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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Blaues Fenster

Jahr
1937
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 112,5 x 76,5 cm
Rahmenmaß 131,2 x 95 x 4 cm
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Als fast monochrome Harmonie in Blau ist dieses zutiefst symbolhafte Stimmungsbild gestaltet. Der Blick fällt über ein kleines Tischchen mit Wecker auf ein geöffnetes Fenster, dessen zarte, gazeartigen Vorhänge sanft ein diffuses Licht reflektieren. Von der vor dem Fenster liegenden Außenwelt ist nichts zu erkennen als die tiefblaue Nachtluft; die beiden auf dem Fensterbrett stehenden Topfpflanzen heben sich als zeichenhafte Silhouetten vor der unteren Scheibe ab. Über der Szenerie liegt tiefe Stille, was durch die Schlichtheit des Motivs, das Fehlen von Bewegung und die farbliche Gestaltung in wenigen chromatischen Tönen ohne laute Kontraste transportiert wird. Diese nächtliche Stille kann der Betrachter assoziativ aber auch mit Schlaflosigkeit, Schwermut und Nachdenklichkeit in Verbindung bringen. Ebenso steht die Farbe Blau seit der Romantik als traditionsreiches Symbol für Sehnsucht und Melancholie.
Gleichfalls eng mit der Romantik verbunden ist das Motiv des geöffneten Fensters, das sich als Sinnbild für die Aufteilung der Welt in Innen und Außen, Diesseits und Jenseits großer Beliebtheit erfreute. Das Fenster ermöglichte symbolhaft den Durchblick, aber auch das innerliche Schauen auf das Transzendente und Göttliche, auf den Sinn des irdischen Daseins. Damit konnte es aber wiederum auch für die Zurückgezogenheit und die Kontemplation des Künstlers stehen, der durch sein melancholisches Sinnen und die daraus erwachsene künstlerische Arbeit den Blick auf das Unsichtbare der göttlichen Präsenz eröffnete.(1)
Diese symbolhaft aufgeladene Bedeutungsebene, der deutliche Anklang an Melancholie und Nachdenklichkeit erscheint in Schmidt-Rottluffs Schaffen nicht zufällig, sondern hat ganz konkrete zeithistorische und biographische Ursachen: Im Jahr der Entstehung dieses Gemäldes offenbarte sich die Kulturpolitik der Nationalsozialisten für Karl Schmidt-Rottluff und seine expressionistische Generation in ihrer ganzen Härte. Mit der Aktion der »Entarteten Kunst« wurden zahlreiche Kunstwerke aus Museumsbesitz entfernt und damit die öffentliche Anerkennung für den Expressionismus rückgängig gemacht. In der gleichnamigen Ausstellung prangerten die Nationalsozialisten die Kunst der Moderne an, zudem erschwerte den betroffenen Künstlern das Berufsverbot, durch den Verkauf von Kunstwerken oder eine Position als Professor an einer Akademie ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch die Beschaffung von Malmaterialien wurde immer schwieriger. Angesichts dieser politischen Entwicklungen entstand das vorliegende Gemälde in einer deprimierenden Situation.
Überhaupt mehrten sich in Schmidt-Rottluffs Themenkreis in dieser Zeit die Interieurdarstellungen mit klaustrophobisch engen und kleinen Innenräumen, wie beispielsweise »Das kleine Zimmer«. Schmidt-Rottluff artikulierte damit sein Gefühl der Ohnmacht und Eingeschlossenheit, verbildlichte seine Seelen- und Gemütslage durch die schlichten, aber beklemmenden Formen des abgeschlossenen Raumes, durch dessen Fenster die Außenwelt nurmehr zu erahnen ist, sowie durch die Farbe, die im Falle des »Blauen Fensters« Isolation, Einsamkeit und Melancholie sinnlich erfahrbar macht.

(1) Vgl. auch Helga Möbius, »Ausblicke. Fenster als Bildgegenstand«, in: Bildende Kunst 9/1979, S. 434-438, Ost-Berlin 1979.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M.: Brücke-Museum Berlin - Malerei und Plastik : Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung ; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2011.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig: =gewachst= / Schmidt-Rottluff "Blaues Fenster" ((3711)) (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 8

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 302

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Kat. Nr.16

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.42, Abb. S.43, Kat. Nr.11