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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Sonne und hohes Ufer

Jahr
1958
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 87 x 101 cm
Rahmenmaß 99,2 x 113,2 x 4,3 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Die eindrucksvolle Bildschöpfung »Sonne und hohes Ufer« zählt zweifellos zu den herausragenden Landschaftskompositionen Schmidt-Rottluffs im malerischen Schaffen der späten 50er Jahre und vereint exemplarisch die wesentlichen Stilcharakteristika dieser Werkperiode. Entlang der steilen Abbruchkante der felsigen Küste an der Lübecker Bucht gleitet der Blick über gepflügte Felder und dichte Vegetation auf die tief stehende Sonne und verliert sich im linken Hintergrund in der weiten Wasserfläche der Ostsee. Schmidt-Rottluffs sinnliche Naturwahrnehmung und sein geschärftes Gespür für die Eigenwertigkeiten der herben Landschaft artikulieren sich in einem Brief an Erika von Hornstein vom August 1959: »Der Sommer scheint hier doch nun abgeschnappt zu sein — aber es wird jetzt eigentlich erst schön die sonst etwas mickrige Landschaft bekommt jetzt seltsamerweise Grösse und Weite. Felder sind abgeerntet, werden umgepflügt und bekommen Linien ebenso die Bucht.«(1)
Das Gemälde gewinnt seine formale Ausdruckskraft primär aus der linearen Struktur der kantig gebrochenen Konturzeichnung. Die unterschiedlich verdichteten und hintereinander-gestaffelten Umrisszonen, deren bizarre Formgestalt durch das extreme Gegenlicht beträchtlich intensiviert wird, beleben und rhythmisieren das Bildganze mit unruhiger Spannung. Der Einsatz der kontrastreich glühenden Farbwerte hat sich vom Naturvorbild weitgehend emanzipiert und tendiert insbesondere in den leuchtenden Violett- und Rosatönen des Strandes und der Sonnenscheibe zu grellen, beinahe aggressiven Überreizungen. Eine geradezu verhärtete Bildarchitektur prägt die gestalterische Strategie in der Darstellung der menschenleeren Naturkulisse. Der Fokus dieser Bildfindung liegt auf der kühnen Umdeutung und expressiven Neubewertung der vertrauten Landschaft. Schmidt-Rottluff agiert mit dem Wechselverhältnis zwischen beobachteter Gegenstandsform und freier Bildorganisation. Seine radikal flächenabstrahierende Formensprache übersteigert und verfremdet die Landschaft ins Zeichenhafte und beschwört zugleich die einzigartige dramatische Schönheit der norddeutschen Küstenregion.
Im Kontext der deutschen Nachkriegskunst der 50er Jahre bietet sich als Vergleichsmöglichkeit die schroffe, chiffrenartig vereinfachte Landschaftsmalerei von Werner Gilles an, der ab 1955 Mitglied der Akademie der Künste in Berlin war. Sein Aquarell »Rote Schlucht« von 1957 offenbart denselben hieroglyphenartig verknappten und kubisch verfestigten Formenkanon, der auch Schmidt-Rottluffs Küstendarstellung bestimmt. Gilles Credo, in dem er erklärt: »Ich arbeite mit Formen und Farben. Man muß das Abstrakte der Malerei in die Gegenstände bringen«,(2) lässt sich Schmidt-Rottluffs Intentionen zur Seite stellen. Neben weiteren Exponenten der gegenständlichen Malerei nach 1945 wie Karl Hofer, Werner Heldt und Erich Heckel behauptet Karl Schmidt-Rottluff als einstiger Protagonist des Expressionismus mit Arbeiten wie »Sonne und hohes Ufer« eine Sonderstellung in der deutschen Kunst am Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.(3)
Zum Anfang der 60er Jahre greift Schmidt-Rottluff das Küstenmotiv abermals auf und bannt es mit energischem Duktus des Tuschpinsels in identischer Anlage auf das Papier. Das nachhaltige Erlebnis der rauen Atmosphäre der Klippen mit ihren reizvollen, von Wind, Wasser und Erosion geformten geologischen Strukturen formulierte Schmidt-Rottluff 1961 ein weiteres Mal im nahezu formatgleichen Gemälde »Steilküste«, das sich ebenfalls in den reichen Sammlungsbeständen des Brücke-Museums befindet.

(1) Brief aus Sierksdorf vom 29.08.1959. Zit. nach: Erika von Hornstein, So blau ist der Himmel. Meine Erinnerungen an Karl Schmidt-Rottluff und Karl Hofer, Berlin 1999, S. 137.
(2) Zit. nach: Hans-Jürgen Schwalms, Werner Gilles (1894-1961), in: Ausst.-Kat. Kunst des Westens, Deutsche Kunst 1945-1960, Kunsthalle Recklinghausen 1996, S. 78.
(3) Siehe dazu ausführlich: Andrea Fink, Die Kunst Karl Schmidt-Rottluffs im Kontext von Abstraktion und Figuration, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Ein Maler des 20. Jahrhunderts, Museum am Ostwall Dortmund 2001, München 2001, S. 240-254.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff =Sonne und hohes Ufer= =gewachst= / 585 (Bezeichnung)

Inventarnummer
36/64

Werkverzeichnisnummer
nicht mehr bei Grohmann

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Abb. S.164, Kat. Nr.95

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.288, Abb. S.289, Kat. Nr.114

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.80, Kat. Nr.49