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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Sonnenblumen auf grauem Grund

Jahr
1928
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 90,5 x 76,5 cm
Rahmenmaß 102,2 x 88 x 4,3 cm
Details zum Erwerb
Dauerleihgabe der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung, Berlin
Besitz: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Nachdem er sich zu Beginn des Jahrzehnts verstärkt auf formal-kompositorische Bildlösungen und geometrisierte Flächen konzentriert hatte, wandte sich Karl Schmidt-Rottluff ab Mitte der 1920er Jahre wieder mehr einer an der Natur orientierten Darstellungsweise zu. Seinen individuellen Expressionismus verband er dabei mit einer Art von spannungsgeladenem Naturalismus. Sowohl die Stabilisierung der äußeren Lage der von Krisen erschütterten Nachkriegszeit als auch eine Entspannung seiner persönlichen Lebenssituation durch verstärkten beruflichen Erfolg bewirkten insgesamt eine positive Grundstimmung, die sich wiederum harmonisierend auf Schmidt-Rottluffs weitere Arbeit übertrug. Sein Duktus wird in dieser Zeit allgemein weicher, malerischer — die vormalig kantige Härte wird verdrängt. Körper und Objekte verlieren an Flächenhaftigkeit und gewinnen an Volumen. Zuvor harte, aufgebrochene Konturen werden durch weich fließende, geschlossene Linien ersetzt. Auch die Bildthemen selbst erfahren eine grundlegende Wandlung: War noch zu Beginn der 1920er Jahre die unsentimentale Schilderung des arbeitenden Menschen in seiner natürlichen Würde primärer Gegenstand seiner Arbeit, so sind es in der Zeit von etwa 1925 bis 1930 alltägliche Dinge aus seinem näheren Umfeld, die der Maler kunstvoll ins Bild setzt. Neben den Stilleben mit unbelebten Objekten tauchen auch einige großartige Blumenbilder auf, die in starker Nahsicht, wie durch eine Linse herangezoomt, auf die Leinwand gebracht werden und denen eine beruhigte, geglättete Bildsprache innewohnt. Die Farben sind noch immer leuchtend, aber subtiler gestaltet und stärker dem Naturvorbild verpflichtet.
Diese Hinwendung zu ruhigen, wirklichkeitsgetreueren Stilprinzipien ist allerdings nur bedingt im Zusammenhang mit der in den 1920er Jahren aufgekommenen Kunst der Neuen Sachlichkeit zu sehen, die die Dinge mit nüchterner Klarheit, teilweise sogar überzogener Schärfe zeigte. Wohl nahm Schmidt-Rottluff diese Tendenzen wahr, doch äußerte er sich dazu eher distanziert: »... eine kleine Weile noch und die Neue Sachlichkeit ist sanft eingeschlafen — die Impulse waren wirklich zu dürftig!«(1) Ausschlaggebender dürfte für ihn die engere Bekanntschaft mit den beiden Bildhauern Georg Kolbe (1877-1947) und Richard Scheibe (1879-1964) und ihre gemeinsame Reise nach Italien im Jahre 1923 gewesen sein. (2) Unter dem Eindruck der südlichen Architekturformen und im regen Ideenaustausch mit seinen Künstlerkollegen gewann der Maler weitere Klärung über das Wesen des Plastischen und die Form an sich.(3) Schon länger hatte ihn die Problematik beschäftigt, auf der Leinwand Plastizität und Volumen unter dem Gesamteindruck eines flächigen Bildraums zu erzeugen. Indem er seine Malerei dabei nicht auf traditionelle Techniken zur Modellierung eines Körpers oder zur Simulation von Räumlichkeit stützte, vermied Schmidt-Rottluff eine zu starke Ausrichtung am klassischen Naturalismus.(4) Insbesondere tragen die deutlich voneinander abgegrenzten Farbflächen — meist unter Einbeziehung markant gesetzter Konturlinien — zur formalen Stilisierung der Objekte bei und weisen den Bildraum damit eindeutig als eigenständigen künstlerischen Kosmos aus. Das Streben nach stärkerer Realitätsnähe bedeutet bei Schmidt-Rottluff nicht automatisch Verlust an Emotionalität, auch wenn sich das vehemente Aufbegehren seiner Jugendzeit nun zu einem reiferen, stilleren Ausdruck gewandelt hat. Schon damit unterscheidet er sich von der kühl-distanzierten Haltung der neusachlichen Kunst. Schmidt-Rottluff bleibt immer auch ein Stück Expressionist und als solcher verfällt er nie in völlige Abgeklärtheit. Seine Liebe zur Natur spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Bei seinen »Sonnenblumen« ist der gesamte Bildraum ausschließlich auf die eindrucksvolle Wirkung der Pflanzen ausgerichtet. Es existieren weder eine Vase noch ein näher definierter Hintergrund, die den Blick von ihrer imposanten Präsenz ablenken könnten. Obwohl insgesamt nur vier Sonnenblumen dargestellt sind, entsteht durch deren bildfüllende Monumentalität der Eindruck einer besonderen Anziehung, als würde man in ein ganzes Meer von Blumen gesogen, in dem die elementaren Kräfte der Natur mit allen Sinnen erfahrbar werden.

(1) Brief vom 2.12.1926 an Friedrich Schreiber-Weigand,
Direktor der Städtischen Kunstsammlungen
Chemnitz im Zusammenhang mit der Erweiterung
und Präsentation des dortigen Bestandes, siehe:
Karl Brix, »Schmidt-Rottluff. Biographie«, in: Susanne Anna (Hrsg.), Karl Schmidt-Rottluff Malerei und Grafik (= Bestandskatalog der Sammlung Malerei und Plastik und des Graphik-Kabinettes der Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz), Chemnitz 1993, S. 323-353, hier S. 335.
(2) Beide hatte er 1919 kennengelernt. Siehe: ebd.,
hier S. 332.
(3) Vgl. »Am Meer und in den Bergen«, in: Karl Brix, Karl Schmidt-Rottluff, Leipzig 1972, S. 40-50, hier S. 46.
(4) Vgl. "Die Jahre nach dem Krieg bis 1930", in:
Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff. Mit provisorischem Verzeichnis der Gemälde bis 1954, Stuttgart 1956, S.108-114, hier S. 114.

Cathy Stoike

Aus: Moeller, Magdalena M.: Brücke-Museum Berlin - Malerei und Plastik : Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung ; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2011.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: .... / ((2820))x (Bezeichnung)

Inventarnummer
A 2

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Abb. S.Tafel 1, Kat. Nr.2

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik, Sammlung der Karl-und-Emy-Schmidt-Rottluff-Stiftung : kommentiertes Verzeichnis der Bestände , Remm, Christiane, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2011, Erw. S.26, Abb. S.27, Kat. Nr.3

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.151

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.131, Abb. S.142, Kat. Nr.84