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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Stilleben mit Hyazinthe

Jahr
1950
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 65 x 73,2 cm
Rahmenmaß 79,6 x 88 x 3,3 cm
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Stilleben bildet einen Ausschnitt aus Schmidt-Rottluffs privater Umgebung ab, zu erkennen anhand des häufig dargestellten Beistelltischs mit seiner besonders geschwungenen Form. Die dargestellte duftende Pflanze sowie Obst vermitteln eine behagliche Atmosphäre des Wohnbereichs. Die Bedeutsamkeit dieses Gemäldes liegt jedoch in der Komposition.
Die zentral arrangierte, weiß blühende Hyazinthe, die vom oberen bis zum unteren Bildrand reicht, bildet eine Vertikale in dem Querformat, das so in zwei Bildhälften gegliedert wird. Die Gegenüberstellung von rechter und linker Bildseite eröffnet eine klare Symmetrie, die derart konsequent durchkomponiert im Werk des Künstlers von großem Seltenheitswert ist. Auf zwei Bildebenen, dem Vorder- und dem Hintergrund, werden jeweils gleiche Formen gegenübergestellt. Die Bildgegenstände avancieren auf diese Weise zu Formstudien.
Im Vordergrund, auf einer Horizontalen angeordnet, ist auf beiden Bildseiten jeweils ein Obstarrangement aus einer Orange und Bananen dargestellt. Die Formen der runden Orangen und der länglichen Bananen wiederholen sich. Der Unterschied besteht in den Details: Zum einen variiert die Anzahl der Wiederholungen einer Form, so dass auf der linken Seite drei, auf der rechten Seite zwei Bananen liegen. Zum anderen gestaltet sich die Positionierung flexibel: Die gekrümmt geformten Bananen weisen in verschiedene Richtungen. Der Hintergrund gestaltet sich wesentlich stilisierter, doch die Formstudien folgen demselben Prinzip. Vor dem undifferenzierten dunklen Hintergrund treten nebeneinander gesetzte Farbstreifen hervor. Die sich gleichenden linearen Formen im linken und im rechten Bildteil unterscheiden sich ebenfalls sowohl in der Anzahl als auch in der Positionierung, auf der linken Bildseite befinden sich mehrere senkrechte Farbstreifen, auf der rechten Seite wenige, waagerecht arrangierte Formen.
Die im Hintergrund dargestellten, stark stilisierten Bildgegenstände demonstrieren Schmidt-Rottluffs Entwicklung hin zur dekorativen Formbefreiung. Sie lassen an Bücher denken: im linken Bildteil eine Buchreihe in einem Regal stehend, rechts ein liegender Bücherstapel. Diese kombinierten Arten der Präsentation von Büchern finden sich ebenso in anderen Bildwerken, anhand derer zudem der steigende Grad der Abstraktion von noch erkennbaren Büchern bis hin zur einfachen Farblinie deutlich nachvollzogen werden kann.(1)
Bei der Gegenüberstellung von linker und rechter Bildseite entpuppt sich die linke Hälfte als die »ordentlichere«, da die Bücher im Regal aufgereiht sind und das Obst auf einem Teller drapiert ist, während die rechte Bildhälfte mit weniger Ausstattung ein wenig unkonventioneller aussieht. Das Obst liegt dort auf der bloßen Tischplatte, und die Bücher treten gestapelt in Erscheinung. Die Suche nach einem Grund für diese spezielle, die beiden Bildhälften in Beziehung setzende Anordnung, die Suche nach einem erzählerischen Moment, birgt eine Dramaturgie.
Neben der horizontalen und vertikalen Gegenüberstellung werden noch wirbelförmige Kreissegmente thematisiert. Vor dem dunkel gefärbten Hintergrund schneidet die in leuchtendem Gelb stark akzentuierte Konturlinie der Tischkante die Kurve der Tischform nach. Diese Bewegung wird aufgenommen durch die gekrümmten, einander zugewandten Bananen und endet in dem strahlend gelbfarbenen Blumentopf, dessen kreisrunder Rand durch die stark kontrastierende, dunkel gefärbte Erde betont wird. Die auf der Tischplatte verteilten halbkreisförmigen Elemente könnten Lichtreflexe einer Lampe sein und sie stellen einen Formbezug zur der strahlend weißen Hyazinthenblüte her. Da diese Elemente jedoch auch in einem anderen Gemälde, »Stilleben um eine Hyazinthe«(2) von 1950, nicht als Widerschein auf dem Tisch, sondern im Hintergrund verwandt werden, ist davon auszugehen, dass die vom Bildgegenstand befreite Form rein dekorativ genutzt wird und im Einklang mit der Ausrichtung des Bildes als freie Formstudie aufzufassen ist.

(1) »Stilleben mit Leuchter und Bärenplastik«, 1950er
Jahre, Tuschpinsel, 39,2 x 51,7 cm, Brücke-Museum
Berlin, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung.
»Stilleben mit Tierplastik«, 1955, Tusche und Farbstifte,
so x 61,5 cm, Brücke-Museum Berlin, Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung. Auf beiden Zeichnungen Schmidt-Rottluffs befindet sich im Hintergrund eine Bücherreihe und im Vordergrund ein Bücherstapel, auf dem eine Bärenplastik steht. Auf der erstgenannten Zeichnung ist die Bücherreihe deutlich erkennbar, während sie
auf der zweitgenannten Zeichnung stark stilisiert in linearen Formen erscheint.
(2) »Stilleben um eine Hyazinthe«, 1950, Öl auf Leinwand,
73 x 65 cm, Privatbesitz.

Merit Marckwort

Aus: Moeller, Magdalena M.: Brücke-Museum Berlin - Malerei und Plastik : Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung ; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2011.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert oben links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Stilleben mit Hyazinthe" ((501)) / "gewachst" (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 39

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 305

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Kat. Nr.26

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.74, Abb. S.75, Kat. Nr.27

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.159, Kat. Nr.101