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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Ferner Mond

Jahr
1956
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 87 x 101 cm
Rahmenmaß 104,5 x 118,5 x 4 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Karl Schmidt-Rottluff. Das Rauschen der Farben, 2017/18, Kunstmuseum Ravensburg
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Gemälde mit dem romantisierenden Titel »Ferner Mond« gehört in den bedeutenden, das malerische Schaffen der 50er und frühen 60er Jahre wesentlich prägenden Werkkomplex der nächtlichen Küstenlandschaften mit Mondschein.(1) Die konzentrierte Betrachtung der herben Ostseelandschaft an der Lübecker Bucht bei Sierksdorf regte Schmidt-Rottluff immer wieder zu neuen Bildern an. Bevorzugt rückten dabei die einzigartigen Stimmungsmomente heller Mondnächte ins Blickfeld des Malers. Wie in der vorliegenden Bildschöpfung eindrucksvoll zu beobachten ist, verändert das fahle Mondlicht die formale und farbliche Wahrnehmung der Naturkulisse grundlegend, prädestiniert die Ablösung der Farbigkeit vom Naturvorbild und übersteigert ihre ohnehin mit besonderen Empfindungs- und Gefühlswerten beladene Erscheinung ins Dramatisch-Mystische und Geheimnisvoll-Transzendente. Im Lichte des Mondes wandelt sich die menschenleere, statisch ruhende Landschaft zwischen Erde, Wasser und Himmel zum durchgeistigten Erfahrungsraum und wird zum Spiegelbild der Seele und zur Projektionsfläche emotionaler Befindlichkeiten, in der ein bedrückter Unterton mitschwingt. Leise Melancholie, Introvertiertheit und stille Natursehnsucht sprechen aus der großformatigen Landschaftskomposition.
Die Jahre um 1955 waren für Schmidt-Rottluff von mehreren Todesfällen ihm sehr nahestehender Persönlichkeiten überschattet und nachhaltig geprägt: 1954 starb die Kunsthistorikerin Rosa Schapire, 1955 der Künstlerfreund Carl Hofer, 1956 die Malerkollegen Lyonel Feininger und Emil Nolde, 1957 der Kunsthistoriker Wilhelm R. Valentiner. Unter dem Eindruck des Todes von Hofer, der sich vehement für die Kontinuität des Gegenständlichen in der Kunst nach 1945 eingesetzt hatte, und von Altersresignation geplagt schrieb Schmidt-Rottluff an Erika von Hornstein: »Die Malerei kann einen so auslöschen und immer quälen einen die Zweifel, ob die Alterszeugnisse noch einen Sinn haben«.(2) Im alljährlichen Rückzug nach Sierksdorf suchte der mittlerweile über 70jährige Künstler vor allem Ruhe, Erholung und Einsamkeit. Während des Sommeraufenthaltes 1956 bekennt er gegenüber der Malerin Maria von Heider-Schweinitz: »Vor allem scheue ich Menschen und dem entgeht man anderswo nicht.«(3) Ober das 1952 angemietete Domizil in dem Fischerort berichtet er anschaulich: »Wir wohnen hier in einer ausgebauten Garage, die in einem großen Garten liegt. Da sie ein Schiffsingenieur gebaut hat, hat sie ganz den Charakter einer Schiffskabine bekommen, alles sehr ausgenutzt und durchdacht. Elektrisches Licht, Warmwasserboiler, eingebaute Schränke und Fächer, sogar Alarmanlage, elektrisch Licht zum Lokus, und natürlich Windfahne, elektr. Öfchen und Platte nicht zu vergessen. Es ist höchst gemütlich, und wenn die Windfahne knietscht ... und der Regen an die absolut tropfendichten Fenster schlägt, vermisst man nur das Stampfen des Schiffes.«(4)
Die Landschafts- und Vegetationsformen sind einer flächenreduzierten, koloristisch differenziert verdichteten Farbfeldmalerei unterworfen; das fernsichtig konzipierte Naturpanorama ist in horizontalen Schichtungen aufgebaut, Einzelelemente sind kompakt verfestigt und mit aufgesetzten Konturzonen zu wuchtiger Plastizität gesteigert. Die Mondscheibe entwickelt als bunt-glühender Farbenkreis im Zusammenspiel mit der Spiegelung auf der Wasseroberfläche eine lebhafte Wirkung. Während Mittel- und Hintergrund in dunkeltonig gebrochenen, tageszeitbedingten Blau- und Grünwerten angelegt sind, leuchtet die Vordergrundebene in strahlkräftigem, heftig kontrastierendem Gelb-Orange heraus, drängt dem Betrachter in geradezu greller Optik entgegen und intensiviert die unwirkliche Atmosphäre. Das Bild gewinnt dadurch beträchtlich an kraftvoll-expressivem, unruhigen Ausdrucksgehalt. Die sanft gerundeten Konturführungen unterscheiden das Gemälde wesentlich von den anderen, Mitte der 50er Jahre mit kantig geschärftem Gestaltungsimpetus geschaffenen Nachtstücken, wie etwa dem ebenfalls 1956 entstandenen »Mond über der Küste«.

(1) Siehe dazu auch: Kat. Nr. 96, Nr. 106, Nr. 118 und Nr. 119 in dieser Publikation.
(2) Brief aus Hofheim vom 11. April 1955. Zit. nach: Erika von Hornstein, So blau ist der Himmel. Meine Erinnerungen an Karl Schmidt-Rottluff und Carl Hofer, Berlin 1999, S. 130.
(3) Brief vom 24. August 1956. Zit. nach: Ebd., S. 273. Maria von Heider-Schweinitz (1894-1974) war seit 1940 mit Schmidt-Rottluff eng befreundet.
(4) Briefen Erika von Hornstein vom 30. Juli 1952. Zit. nach: Gerhard Wietek, Karl Schmidt-Rottluff in Hamburg und Schleswig-Holstein, Neumünster 1984, S. 72. Ab 1954 sollten Karl und Emy Schmidt-Rottluff das Machemehlsche Haus in Sierksdorf als Sommerdomizil bewohnen. Siehe Abb. in: Ebd., S. 51.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Ferner Mond" ((5611)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
26/64

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.81

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.268, Abb. S.267, Kat. Nr.104

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.75, Kat. Nr.44