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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Fischerbucht mit Reusenstangen

Jahr
1951
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 87 x 101 cm
Rahmenmaß 99 x 113 x 4 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Fernab von Akademiebetrieb und Großstadtleben fand Schmidt-Rottluff ab Juni 1951 in dem kleinen Fischerort Sierksdorf, den er bereits 1943 für sich entdeckt hatte, an der Lübecker Bucht ein Refugium zum ungestörten Arbeiten im Einklang mit der sommerlichen Naturkulisse der Ostseeküste. Das vorliegende Gemälde zeigt den Blick über Fischerboote und Reusenstangen auf die Flachwasserzone der Bucht und einen schmalen Küstenstreifen. Die menschenleere, unbelebte Szenerie erscheint unter dem Gegenlicht der fahlen Mittagssonne. Die besondere Lichtsituation, die auch an Mondschein denken lässt,(1) schält die wenigen Bildgegenstände als dunkle, konturbetonte Silhouettenformen kontrastreich aus dem verflächigten Bildraum heraus und verleiht ihnen eine wuchtig-monumentale Präsenz. Insbesondere das zentrale Motiv der überkreuz stehenden Reusenstangen, deren obere Enden über die Horizontlinie ragen und die Sonnen- oder Mondscheibe in die Zange zu nehmen scheinen, gewinnt geradezu zeichenhaft übersteigerte Wirkung. Die kühle Farbgebung in matt eingetrübten Grün- und Gelbtönen evoziert einen verhaltenen, Einsamkeit und Introvertiertheit ausdrückenden Stimmungsgehalt. Der aus dem Bild sprechende, melancholisch die eigene Situation und kritisch die Zukunft kommentierende Unterton verweist auf die innere Gestimmtheit des Künstlers in den Jahren um 1950: »Jeder hat mal tote Zeiten und sie sind alles andere als angenehm für einen Maler, den es zur Arbeit drängt. Sie müssen halt auch ausgestanden sein, bis der Drang wieder stark ist. Äußere Nöte sind auch nicht angenehm — das Leben ist überhaupt keine leichte, lustige Sache und trotzdem muss es gelebt werden. Es wird ja wohl jeder in dem großen Rad irgendeine Aufgabe zu erfüllen haben. Aber warum immer Angst vor dem, was kommen könnte. Kann man damit die Zukunft beschwören?«(2)
Wie in »Mond groß im Osten« bestimmt die Vorliebe für das träumerische Versenken in besondere Natur- und Lichtstimmungen, das Erlebnis des einzigartigen Zusammenspiels von Licht und Landschaft, Aussage und Wirkung des Gemäldes. Die erwähnten Farbwerte suggerieren eine durchgeistigte, von innerer Empfindsamkeit getragene Stimmung. Die Landschaft wandelt sich zum Meditationsraum, zum Ort seelischen Erlebens. Die sämtliche Naturschilderungen dieser Jahre kennzeichnende Ausblendung der menschlichen Figur konzentriert unseren Blick auf die reine Landschaft. Das nahe Heranrücken an das verlassen wirkende Arbeitsgerät der Fischer und die übersichtliche Aufreihung der Objekte in der vordersten Bildebene erzeugt einen geradezu stilllebenhaften Eindruck. Und doch bleibt die Gegenwart des Menschen in den ruhenden Gerätschaften der Fischer spürbar und lässt ein Leben und Arbeiten mit und in der Natur assoziieren. Das Gemälde entstand nach einer vorbereitenden, motividentischen Farbkreidestudie, die vermutlich schon in den frühen 40er Jahren angefertigt wurde.
Hinsichtlich der Maltechnik zeigt sich vorrangig in der Himmelsfläche, wie souverän Schmidt-Rottluff das Bild aus verschiedenen, übereinander liegenden Farbschichten aufbaut und damit dem stillen und statischen Bildgefüge eine lebhafte koloristische Wirkung verleiht. Dem Motiv einer ruhenden Wasserlandschaft mit Fischerbooten und Netzen wandte sich Schmidt-Rottluff bereits in den 30er Jahren zu; als Vergleichsbeispiel bietet sich die 1937 entstandene, ebenfalls in der Sammlung des Brücke-Museums befindliche Komposition »Fischerbucht« an. Im Unterschied zu den darin vorherrschenden Konturen und der formverfestigenden Farbflächenmalerei mit deckendem Pinselzug und geschlossenen Zonen prägt das Gemälde von 1951 ein stärker aufgelockerter, insgesamt freierer Umgang mit den künstlerischen Mitteln. In ihm werden die Dinge oftmals nur angedeutet und so in einem Schwebezustand zwischen Realität und Fiktion, konkreter Körperlichkeit und transzendenter Erscheinung belassen. Jene Ambivalenz zwischen Naturbeobachtung und bildnerischer Transformation, zwischen Einfühlung und Abstraktion, zeichnet die hohe Eigenständigkeit von Schmidt-Rottluffs Malerei im Spannungsfeld der deutschen Nachkriegskunst aus.

(1) Im Katalog der Ausstellung Karl Schmidt-Rottluff. Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf 1992, wurde die ambivalente Darstellung als Landschaft im Mondlicht gedeutet. Vgl. Ebd., S. 200.
(2) Brief vom 15. Juli 1952 aus Sierksdorf an die Malerin Maria von Heider-Schweinitz. Zit. nach:
Gerhard Wietek, Karl Schmidt-Rottluff in Hamburg und Schleswig-Holstein, Neumünster 1984, S. 71.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Fischerbucht mit Reusenstangen" ((5112)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
17/64

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 306, Tafel S. 275

Literatur

A 24, Karl Schmidt-Rottluff (1884 - 1976), Haffbucht im Herbstnebel, 1948

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Kat. Nr.33

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.112

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.250, Abb. S.251, Kat. Nr.95

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.58, Kat. Nr.27