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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Nibelungenstraße

Jahr
1937
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 90 x 124 cm
Rahmenmaß 110,5 x 144,7 x 5,3 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Karl Schmidt-Rottluffs künstlerisches Schaffen kam auch in Zeiten der Diffamierung durch das diktatorische Regime der Nationalsozialisten niemals vollständig zum Erliegen — es war ihm in jenen unrühmlichen Jahren vielmehr ein fester Rückhalt. Trotz Ausstellungsverbot steigerte der Maler 1937, dem Jahr, in dem die Nationalsozialisten die moderne Kunst öffentlich an den Pranger stellten, noch einmal seine Gemäldeproduktion, als wolle er sich damit gegen alle widrigen Umstände aufbäumen.(1) Eine Reihe beeindruckender Landschaftsdarstellungen entstand, in denen er seine individuellen Eindrücke als querformatige Naturpanoramen vor dem Betrachter ausbreitete. Seine Bilder der späten 1930er Jahre weisen allerdings keine tiefgreifenden stilistischen Veränderungen auf, sondern sind durch das Festhalten an bewährten Ausdrucksformen gekennzeichnet. Mit dem Rückzug in die räumliche Isolation sowie in eine innere Erlebniswelt, welche die Bedrohungen der äußeren Realität weitgehend ausblenden sollten, war auch ein Verarbeiten der ohnehin schon stark verminderten künstlerischen Einflüsse von Außen nur noch sehr begrenzt möglich. Das Frühjahr 1937 verbrachte er — wie es seit einigen Jahren seiner Gewohnheit entsprach — im nahe Frankfurt am Main gelegenen Hofheim am Taunus bei der befreundeten Malerin und Sammlerin Hanna Becker vom Rath.(2) Ein Stück weiter südlich verläuft vom linksrheinisch gelegenen Worms aus die sogenannte Nibelungenstraße, eine romantische Ferienstraße, rund 110 km nach Osten bis nach Wertheim nahe Würzburg. Zusammen mit der etwas weiter südlich verlaufenden Siegfriedstraße durchquert sie die Odenwald-Region und erinnert namentlich an die Hauptakteure der etwa um das Jahr 1200 entstandenen, berühmtesten deutschen Dichtung des Mittelalters, des Nibelungenliedes, das historische Fakten mit Charakteren und Handlungen aus dem Bereich der Sagenwelt und höfischen Epik verknüpft. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass Schmidt-Rottluff mit seinem Motiv unweigerlich auf die Heldensage verweist, deren Inhalt von der nationalsozialistischen Diktatur im Zuge ihrer Propagandastrategie als Symbol unverbrüchlicher Gefolgschaftstreue und Todestrotz einseitig übersteigert und ideologisch verherrlicht wurde.
Gänzlich ohne Pathos dagegen schildert der Maler diese Landschaft in matt-tonigen Farben. Die dunkel gefärbten Bäume mit ihren langen Schatten, der wolkenverhangene Himmel und das stark seitlich einfallende Sonnenlicht, welches von den schroffen Felskappen reflektiert wird, strahlen eine gedämpfte Ruhe aus. Gleichzeitig birgt diese geheimnisvoll stille Landschaft eine latent unheimliche Stimmung. Insbesondere die beiden riesenhaften Bäume rechts und links mit ihrem zu fast geisterhafter Wesenhaftigkeit gesteigerten Blattwerk tragen zu diesem Eindruck bei. Immerhin endet auch die Geschichte der Nibelungen tragisch: Im Verlauf der Handlung geht fast das gesamte Volk der Burgunder in seinen Kämpfen gegen die Hunnen unter und die Überlebenden ziehen aus der Gegend um Worms westwärts ins heutige Burgund. Doch die Natur überdauert jegliche Ereignisse des menschlichen Daseins: Sie verwischt letztendlich alle noch verbliebenen Spuren und stellt damit eine überzeitliche Konstante dar, der auch der Mensch unterworfen ist. Formal zeichnet sich dieses Werk durch die typische monumentale Kompaktheit und die markanten Vereinfachungen des weichen Stils der 1930er Jahre aus, bei dem wuchtig-voluminöse Formen von einem schwarzen Kontur umschlossen werden, was ihnen eine noch eindringlichere Präsenz verleiht. Bäume, Hügel und Felsen erscheinen von gleichartiger Massivität, die sich mit fast ebensolcher Gewichtigkeit in den auf der Oberfläche des kleinen Gewässers gespiegelten Details wiederfindet. Dem äußeren Chaos jener Zeit scheint Karl Schmidt-Rottluff mit solch kontemplativen Naturmotiven und klaren Strukturen Ruhe, Stabilität und Beständigkeit entgegensetzen zu wollen. Die bewährten Formen vermittelten dabei eine Sicherheit, die dem realen Geschehen nicht mehr entsprach.(3)

(1) Siehe dazu: »Chronologischer OEuvrekatalog der
Gemälde 1937«, in: Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff. Mit provisorischem Verzeichnis der Gemälde bis 1954, Stuttgart 1956, S. 302 f.
(2) Nach Evmarie Schmitt entstand dieses Gemälde
während Schmidt-Rottluffs Aufenthalts im Taunus.
Vgl. Bildkommentar zum Werk "Nibelungenstraße",
Tafel 91, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf u. a., Stuttgart 1992, S. 168.
(3) Ein Aquarell gleichen Titels und Motivs, ebenfalls auf das Jahr 1937 datiert, befindet sich außerdem in der Sammlung der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung (Inv.-Nr. B5176) und ist gleichsam als Vorstudie zum Gemälde anzusehen. Obwohl lockerer und skizzenhafter in der Anlage, verweist es offenkundig auf die generelle Kompaktheit der Gemäldekomposition.

Cathy Stoike

Aus: Moeller, Magdalena M.: Brücke-Museum Berlin - Malerei und Plastik : Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung ; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2011.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig: Schmidt=Rottluff "Nibelungenstraße" ((373)) =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 9

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 302

Literatur

B 1176, Karl Schmidt-Rottluff (1884 - 1976), Nibelungenstraße, 1937

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Abb. S.Tafel 6, Kat. Nr.10

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.91

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.38, Abb. S.39, Kat. Nr.9

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.27, Abb. S.45, Kat. Nr.14