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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Mond über der Küste

Jahr
1956
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 77 x 113 cm
Rahmenmaß 90,4 x 126 x 3 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Die vorliegende Komposition gehört neben dem Gemälde »Mond groß im Osten« von 1951 zu den herausragenden, vielbeachteten Hauptwerken aus der Serie der Mondscheinlandschaften. Das großformatig konzipierte Bild fängt den traumartigen Zauber einer klaren Mondnacht über der Meeresküste der Lübecker Bucht ein. Die bewusst gewählte Gegenlichtsituation lässt die Umrissformen der Büsche, Sträucher und Bäume im Vordergrund in silbrig-bläulichem Glanz aufleuchten und steigert ihre Gestalt zu bizarren Chiffren, die ein geheimnisvolles Eigenleben zu entwickeln scheinen. Schmidt-Rottluff untersucht und thematisiert das spannungsvolle Verhältnis zwischen Licht und Landschaft. Mit kraftvoll-expressiver Bildsprache visualisiert er die Einwirkungen des fahlen Mondscheins — seit dem frühen 17. Jahrhundert ein gängiger Topos europäischer Landschaftsmalerei — auf die Wahrnehmung der unberührten Naturkulisse. Über flächenvereinfachte Farbzonen, lebhafte Silhouettenformen und gestaffelte Schichtungen baut sich die nächtliche Landschaft auf. Nähe und Ferne sind aufgehoben und schemenhaft in die Bildebene zurückgenommen. Das Mondlicht entmaterialisiert die Dinge und hält sie in einer Schwebe zwischen Realität und Fiktion. Das Erlebnis der Landschaft erweitert sich zur mystischen Erfahrung, die Natur erscheint als magischer Ort und wird zum durchgeistigten Spiegelbild der eigenen sehnsuchtsvollen Innenwelt.
Ein Wechselspiel zwischen konkreter Gegenstandsorientierung und freiem malerischen Prinzip kennzeichnete Schmidt-Rottluffs Kunstauffassung der späten 50er und 60er Jahre. Durch die Fokussierung auf bestimmte Bildausschnitte und markante topographische Eigenheiten der rauhen Küstenregion isolierte er prägnante Formstrukturen aus dem gegenständlichen Kontext und übersteigerte sie zu expressiver, vom Naturvorbild radikal abgelöster Ausdruckskraft. Wie die übrigen Nachtlandschaften bezieht auch das vorliegende Beispiel seinen besonderen Reiz aus der Ambivalenz zwischen unmittelbarer Wirklichkeitswahrnehmung und reflektierter Bildkonstruktion. Der starke Abstraktionsgrad der Bildfindung verweist darauf, dass Schmidt-Rottluff von den Stilströmungen der zeitgenössischen Avantgarde wie Informel und Tachismus nicht unberührt blieb. »Schmidt-Rottluff löst sich auf diesem Weg vom Vorbild der Natur und findet zu Zeichen, die für Landschaft stehen und die gleichermaßen eine Komposition eigenständiger Farbzonen darstellen.«,(1) erklärte Hans-Werner Schmidt jene Bilddramaturgie. Kantig gebrochene Konturen und schroff zerklüftete Umrisse, blockhafte Verdichtungen und die insgesamt flächenkomprimierte Bildorganisation rücken das Gemälde in die stilistische Nähe zu den landschaftlichen Holzschnitten des Künstlers aus den 10er Jahren, so etwa zu dem Blatt »Landschaft mit Sonne« von 1916. Die Darstellung nächtlicher Landschaften im Mondschein übertrug Schmidt-Rottluff schließlich auch ins Medium der Zeichnung, wie das uni 1955 geschaffene Blatt »Halber Mond« eindrucksvoll belegt.
Abseits der Tageswirklichkeit beschwört Schmidt-Rottluff in »Mond über der Küste« eine vieldeutige, zum Rätselhaften und Naturmystischen tendierende Atmosphäre und unternimmt nicht zuletzt auch eine spirituelle Umdeutung und Neubewertung der mittlerweile so vertrauten Naturkulisse. Die Darstellung offenbart eindrucksvoll Schmidt-Rottluffs bis ins hohe Alter nicht erlahmendes Ausdruckspotential, das im Expressionismus wurzelt und ihn zu einem Garanten der Klassischen Moderne in der deutschen Kunst nach 1945 macht.

(1) Zit. nach: Hans-Werner Schmidt, Karl Schmidt-Rottluff. Ein »Spätwerk« von vier Jahrzehnten, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Stuttgart 1992, S. 30.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Mond über der Küste" ((5614)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
28/64

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.82

Schmidt-Rottluff : Colección Brücke-Museum Berlin, 6 octubre - 17 diciembre 2000 , Fundación Juan March, Madrid, Madrid : Fundación Juan March, 2000, Kat. Nr.34

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.126

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.76, Kat. Nr.45