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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Alte Föhren

Jahr
1961
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 91,3 x 66 cm
Rahmenmaß 104,3 x 79,4 x 4,2 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Zu Beginn der 60er Jahre lässt Schmidt-Rottluffs Produktion von Gemälden merklich nach. Bedingt durch auftretende Schmerzen in seinem »Malarm«, den er im Mai 1963 medizinisch behandeln lassen muss,(1) wendet er sich von der arbeitsaufwendigen und zeitintensiven Ölmalerei mehr und mehr ab und widmet sich fortan vorrangig dem Anfertigen von Aquarellen und Tuschpinselzeichnungen. 1964 schließlich wird er die Malerei, die ihm zu anstrengend geworden ist, ganz aufgeben. Aus dieser, von zunehmenden Altersbeschwerden gekennzeichneten Schaffensphase stammt die Komposition »Alte Föhren«, mit der sich Schmidt-Rottluff im kunstgeschichtlich zeittypischen Spannungsfeld zwischen konkreter Gegenstandsbeobachtung und autonomer Abstraktion bewegt.
Der eng begrenzte Bildausschnitt konfrontiert den Betrachter mit der markanten, von Wind und Wetter zu bizarren Ausdrucksarabesken geformten Gestalt zweier nahsichtig erfasster Föhren. Vom Alter gezeichnet, ragen die beiden Kiefernbäume in leichter Schräglage über sandigem Erdreich in den bedeckten Himmel und beherrschen mit ihren dunklen, massigen Konturen den Bildraum. Die sparsam und großzügig angelegten Farbzonen des Hintergrundes antworten der strengen Umrissführung der Vordergrundmotive und binden die zu scherenschnittartigen Silhouetten vereinfachten Föhren in die Zweidimensionalität der Bildebene zurück. Schmidt-Rottluffs kraftvolle, gänzlich in die Fläche reduzierte Bildsprache übersteigert die Erscheinung des Sujets zu einem geradezu psychologisierendes Portrait der windschiefen Föhren, wie sie als besondere Vegetationselemente das herbe Landschaftsbild der Ostseeküste wesentlich prägen. Die Anschauung der mächtigen, in tiefem Schwarz gleichsam bedrohlich aufragenden und stets den Widrigkeiten der Zeit ausgesetzten Naturformen wandelt sich vor dem Hintergrund der Alterserfahrungen des Künstlers zu einer Projektionsebene seelischer Befindlichkeiten. Das paarweise Auftreten und demonstrative Zueinanderordnen der Kiefern kann als Verweis auf den Maler und seine Frau, die zum Entstehungszeitpunkt des Gemäldes 78jährige Emy Schmidt-Rottluff, gelesen werden. Die in der vorliegenden Darstellung anklingende Verknüpfung von Naturwahrnehmung und persönlicher Lebenssituation zugunsten einer symbolwirksamen Zusammenschau von Außen- und Innenwelt unternahm Schmidt-Rottluff bereits in dem 1934 geschaffenen Gemälde »Entwurzelte Bäume«. Wie in den Stilleben der 50er und frühen 60er Jahre entwickeln die Bildgegenstände ebenso in der Landschaftsmalerei ein seltsam magisches Eigenleben und gewinnen eine expressive Eigensprache, die über die bloße Wiedergabe der sichtbaren Wirklichkeit hinausreicht und sinnbildhaften Zeichencharakter gewinnt. Auffällig zu beobachten ist bei den Bildschöpfungen der letzten Schaffensjahre die Affinität des Malers für Schwarz als wichtigen Ausdrucksträger. »Die Verwendung von Schwarz«, so Magdalena M. Moeller, »spielt eine immer größere Rolle, wodurch die Bilder eine bisher nicht gekannte geistige Tiefe erhalten, gleichzeitig aber auch eine geheimnisvolle, düstere Ausstrahlung, etwas Hintergründiges«.(2)

(1) Vgl. Karl Brix, Karl Schmidt-Rottluff. Biographie, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Stuttgart 1992, S. 274.
(2) Zit. nach: Magdalena M. Moeller, Karl Schmidt-Rottluff. Werke aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, München 1997, S. 46.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Bildträger: Schmidt=Rottluff "Alte Föhren" 612 / gewachst (Bezeichnung)

Inventarnummer
39/64

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Kat. Nr.41

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Abb. S.138, Kat. Nr.74

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.292, Abb. S.293, Kat. Nr.116