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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Zimmerecke

Jahr
1948
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 87 x 101 cm
Rahmenmaß 101,2 x 115 x 4,5 cm
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Ein gemütliches Wohnzimmer — einen Ort der Geborgenheit — stellt Schmidt-Rottluff in seinem Gemälde »Zimmerecke« dar. Mit kräftigen, heiteren Farben scheint er seine neue Existenz und Selbständigkeit zu feiern. Kurz zuvor, Ende 1946, war Schmidt-Rottluff nach Berlin zurückgekehrt und hatte eine Wohnung in der Zehlendorfer Schützallee bezogen. Sie wurde sein Zuhause für die letzten 30 Jahre seines Lebens. Das Gemälde zeigt einen Wohnraum dieser letzten Heimstatt Schmidt-Rottluffs. Er erlebte hier, respektiert von der Öffentlichkeit und ganz wie es die Darstellung zunächst impliziert, den erfolgreichen persönlichen und künstlerischen Neubeginn innerhalb einer bürgerlichen Existenz.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 hatte er als Person und als Künstler vor dem Nichts gestanden: Nach der Diffamierung und Beschlagnahmung seiner Werke als »entartet« in den 1930er Jahren war ein Großteil außer Landes verkauft oder vernichtet worden.(1) Der vormals zu den bedeutendsten und angesehensten Künstlern zählende Schmidt-Rottluff hatte seine Mitgliedschaft in der Preußischen Akademie der Künste aufgeben müssen, wurde aus dem Berufsverband ausgeschlossen und mit Ausstellungs- und Berufsverbot belegt. Im August 1943 war sein Berliner Atelier infolge eines Bombenangriffs ausgebrannt; Schmidt-Rottluff musste deshalb in diesem Jahr direkt aus Rumbke am Lebasee, wo er seinen jährlichen Sommeraufenthalt verbracht hatte, nach Chemnitz-Rottluff in sein Elternhaus übersiedeln. Dort lebte er in der Folgezeit ohne Habe, konfrontiert mit dem widrigen Kriegs- und Nachkriegsalltag. Erst nach der Annahme einer Professur an der Berliner Hochschule der bildenden Künste konnte er 1946 nach Berlin zurückkehren.
Trotz der beschaulichen Gemütlichkeit der Szene stellt sich beim Betrachten von »Zimmerecke« ein seltsames Unbehagen ein. Die Farben sind beinahe unangemessen übersteigert, die Reflexe und die fließenden Linien lassen die Formen weich und teilweise amorph werden, der Stuhl links scheint zu schweben. Ein bunter Teppich führt in das Bild, doch wo er endet, ist eigentlich nichts, der Fuß des Tisches, der dunkelste Fleck im Bild. Ein aus der Mitte gerückter Tisch, Stuhl und Sessel, die in merkwürdiger Beliebigkeit herumstehen, rahmen diese »Fehlstelle«. Mit einer solchen Komposition erzeugt der Künstler eine Spannung, die, verbunden mit irrealer Übersteigerung von Farbe und Form, über die bloße Schilderung eines Innenraums hinausgeht. Die Inszenierung enthält eine hintergründige Dramatik, die einem inneren Anliegen irritierende Deutlichkeit verleiht. Etwas scheint nicht in Ordnung. Der Eindruck einer beklemmenden Leere innerhalb dieser behaglichen Umgebung macht die vordergründig geordneten Verhältnisse fragwürdig. Alle Bewegung, ja das Leben in diesem Raum ist eingefroren, erstarrt.
In der Tat hatte sich Schmidt-Rottluff zum Zeitpunkt der Entstehung des Gemäldes erneut auf eine widrige Lebenssituation einzustellen: Ende Juni 1948 begann die fast einjährige Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion, während der die Menschen der Stadt von der Versorgung abgeschnitten und isoliert waren (bis 12. Mai 1949). Schmidt-Rottluff reagierte auf diese Situation in seiner Kunst. In einer Reihe von Stilleben- und Innenraumdarstellungen aus den Jahren 1948/49, den sogenannten »Blockade-Bildern«, lässt der Künstler sein gegenwärtiges Gefühl der Verunsicherung, der Isolation und der Ohnmacht bildlich werden, während er gleichzeitig seine enorme künstlerische Kraft und seine unbeugsame Freude am Schaffen demonstriert. In gleicher Weise, in der dieses Interieur ein Zeugnis der persönlichen Befragung, der Bestandsaufnahme und der Vergewisserung einer letztlich positiven Lebenswende ist, wird die Darstellung zu einer Metapher.
(1) In der Ausstellung »Entartete Kunst« 1937 in München wurden mehr als so Werke Schmidt-Rottluffs an den Pranger gestellt, Ober 600 seiner Arbeiten wurden daraufhin aus deutschen Museen entfernt.

Christiane Remm

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert oben rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Zimmerecke" ((482)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 22

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

B 77, Karl Schmidt-Rottluff (1884 - 1976), Zimmerecke, 1948

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Abb. S.Tafel 14, Kat. Nr.21

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.101

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Erw. S.22f., Abb. S.57, Kat. Nr.4

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.58, Abb. S.59, Kat. Nr.19