbeitsrates für Kunst ist vorübergehend auch Teil der Novembergruppe. Heckel gelingt in den folgenden Jahren die Etablierung in der deutschen Museumslandschaft. Seine Werke finden nun Eingang in eine Vielzahl öffentlicher Sammlungen. Für den Berliner Kronprinzenpalais ist er sogar in der Auswahlkommission tätig. Im Laufe der 1920er Jahre wird Ferdinand Möller zum wichtigsten Kunsthändler Heckels. Ab 1919 lernt Heckel einige Mitglieder aus dem Kreis um Stefan George kennen und tauscht sich mit ihnen aus, so z.B. den Bildhauer und Museumsmitarbeiter Ludwig Thormaehlen und den Bildhauer Alexander Zschokke. Von Kaesbach erhält er 1921 den Auftrag im Erfurter Angermuseum einen Raum mit Wandbildern auszumalen. In dem hierfür zwischen 1922 und 1924 geschaffenen Bildzyklus „Lebenszyklus“ porträtiert er auf einer Wand Stefan George im Kreis seiner Jünger.  Neben zahlreichen Aufenthalten in Osterholz, wo verschiedene Holzskulpturen entstehen, reist Heckel 1920 zum ersten Mal an den Bodensee. Er ist außerdem häufig zu Gast bei seinem ehemaligen Brücke-Kollegen Otto Mueller in Breslau, der an der dortigen Kunstakademie lehrt. Als dieser 1930 stirbt, ordnet Heckel gemeinsam mit Schmidt-Rottluff  Muellers Nachlass. Im selben Jahr beginnt Sidi Heckel mit einer systematischen Erfassung von Heckels Gemälden.

Die Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945)

Zu Beginn des Nationalsozialismus hat Heckel noch einige Befürworter – auch aus völkischen Kreisen - auf seiner Seite. Er wird von ihnen als Vertreter deutscher Kunstauffassung gefeiert und seine Werke als zeitgemäße Alternative zu einem traditionellen akademischen Stil gepriesen. Auch er selbst erwartet anfangs noch mit seiner Kunst weiterhin eine wichtige Rolle in Deutschland einnehmen zu können. In der Hoffnung auf Anerkennung unterschreibt er im August 1934 den Aufruf der Kulturschaffenden – eine Loyalitätsbekundung gegenüber Hitler als neuem Staatsoberhaupt. Auch wenn Heckels Ausstellungstätigkeit im Vergleich zur Weimarer Republik – nicht zuletzt aufgrund der kritischen Stimmen des NS-Regimes - stark zurückgeht hat Heckel 1934 und 1935 noch einige Einzelausstellungen. So z.B. in der Galerie Ferdinand Möller in Berlin sowie in Krefeld und in Hannover. Die hier ausgestellten Werke – hauptsächlich naturalistisch geprägte Landschaftsmalerei – werden von der Presse wiederholt positiv besprochen. Mit Fortgang des Nationalsozialismus erfährt auch Heckel zunehmend Repressionen. Im Rahmen der Kampagne „Entartete Kunst“ werden im Sommer 1937 fast 800 Arbeiten von ihm aus deutschen Museen beschlagnahmt. Ein Teil davon wird in der darauffolgenden gleichnamigen Propaganda-Ausstellung polemisch zur Schau gestellt. Anders als beispielsweise Schmidt-Rottluff erhält Heckel kein Berufsverbot. Dennoch bekommt auch er keine Ausstellungsmöglichkeit mehr und hat unter Materialknappheit zu leiden. So beschränkt sich seine künstlerische Tätigkeit in den folgenden Jahren im Wesentlichen auf Aquarellarbeiten. Während des Zweiten Weltkrieges und den zunehmenden Bombenangriffen fürchtet Heckel die Zerstörung seiner Werke und legt mehrere Depots an unterschiedlichen Orten in Deutschland an. Dennoch werden etliche seiner Werke zerstört. Im Januar 1944 wird Heckels Wohnung und Atelier in der Emser Straße in Berlin durch eine Brandbombe zerstört.  Daraufhin siedelt er nach Hemmenhofen an den Bodensee nieder.

Nachkriegszeit am Bodensee und Hochschulprofessur (1945-1970)

Auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus kehrt Heckel nicht mehr nach Berlin zurück, sondern bleibt bis zu seinem Tod am Bodensee. Das Angebot Karl Hofers, eine Lehrtätigkeit an der Berliner Hochschule für Bildende Künste anzunehmen, lehnt er ab. Stattdessen übernimmt er 1949 eine Professur an der neueröffneten Karlsruher Akademie der Bildenden Künste, wo er bis 1955 tätig ist. Nach 1945 malt Heckel einige seiner im Krieg zerstörten Werke neu und knüpft auch motivisch an ältere Arbeiten an. Er ist nun auch verstärkt wieder in Ausstellungen vertreten. 1947 erhält er seine erste Einzelausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg in der Hamburger Galerie der Jugend. Mit Siddi erwirbt er 1952 in Hemmenhofen ein Grundstück und lässt ein eigenes Wohnhaus errichten. Zu Heckels 70. Geburtstag im Jahr 1953 finden nicht nur mehrere Jubiläumsausstellungen statt, dem Künstler wird das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. 1955 nimmt er an der ersten documenta in Kassel Teil. 1964 erscheint ein zweibändiges Werkverzeichnis der Druckgraphik Heckels, ein Jahr später eine Monografie mit einem Werkverzeichnis seiner Gemälde. Am von Karl Schmidt-Rottloff 1964 initierten Berliner Brücke-Museum beteiligt sich Heckel mit einer umfassenden Schenkung von Werken. Bei der Eröffnung im Dezember 1967 ist er allerdings aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend. 1968 erleidet Erich Heckel einen Schlaganfall und verwirklicht daraufhin seine letzten Arbeiten auf Papier. Am 27. Januar 1970 verstirbt er im Krankenhaus in Radolfzell. In etwa sechs Jahrzehnten Schaffenszeit setze der Künstler etwa 1100 Gemälde um, dazu kommen rund 1000 Druckgraphiken und mehrere tausend Papierarbeiten. Seine Frau Siddi verwaltet seinen Nachlass und erhält 1977 das Bundesverdienstkreuz I. Klasse. Am 9. Mai 1982 stirbt sie in Hemmenhofen.