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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Windbruch

Jahr
1963
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 87 x 112 cm
Rahmenmaß 101,5 x 126 x 4 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1989 im Tausch von der Karl und Emy Schmidt-Rottluff-Stiftung
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Landschaftsbild »Windbruch« markiert zusammen mit »Dünenlandschaft«, das sich im Besitz der Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz befindet,(1) und »Mond im August« von 1963 aus dem Bestand des Brücke-Museums sowie der »Verschneiten Schonung« von 1964, einem der spätesten Gemälde, das in der Sammlung Hermann Gerlinger aufbewahrt wird,(2) den Schlusspunkt im malerischen OEuvre Schmidt-Rottluffs. Die rückseitig betitelte und mit der Werknummer »((632))« versehene Komposition gehörte zuvor der Karl und Emy Schmidt-Rottluff Stiftung (Inv. Nr. A 102) und wurde 1989 im Tausch gegen ein anderes Bild vom Brücke-Museum erworben.
Als zentrales, formatfüllendes Sujet erscheinen zwei Kiefern und eine Tanne, die von heftiger Windeinwirkung unter bedecktem Himmel in bedrohliche Schräglage gebracht und beinahe völlig entwurzelt wurden. Das ebenso bedeutungs- wie unheilvolle Motiv des Windbruches formulierte Schmidt-Rottluff bereits 1 934 im Gemälde »Entwurzelte Bäume« mit sinnbildhaftem Verweischarakter auf besondere Zeit- und Lebensumstände. Wie dort kann das zerstörerische Naturereignis des Windbruches auch im späten Landschaftsbild als Metapher gedeutet und im Sinne der ikonologischen Tradition der deutschen Romantik als Gleichnis für die künstlerische Vorahnung des unausweichlichen Lebensendes verstanden werden. Im Stimmungsgehalt des Bildes finden Schwermut und Altersresignation des fast 80jährigen Malers einen nochmals von kraftvoller Expressivität getragenen Ausdruck. Obschon durch die Naturkräfte gebeugt, haben die Bäume — wie der Künstler selbst — über einen langen Zeitraum Sturm und Widrigkeiten getrotzt und beeindrucken weiterhin durch ihre Größe und Monumentalität.
Das die Motivfindung prägende intensive Auseinandersetzen mit der Thematik von Bäumen und Waldlandschaften — ein vom Künstler seit den frühesten Anfängen programmatisch verfolgtes Leitmotiv — dominiert nach Beendigung der Ölmalerei neben Küstendarstellungen und Stilleben auch das weitere, auf Aquarelle sowie Tuschpinsel- und Farbstiftzeichnungen konzentrierte Schaffen der 60er und frühen 70er Jahre. Schmidt-Rottluff verwandelt den visuellen Natureindruck in eine imposante Bildtektonik. »Der alte Schmidt-Rottluff liebt die einfachen Dinge, die er auf ihre Grundformen reduziert und zu einer unverrückbaren Bildeinheit verdichtet«,(3) schrieb Hanns T. Flemming 1970 über die späten, von großer Schaffensfreude durchströmten Arbeiten. Gleichwohl stehen die nächsten Jahre im Zeichen fortschreitender Altersbeschwerden: »Die Kur in Lauterberg hatte meinem Mann recht gut getan, nur den Kummer um seinen Malarm ist er noch nicht losgeworden. So hat er sich wieder in die Hände der Ärzte begeben. Mit Spritzen, Heilgymnastik wird er behandelt, und wir hoffen, dass seine Schwäche nochmals überwunden wird«,(4) beschreibt Emy Schmidt-Rottluff im November 1965 die Situation. Der Maler selbst konstatiert seine »Altersgebresten« im Januar 1967 mit den Worten: »Bei mir wollen die nun aufgetretenen Altersbeschwerden sich nicht mehr lockern. Es fällt mir schwer, das als nun einmal gegeben hinzunehmen.«(5) Mit den Arbeiten von 1970 sollte das umfangreiche Aquarellschaffen seinen Abschluss finden, 1971 / 72 endet mit den letzten, als »Schwarzblätter« bezeichneten Tuschpinselzeichnungen sowie den Farbstiftstudien schließlich das künstlerische Gesamtwerk. Die bereits 1914 formulierte, ganz auf das unmittelbare Seherlebnis vertrauende Maxime, »das zu fassen, was ich sehe und fühle, und dafür den reinsten Ausdruck zu finden«,(6) blieb bis ins hohe Alter das unerschütterlich verfolgte Ziel von Karl Schmidt-Rottluff.

(1) Vgl. Karl Schmidt-Rottluff. Malerei und Graphik. Bestandskatalog der Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz, hrsg. von Susanne Anna, Chemnitz 1993, Kat. Nr. 33, Tafel S. 95. Das dortige Gemälde ist rückseitig lediglich mit »11631)« ohne Hinzufügung einer Werkziffer bezeichnet. Eine eindeutige Chronologie in Bezug auf die Arbeit »Windbruch« läßt sich daher nicht herstellen. Für nähere Auskünfte dankt der Verfasser Frau Dr. Beate Ritter, Städtische Kunstsammlungen Chemnitz.
(2) Vgl. Hermann Gerlinger u. Katja Schneider (Hrsg.) "Die Maler der »Brücke«. Bestandskatalog Sammlung Hermann Gerlinger" Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt, Halle 2005, Kat. Nr. 302, S. 133. Aus dem Jahr 1964 datieren außerdem die
Gemälde »Glockenblumen« und »Dunkles Symbol«. Vgl. dazu: Karl Brix, Karl Schmidt-Rottluff, Leipzig 1972, Tafel 74 und Auktionskatalog Ketterer Kunst München, 2.6.1997, Kat. Nr. 72.
(3) Hanns Theodor Flemming, Impression und Tektonik, in: Die Welt, 2. Oktober 1970. Zit. nach: Gerhard Wietek, Karl Schmidt-Rottluff in Hamburg und Schleswig-Holstein, Neumünster 1984, S. 92.
(4) Brief vom 14. November 1965 an Familie Herbig. Zit. nach: Karl Brix, Karl Schmidt-Rottluff. Biografie, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Stuttgart 1992, S. 274.
(5) Brief an Karl Otto vom 14.Januar 1967. Zit. nach Brix, wie Anm. 4.
(6) Schmidt-Rottluff in der Monatszeitschrift »Kunst und Künstler«, Heft März 1914. Zit. nach Brix, wie Anm. 4.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
: Nicht signiert (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: ((632)) Schmidt=Rottluff "Windbruch" (Bezeichnung)

Inventarnummer
2/89

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Abb. S.Tafel 22, Kat. Nr.38

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.89

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.135

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.300, Abb. S.301, Kat. Nr.120