Hans und Walther Heymann und die Rückgabe der Zeichnung "Zwei Tänzerinnen"
Dr. Nadine Bauer
Provenienzforscherin am Brücke-Museum
Biografien der Brüder
Die Brüder Walther und Hans Heymann kamen aus einer bürgerlichen jüdischen Familie in Königsberg, die sich sehr für Musik, Kunst und Literatur interessierte. Der Vater J. Richard Heymann war ein erfolgreicher Getreidegroßhändler und die Mutter Johanna Konzertpianistin. Sie hatten noch drei weitere Söhne. J. Richard starb im Jahr 1908. Im Jahr 1912 verließen Johanna und ihre Söhne Königsberg und zogen nach Berlin. Hier starb auch die Mutter bald (1913). Max Pechstein zeichnete sie in diesem privaten Moment auf ihrem Totenbett, was für eine enge Beziehung des Künstlers mit der Familie spricht.
Walther Heymann (1882–1915) schlug zunächst eine juristische Laufbahn ein. Der Erfolg seines 1907 veröffentlichten, expressionistischen Gedichtbands Der Springbrunnen bewog den 25-Jährigen aber dazu, von nun an als Schriftsteller tätig zu sein. Er war ein großer Verehrer der Kunst Max Pechsteins, zu dem er 1914 die erste Monografie verfasste. Walther war nur ein kurzes Leben beschieden. Während des Ersten Weltkrieges wurde er als deutscher Soldat in Frankreich getötet.
Hans Heymann (1885–1949) studierte Philosophie, Volkswirtschaft und Jura. Im Jahr 1913 heiratete er Ella Jeannette Catz, eine Opernsopranistin. Er war ein Innovator und Experte auf dem Gebiet des Versicherungswesens und des internationalen Bankgeschäfts. Er schuf eine neue Versicherungsform, die die Prinzipien der Sach- und Lebensversicherung miteinander verband. Im Jahr 1920 gründete er in Berlin eine Versicherungsgesellschaft (Hausleben Versicherung A.G.), die mehrere Jahre florierte, bis sie 1931 in Konkurs ging. Zwischen 1921 und 1931 war er außerdem Berater des Auswärtigen Amtes. Er verfasste eine Reihe viel beachteter Bücher über Versicherungen sowie über internationale Kredite und Banken. Auf der Internationalen Konferenz von Genua 1922 schlug der deutsche Außenminister Walther Rathenau den Plan von Hans Heymann für eine neue internationale Bank vor. Dieser Plan bildete später die Grundlage für die 1930 beschlossene Gründung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.
Sowohl Hans Heymann als auch seine Frau Ella hatten mit dem Fortschreiten des Nationalsozialismus, den antisemitischen Anfeindungen und Repressalien nicht mehr die Möglichkeiten in ihren Berufen zu arbeiten und gerieten zunehmend in finanzielle Not. Heymann und sein Sohn Hans Heymann jr. emigrierten im Sommer 1936 nach New York. Ella Heymann folgte im Jahr 1937. Das Ehepaar hatte drei weitere Kinder, die Deutschland ebenfalls verließen. Auf Einladung und mit Unterstützung eines Konsortiums amerikanischer Investoren, die Heymanns Erfindung der Sachversicherung in den USA etablieren wollten, hielt Heymann Vorträge, verfasste Publikationen und arbeitete mit seinem Sohn Hans jr. an der Gründung der Property Life Insurance Company of America. In den Bundesstaaten New York und Illinois wurden Gesetze verabschiedet, die diese Versicherung zuließen, und es wurden weitere wesentliche Fortschritte erzielt. Trotz dieser Bemühungen führten die sich verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen in den USA in den Jahren 1937 und 1938 dazu, dass das Projekt kurz vor seiner Eröffnung eingestellt wurde. 1939 wurde Heymann dann zum Forschungsprofessor für Wirtschaftswissenschaften an der Rutgers University ernannt, eine Stelle, die er bis 1943 innehatte. Danach bekleidete er verschiedene andere akademische Posten bis zu seinem Tod 1949 in Champaign, Illinois, wo er als Gastprofessor tätig war. Bis zu seinem Tod schrieb und veröffentlichte er weiterhin Artikel und Bücher über internationale Wirtschaft.1
Hans Heymann als Kunstsammler und die Erinnerung an seinen Bruder Walther
Hans Heymann war auch Kunstmäzen und einer der ersten Sammler von Pechsteins Kunstwerken. Zwischen 1909 und 1930 baute er eine der größten frühen Pechstein-Sammlungen auf. 1936 umfasste sie 41 Ölgemälde und ca. 120 weitere Arbeiten. Der Ursprung war sehr persönlich. Sie war durch seinen Bruder Walther initiiert worden, der mit Pechstein befreundet war und sich schon früh für dessen Werk einsetzte, jedoch nicht über finanzielle Mittel zum Erwerb von Kunstwerken verfügte. Nach dem Tod von Walther benannte Hans die Sammlung als Hommage an seinen Bruder „Walther Heymann Gedächtnissammlung“.
Als die Heymanns 1936 unter dem Druck der Verfolgung durch das Nazi-Regime beschlossen, Berlin zu verlassen, lagerten sie ihr Hab und Gut in einer Berliner Spedition ein. 1941 wurde der gesamte in Berlin verbliebene Besitz der Heymanns von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und ging verloren. Heymann gab die Hoffnung nie auf, die Sammlung zurückzuerhalten. Bereits am 8. Mai 1945 schrieb er aus New Jersey an seinen Bruder Werner Richard Heymann in Kalifornien: „If we would ever see our big Pechstein collection …..?“. 1948 verfasste er eine Liste, auf der er alle vermissten Werke aufführte.2 Ab Kriegsende und bis zu seinem Tod 1949 suchte er weiter nach der Sammlung und trat auch mit Max Pechstein in Verbindung, der natürlich ebenfalls ein großes Interesse an dem Verbleib der zahlreichen Werke aus seiner Hand hatte und sogleich mit der Suche bei alliierten Stellen begann – jedoch ohne Erfolg. Hans Heymanns Witwe Ella und später der Sohn Hans jr. setzten die Suche fort – inzwischen kümmert sich die Enkelgeneration darum, Hinweise auf die verlorene Sammlung der Familie zu finden. Über alle Generationen standen und stehen die Heymanns in einem engen Austausch mit der Familie Pechstein.
Max Pechsteins Zeichnung Zwei Tänzerinnen wird an die Familie Heymann restituiert
1948 hatte Hans Heymann eine Liste mit den Werken aus seiner Sammlung angefertigt. Darin verweist er auch auf die Pechstein-Publikation seines Bruders Walther, die Hans 1916 posthum für ihn veröffentlicht hatte: Auf Seite 9 ist hier die Zeichnung Zwei Tänzerinnen von 1910 abgebildet. Diese Zeichnung befand sich seit 1971 in der Sammlung des Brücke-Museums. 2024 wurde sie an die Familie Heymann restituiert. Der enge und konstruktive Austausch mit der Familie und dem HCPO half, das Leben der Brüder und die Sammlung von Hans Heymann zu recherchieren und zu rekonstruieren.
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1Die biographischen und persönlichen Angaben in diesem Text beziehen sich überwiegend auf folgende Quelle: Biographical Notes for Hans Heymann, Sr., assembled from many sources by Kendra Heymann Sagoff, granddaughter, 2016.
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2Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Entschädigungsbehörde, Akte zu Hans Heymann, Nr. 64.607, D3 und D4.