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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Zwei Frauen vor Seerosenschale

Jahr
1950er Jahre
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 101 x 87 cm
Rahmenmaß 115 x 101,5 x 3,7 cm
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Seltener als Natur und Landschaft wandte sich Karl Schmidt-Rottluff der menschlichen Figur zu. Eine umfassendere Beschäftigung mit dem Thema setzte bei ihm auch erst deutlich später als bei seinen »Brücke«-Freunden Kirchner und Heckel ein. Ähnlich wie bei seinen Landschaftskompositionen verläuft auch bei den Figurenbildern die Entwicklung über das Experimentieren mit dem Verhältnis von Raum und Volumen und dem Aufgreifen kubistisch-plastischer Elemente hin zu flächigen Farbzonen. Ab den späten 1940er Jahren umfangt die Figuren dann ein breiter Kontur in leuchtend-kontrastierenden Tönen, der für Schmidt-Rottluffs reifen Stil der 1950er Jahre ein typisches Kennzeichen bleibt. Zeitweise wird dieser durch eine weitere, unregelmäßigere Farbrahmung ergänzt, welche die Wirkung einer lichtdurchfluteten Aura verströmt.
Zu Beginn der 1950er Jahre befasste sich Schmidt-Rotluff noch einmal intensiver mit dem Figurenbild.(1) Seine Darstellungen erscheinen dabei in sich geschlossen und von statischer Monumentalität. Bei »Zwei Frauen mit Seerosenschale« bannt der Maler einen intimen Moment freundschaftlichen Beisammenseins auf die Leinwand. In einem nicht näher definierten Raum sitzen zwei Frauen vor einer Schale mit weißen Seerosen. Gedankenversunken berühren die Finger der linken Frau Kelch und Stengel einer der Blüten. Wie in stummem Dialog vereint, sind ihre Köpfe schwesterlich einander zugeneigt. Mittels farblich abgesetzter Zonen, die Licht- und Schattenpartien deutlich voneinander scheiden, modelliert der Maler die Gesichter und verleiht ihnen dadurch ein gewisses Maß an Plastizität. Die stark vereinfachten Gesichtszüge wirken allerdings maskenhaft erstarrt und scheinen der äußeren Realität ganz entrückt, versonnen nach Innen gerichtet. Einzelne Bereiche in den Gesichtern sind auffällig akzentuiert. So oszilliert bei der linken Frau, aufgrund der durchgehenden roten Linie von der Stirn über die Nase bis zum Mund, die Ansicht zwischen Profil und Halbprofil. Bei der rechten Frau liegt die Betonung dagegen auf der Augenpartie. Ausgeprägte Linien fügen die schweren Lider und tief eingegrabenen Augenränder fast zu einer vollständigen Kreisform zusammen. In Kombination mit den nach oben gezogenen Brauen und geschlossenen dunkelroten Lippen wirkt die Miene sorgenvoll-melancholisch; gleichzeitig reflektiert der Blick auch Müdigkeit und Erschöpfung. Angesichts des fortgeschrittenen Lebensalters des Malers ergibt sich aus dieser stilistischen Eigenart zudem ein Zusammenhang mit Schmidt-Rottluffs eigenen physiognomischen Veränderungen und den damit verbundenen, immer deutlicher hervortretenden Spuren des Lebens. Ein verstärkter Rückzug aus dem aktiven Geschehen der Außenwelt in eine Realität innerer Erfahrungen kennzeichnen nun auch seinen persönlichen Lebensweg.
Zwar implizieren die mit kräftigem Pinselstrich angelegten leuchtenden Farbflächen des Bildes eine gewisse Bewegtheit, doch ist die Atmosphäre insgesamt eher erfüllt von einer unendlichen Stille und dem kontemplativen Verharren in einem einzigen Augenblick. Frauen und Pflanzen scheinen aus dem realen Raum herausgelöst und gleichsam eingebettet in eine überzeitliche Dimension. Der gelb-grüne Kontur, der diese Gruppierung fast vollständig umfängt, vereint sie auch formal zu einem festen Gefüge und hebt sie damit aus dem übrigen Bildraum heraus. Schmidt-Rottluff taucht seine Komposition hier in kräftige, aber überwiegend dunkle Farben. Den augenfällig hellsten Punkt bildet die zentral am unteren Bildrand angesiedelte Blütenpracht, deren strahlendes Weiß sogar die Gesichter der Frauen zu erhellen vermag. Damit überträgt sich symbolisch auch auf diese ein Stück der nie versiegenden Energie des natürlichen Lebens. Genauso fand der Maler selbst — auch in seinen späten Schaffensjahren — in der Natur einen fortwährenden Quell der Inspiration und Lebensfreude.

(1) Um 1952 tauchen bei Schmidt-Rottluff auch erstmals seit 1932 wieder Akte auf. Seine Lehrtätigkeit an der Berliner Hochschule der Künste mag ihn erneut zu diesem klassischen Sujet inspiriert haben. Siehe dazu: Karl Brix, »Schmidt-Rottluff. Biographie«, in: Susanne Anna (Hrsg.), Karl Schmidt-Rottluff Malerei und Grafik (= Bestandskatalog der Sammlung Malerei und Plastik und des Graphik-Kabinettes der Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz), Chemnitz 1993, S. 323-353, hier S. 346.

Cathy Stoike

Aus: Moeller, Magdalena M.: Brücke-Museum Berlin - Malerei und Plastik : Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung ; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2011.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert oben rechts: S.Rottluff (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 44

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Abb. S.147, Kat. Nr.80

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.122, Abb. S.123, Kat. Nr.51

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.122, Kat. Nr.78