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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Stilleben mit Chrysantheme

Jahr
um 1934
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 112 x 65 cm
Rahmenmaß 125,3 x 79 x 4,3 cm
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Anfang der 1930er Jahre begannen die kunstpolitischen Veränderungen direkt in die künstlerische Lebenssituation Schmidt-Rottluffs einzugreifen. Bereits 1930 hatte in seinem Heimatort Chemnitz die Ausstellung »Kunst, die nicht aus unserer Seele kam« stattgefunden, in der vor allem die Kunst der »Brücke« verhöhnt wurde.(1) Ein Jahr später setzte die Diffamierung der modernen Kunst auf breiter Ebene ein. Mit der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurde die Diffamierung der Kunst Schmidt-Rottluffs offiziell, wodurch sich die Möglichkeiten des Künstlers, Bilder zu verkaufen, zunehmend reduzierten.
Künstlerisch reagiert Schmidt-Rottluff mit einem Wechsel der Bildmotive: Menschen und Architekturen weichen zugunsten von Stilleben und Landschaften. Signifikant ist zudem ein hoher symbolischer Gehalt, der auf die Bildgegenstände projiziert wird. In den Bildern dieser Jahre wird so die persönliche Situation und innere Befindlichkeit des Künstlers transportiert.(2) Entsprechende Botschaften werden auch in diesem Gemälde deutlich. Die Pflanze ist das zentrale Bildmotiv, im Vordergrund stehend nimmt sie die gesamte Länge des Bildes ein. Die Blüte hat eine frische, leuchtend gelbe Farbgebung — und dennoch evoziert das Gemälde ein bedrückendes Gefühl. Dies begründet sich in dem scharfen Kontrast zwischen der im Licht strahlenden Blüte und den verschatteten und matt herunterhängenden Blättern der Pflanze. Und trotz des Sprießens junger, vom Licht erhellter Triebe in dem Blumentopf wirkt die dargestellte Pflanze durch die Darstellungsweise der Blätter geschwächt und welk.
Irritierend ist zudem die Inszenierung der Chrysantheme im Raum. Der Standort auf dem Fußboden wirkt befremdlich, sind doch eine Truhe und ein Beistelltisch vorhanden, übliche Stellflächen für eine Zimmerpflanze. Die hinter der Chrysantheme stehende Truhe ist zudem so nah an die Pflanze herangerückt, dass der Blumentopf an den vordersten Bildrand stößt, von der rechten Seite bedrängt durch den Beistelltisch. Die Perspektive verstärkt diese beklemmende Raumsituation, da sich der Betrachter auf gleicher Blickhöhe mit der Pflanze befindet: auf dem Fußboden und, der Größe der Pflanze entsprechend, in gebückter Haltung — buchstäblich »am Boden«. Durch die beengte Situation der Pflanze vermittelt das Gemälde eine stille und vor allem melancholische Atmosphäre, die noch durch Details unterstützt wird. Im rechten hinteren Teil des Arrangements lehnen Leinwände, die aber kein Bildmotiv aufweisen, sondern leer beziehungsweise von ihrer Rückseite gezeigt werden. Diese negierende Präsentation von Bildern ist als Zeichen der Stagnation seiner künstlerischen Arbeit aufzufassen. Ebenso kann das rosa-rotfarbene Tuch auf dem Beistelltisch als Kommentar zu der politischen Situation verstanden werden, da es wie eine (Augen-)Binde zusammengewickelt Symbol für ein Nicht-Sehen oder gar Verletztsein ist.
Die Inszenierung des Stillebens als Spiegel Schmidt-Rottluffs innerer Befindlichkeit erscheint analog zur Pflanzensymbolik der Chrysantheme: »Symbol für: Langes Leben. Heiterkeit unter schwierigen Bedingungen. Zurückgezogenes Leben. In-Ruhe-Genießen. Herbst. Totengedanken. Liebe über den Tod hinaus.«(3) Seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa beheimatet, waren Chrysanthemen lange Zeit fast die einzigen Blumen, die noch im Herbst blühten und avancierten damit zum »Sinnbild des Gedenkens an geliebte Verstorbene« .(4) Der Symbolgehalt war so populär, dass sie beinahe ausschließlich als Trauerspenden verkauft werden konnten.(5) Die allgemeine Bekanntheit des Symbolgehalts dieser Pflanze legt nahe, dass sich auch Schmidt-Rottluff bei der Gestaltung seines Gemäldes an diese Bedeutungen anlehnte. Das Stilleben vermittelt einerseits die Trauer seiner eingeschränkten künstlerischen Möglichkeiten bildlich: durch die die Pflanze umgebenden »braunen Schatten«; andererseits jedoch auch Hoffnung und Heiterkeit, künstlerisch umgesetzt durch die illuminierte gelbe Blüte — in dem Entstehungsjahr des Gemäldes hatte er immerhin noch die Hoffnung, dass »sich Alles schon richtig entwickeln wird.«(6)

(1) Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff Werke aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München u. a., München 1997, S. 42.
(2) Ebd.
(3) Marianne Beuchert, Symbolik der Pflanzen. Von
Akelei bis Zypresse, Frankfurt a. M. / Leipzig 1996, S. 49.
(4) Ebd.
(5) Ebd., S. 51.
(6) Brief an Erika von Hornstein vom 28.10.1934, Archiv
Brücke-Museum Berlin, zitiert aus: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf u. a., Stuttgart 1992, Kommentar von Evmarie Schmitt, S. 172, Anm. 2.

Merit Marckwort

Aus: Moeller, Magdalena M.: Brücke-Museum Berlin - Malerei und Plastik : Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung ; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2011.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 6

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Kat. Nr.9

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.32, Abb. S.33, Kat. Nr.6

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.145, Kat. Nr.87