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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Große Wolke

Jahr
1957
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 87 x 101 cm
Rahmenmaß 102,5 x 116,5 x 3,5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Karl Schmidt-Rottluff. Das Rauschen der Farben, 2017/18, Kunstmuseum Ravensburg
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Die Landschaftsdarstellung zeigt den weiten, offenen Fernblick über die lockere Bebauung von Sierksdorf auf die Wasserfläche der Lübecker Bucht. Das obere Bilddrittel wird vom klaren Sommerhimmel beherrscht, in welchem die große weiße Wolke dominiert. Das titelgebende Sujet beansprucht nahezu die gesamte Ausdehnung der Himmelsfläche und zieht durch ihre markante Form sowie ihre überhelle Erscheinung das Augenmerk des Betrachters auf sich. Der Vorder- und Mittelgrund wird von der motivischen Trias zweier Gebäude und einer massigen Vegetationsform gebildet, deren Anordnung den Blick mit rahmender Wirkung entlang der vertikalen Mittelachse über die Grünflächen auf das kleinere Haus am Strand und weiter über die Horizontlinie auf das Wolkengebilde lenkt. Dem sich von links ins Bildfeld schiebenden Haus mit rotem Dach und gelbem Schornstein antwortet am rechten Bildrand das wuchtige, kantig verknappte Busch- und Baumwerk, dessen tektonische Strenge einen korrespondierenden Gegenpol bildet zur architektonischen Masse des Gebäudes.
Mit ihren blockhaft vereinfachten Umrissen nimmt die Wolkenformation das räumlich verfestigte Gefüge auf und intensiviert den Natureindruck zu kraftvoll-monumentaler Wirkung. Die Bildsprache zwingt das Flüchtige und Formlose, das Zufällige und Veränderliche, das Leichte und Luftige der Wolken in eine schwere, von geschlossener Materialität bestimmte Gestalt, die Erde und Himmel miteinander verklammert. Wie die Natur und die Häuser gewinnt die Wolke dadurch an zeichenhaft abstrahiertem Charakter, der auf das Generelle und Universelle im spontan Erlebten abzielt.(1) Schmidt-Rottluffs Gemälde unterwirft die Wahrnehmung der Küstenlandschaft, die ihm im Verlauf der Jahre so vertraut geworden ist, einer kalkuliert aufgebauten Kompositionsstruktur. Ebenso deutlich erweist sich, dass er kein topographisch nachvollziehbares Abbild der Küstenregion anstrebt, sondern vielmehr »stillebenhaft anmutende Landschaftsausschnitte malt, in denen er das, was er in der Natur sieht und findet, wiederum in knapper und ganz persönlich gesehener, erlebter Form, doch jetzt in einer stärker geistig durchschauten Formulierung vorträgt«.(2) Für eine dennoch vitale Expressivität im Gesamtausdruck sorgt die außergewöhnliche Energie der strahlend leuchtenden Farbakkorde. Mit der Feststellung »Malerei ohne Farbe ist ohne Herz.«(3) erklärte Schmidt-Rottluff noch ein Jahr vor seinem Tod die immense emotionale Bedeutung der Farbe als primärer Ausdrucksträger für sein Schaffen bis ins späte Alterswerk hinein. Schmidt-Rottluffs licht- und farbdurchflutetes Gemälde feiert die stille Schönheit der Landschaft, fangt ihren besonderen Reiz ein und offenbart unmittelbar den herben Eigenwert der lieb gewonnenen Natur an der Ostsee.

(1) Siehe zur Phänomenologie der Wolken in der Kunst
des 20. Jahrhunderts: Ortrud Westheider, Wolken und Abstraktion. Ein Motiv verändert die Malerei. Von Blechen zu Mondrian; und dies., Die Wolke als Destillat der Landschaft. Strindberg, Nolde, Hodler, Mondrian, in: Ausst.-Kat. Wolkenbilder. Die Entdeckung des Himmels, Bucerius Kunst Forum Hamburg, München 2004, S. 216-237.
(2) Zit. nach: Karl Brix, Karl Schmidt-Rottluff, Leipzig 1972, S. 63-64.
(3) Karl Schmidt-Rottluff 1975 in einem Gespräch mit Wolfgang Frankenstein. Zit. nach: Ausst.-Kat. Wolfgang Frankenstein — Die Schmidt-Rottluff-Bildnisse aus den Jahren 1974 bis 1976, Brücke-Museum Berlin 1995, S. 12.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten Mitte rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt-Rottluff "Grosse Wolke" ((576)) (Bezeichnung)

Inventarnummer
32/64

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Abb. S.163, Kat. Nr.94

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.280, Abb. S.281, Kat. Nr.110

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.79, Kat. Nr.48