Der Bankier Hugo Simon

Céline Marten
Projektassistenz, Brücke-Museum

Hugo Simon war ein vielseitig begabter und engagierter Mensch. Als gelernter Landwirt und Bankier, sozialdemokratischer Politiker, großzügiger Kulturförderer und Kunstsammler gestaltete er die Weimarer Republik maßgeblich mit.

Viele Berufe und Interessen

Simon wurde am 1. September 1880 in Usch (Ujście), einer Kleinstadt in Posen (heute Polen) geboren. Sein Vater war Lehrer und Landwirt, was ihn vermutlich zu einer landwirtschaftlichen Ausbildung bewog. Anschließend zog es ihn jedoch ins Bankgeschäft. Nach einer Banklehre in Marburg ging Simon 1905 nach Berlin und arbeitete zunächst als Prokurist, bevor er 1911 die private Bankgesellschaft Carsch Simon & Co (später Bett, Simon & Co) mitgründete.

Seine sozialdemokratische Einstellung zeichnete sich in seinen vielfältigen Tätigkeiten ab. Simons Kund*innenstamm umfasste zahlreiche Protagonist*innen der linken bis kommunistischen Intellektuellenszene. Er war Parteimitglied der SPD, die er in Finanzfragen beriet, und als überzeugter Pazifist gehörte er zu Beginn des Ersten Weltkriegs zu den Gründungsmitgliedern des Bundes Neues Vaterland (später Deutsche Liga für Menschenrechte), der sich für ein Kriegsende durch diplomatische Verhandlungen anstatt Waffengewalt einsetzte. Als der Krieg 1918 endete und sich in Deutschland mit dem Ende des Kaiserreichs die politischen Verhältnisse neu sortierten, war Simons Engagement ebenfalls von Bedeutung. Für wenige, aber ereignisreiche Monate wurde er Finanzminister im sogenannten Preußischen Revolutionskabinett. Danach war er zwar nicht mehr als Politiker aktiv, trat aber weiterhin für humanitäre Zwecke ein. Er organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen, u.a. für die jüdische Altenhilfe, und war in mehreren Hilfsorganisationen tätig, die sich für politische Gefangene, Geflüchtete oder Kinder in Armut engagierten.

Ein Herz für Kunst, Kultur und Menschen

Neben seiner Bankier- und Politiklaufbahn galt Simons Leidenschaft der Kultur. Insbesondere die Förderung des Berliner Kulturlebens war ihm ein großes Anliegen: Er war im Vorstand mehrerer Kunstvereine und Mitglied des Aufsichtsrats des S. Fischer Verlags. Als Förderer der Nationalgalerie war er maßgeblich am Aufbau ihrer Neuen Abteilung im Kronprinzenpalais beteiligt, die sich ausschließlich zeitgenössischen Kunstströmungen widmete. Er pflegte außerdem ein breites Netzwerk in den verschiedensten Intellektuellenkreisen. Seine von dem Galeristen Paul Cassirer gestaltete Villa in Berlin-Tiergarten entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem gesellschaftlichen Knotenpunkt: Der Künstler Max Pechstein, die Bildhauerin Renée Sintenis, die Schriftsteller Thomas Mann und Stefan Zweig, der Wissenschaftler Albert Einstein – sie alle gingen in der Villa in der Drakestraße ein und aus. Dort konnten seine Gäste auch die umfassende Sammlung Simons mit Werken der Alten Meister bis hin zur expressionistischen Kunst der Brücke bewundern, die Simon durch die regelmäßigen Besuche in Berliner Kunsthandlungen, darunter die Galerie von Ferdinand Möller und Paul Cassirer, aufgebaut hatte.

Für die von ihm geschätzten Künstler*innen und Schriftsteller*innen setzte sich Simon immer wieder ein: Als Kurt Tucholsky finanzielle Sorgen plagten, stellte er ihn als persönlichen Sekretär in seinem Bankgeschäft ein. Der Dichterin Else Lasker-Schüler half Simon mit Geldzuwendungen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten aus. Sie widmete ihm wiederum das Gedicht Gott hör… (1920) mit den Worten „Hugo Simon dem Boas“ und verglich ihn so mit dem wohlhabenden, jedoch großzügigen und gutmütigen Großgrundbesitzer Boas aus dem Alten Testament.

Dieser war Simon in gewissem Sinne auch im wahren Leben. Denn er hatte nie sein Interesse an Landwirtschaft verloren und erwarb 1919 ein ehemaliges Ausflugslokal – das sogenannte „Schweizer Haus“ – sowie 50 Hektar Land im brandenburgischen Seelow. Dieses wandelte er in einen äußerst erfolgreichen landwirtschaftlichen Betrieb um, wo er neue Anbaumethoden testete. Der Ort wurde zum Mustergut gekürt und zog jährlich tausende Besucher*innen an.


Nationalsozialistische Verfolgung und Leben im Exil

1933 markierte einen deutlichen Einschnitt im Leben Simons und seiner Familie. Als Jude und Sozialdemokrat wurde Simon im Nationalsozialismus doppelt verfolgt und so entschied er sich bereits 1933 zur Flucht aus Berlin nach Frankreich. In Paris konnte er zunächst wieder ins Bankgeschäft einsteigen. Wie zuvor in Berlin unterstützte er auch hier diverse kulturelle, humanitäre sowie politische Projekte. Als Paris 1940 unter nationalsozialistische Besatzung geriet, musste er sein neu aufgebautes Leben im Exil und auch seine Kunstsammlung, die er zu großen Teilen aus Deutschland hatte mitnehmen können, erneut zurücklassen. Mit gefälschten tschechischen Pässen und mit falschen Namen – die deutsche Staatsbürgerschaft war ihm 1937 entzogen worden – gelang ihm mit seiner Familie die Flucht nach Rio de Janeiro. Doch ein Ausweisungsbescheid der brasilianischen Behörden sowie Denunziationsdrohungen führten dazu, dass Simon weitere Male innerhalb des Landes fliehen und untertauchen musste. In Barbacena fand er schließlich Zuflucht. Hier ließ er sein Interesse für die Landwirtschaft wiederaufleben und begann, Seidenraupen zu züchten.

Die von Simon in Paris zurückgelassene Kunstsammlung wurde mit seinem Besitz von den Nationalsozialisten beschlagnahmt. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte er im Exil alle Kräfte ein, um seine über 200 Werke umfassende Kunstsammlung sowie seinen eigentlichen Namen und seine Staatsbürgerschaft zurückzuerhalten. Seine Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg. Er starb am 4. Juli 1950 in São Paulo. Lediglich auf seiner brasilianischen Sterbeurkunde erhielt er offiziell seinen tatsächlichen Namen zurück.

Weiterführend:
Nina Senger, „Hugo Simon (1880-1950) Bankier - Sammler - Philanthrop“, in: Annette Weber (Hg.), Jüdische Sammler und ihr Beitrag zur Kultur der Moderne, Heidelberg 2011, S. 149–163.
Anna-Dorothea Ludewig; Rafael Cardoso (Hgg.), Hugo Simon in Berlin. Handlungsorte und Denkräume, Berlin 2018.
Anna-Dorothea Ludewig, Hugo Simon. Vom roten Bankier zum grünen Exilanten (= Jüdische Miniaturen), Leipzig 2021.
Hugo Simon, veröffentlicht von Hugo Simon Stiftung. https://hugo-simon-stiftung.de/hugo-simon (04.08.2024).