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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Philodendron

Jahr
1947
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 65 x 90 cm
Rahmenmaß 80 x 105,5 x 3,3 cm
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Gemälde wurde 1947 geschaffen und ist damit eines der ersten Werke Schmidt-Rottluffs nach dessen Wiederankunft in Berlin. Nachdem zwischen 1941 und 1947 kaum Gemälde entstanden waren, kann das Gemälde symptomatisch für den Neuanfang des Künstlers angesehen werden. Im Jahr zuvor, 1946, hatte er in Berlin-Zehlendorf in der Schätzallee eine Wohnung bezogen, in der er bis zu seinem Tod wohnte. Objekte seiner persönlichen Umgebung dienten ihm sehr häufig als Bildmotiv, wie es auch beim vorliegenden Pflanzenmotiv anzunehmen ist.(1) Mit diesem Lebensabschnitt begann eine enorm produktive künstlerische Phase, in der er sich als Maler neu identifizierte. Analog hierzu sind die im Gemälde gewählten Pflanzen sehr kraftvoll. Der Philodendron zeichnet sich durch einen schnellen und kräftigen Wuchs aus und besticht durch die imposante Größe und die dekorativ gefächerte Form der Blätter. Im Gemälde entspringen die Blätter einem sehr kräftigen Stiel, der vom unteren Bildrand ausgehend in weitem Bogen durch das Bild führt. Der Philodendron füllt die gesamte Bildfläche aus, so dass der Bildrand die Blätter beschneidet. Die so viel Raum einnehmende Pflanze wirkt dennoch nicht eingeengt, da der Hintergrund lediglich von verschiedenen Farbfeldern angedeutet wird und so der Pflanze Freiraum verschafft. Hinter den weit ausladenden Verzweigungen des Philodendrons verbirgt sich eine weitere, eher unscheinbar gestaltete Pflanze. Die Klivie mit ihren vier schmalen, spitzen Blättern findet ihren Platz im Bild jedoch an zentraler Position, erhoben auf einem Podest, und kann zudem eine Blüte ausbilden. Hinsichtlich der wachsenden kreativen Schaffenskraft Schmidt-Rottluffs kann das Pflanzenarrangement von Philodendron und Klivie als persönliche Allegorie der privaten und künstlerischen Entfaltung und der Hoffnung, künstlerisch wieder aufzublühen, verstanden werden.
In stilistischer Hinsicht wird ein wichtiger Akzent auf den Umgang mit der Form gesetzt. Durch dieselben, sich wiederholenden hell- und dunkelgrünen Farbwerte der beiden Pflanzen entsteht ein dekoratives, von Linien und Formen geprägtes ornamentales Pflanzengebilde. Neben der ausgefallenen Blattform des Philodendrons erzeugt insbesondere die Komposition des ineinander-greifenden Blattwerks der verschmolzenen Pflanzen eine Dramaturgie. Diese resultiert aus dem Augenblick des Erfassens des Bildgegenstands: Die Spannung entlädt sich in dem Moment, in dem man die Klivie hinter dem Philodendron erkennt — wenn sich in dem dekorativen Pflanzengebilde eine perspektivisch klar strukturierte Ordnung offenbart. Die Klärung der Bildkomposition erst nach eingehendem Orientierungsprozess in der dekorativ angelegten Szenerie bezeugt die komponistische Virtuosität des Künstlers.
Stilistisch bemerkenswert sind zudem die Lichtreflexionen, die mittels hellblauer (Kontur-) Linien akzentuiert werden. Einige Jahre später werden sich diese hellblauen, noch als Lichtreflexlinien auszumachenden Höhungen zu geschlossenen Konturen weiterentwickelt haben.
Motivisch handelt es sich in dem Gemälde um ein Stilleben, doch durch die den Bildrahmen sprengende, weit ausladende Pflanze auf gleicher (Sitz-)Höhe des Bildbetrachters wird ein Raum, eine gemütliche Wohnzimmersituation erschaffen. Die warmen, Geborgenheit ausstrahlenden Gelb- und Ockertöne implizieren ein von Sonnenlicht durchflutetes Zimmer. Hier wird auf beeindruckende Weise ein »Interieur«, eine atmosphärische Darstellung eines Innenraums, bildlich
umgesetzt, ohne tatsächlich erkennbare Details eines Raums abzubilden.

(1) Dieselben Pflanzen werden ebenfalls auf dem im gleichen Jahr entstandenen Gemälde »Philodendron und Clivia« dargestellt, jedoch an einem anderem Platz. Umgestellte Gegenstände und ein geändertes Arrangement legen nahe, dass es sich um die eigene Wohnung handelt. »Philodendron und Clivia«, 1947, 65 x 90 cm. Siehe: Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff. Mit provisorischem Verzeichnis der Gemälde bis 1954, Stuttgart 1956, S. 303, Abb. S. 276.

Merit Marckwort

Aus: Moeller, Magdalena M.: Brücke-Museum Berlin - Malerei und Plastik : Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung ; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2011.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert oben rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Philodendron" (4712) = gewachst = (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 17

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.50, Abb. S.51, Kat. Nr.15

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.134, Abb. S.150, Kat. Nr.92