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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Stilleben mit Clematisblüte

Jahr
1951
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 76 x 90 cm
Rahmenmaß 90,5 x 104,6 x 3,4 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Auf blauem Tuch setzt Schmidt-Rottluff Dinge seiner persönlichen Lebensumgebung wirkungsvoll in Szene. Die in leichter Aufsicht auf einer Tischplatte übersichtlich vor dem Auge des Betrachters ausgebreiteten Gegenstände sind der häuslichen Privatsphäre des Künstlers entnommen: es erscheinen ein hölzerner Kerzenständer, eine kleine Schatulle, die titelstiftende Clematisblüte, ein aufgeschlagenes Buch und eine afrikanische Holzmaske. Schräger Blickwinkel und knapper Bildausschnitt blenden den Umraum bis auf die Kommode im Hintergrund weitgehend aus und fokussieren unsere Aufmerksamkeit auf das Zusammenwirken der höchst unterschiedlichen, verschiedenen Motiv- und Kulturbereichen entlehnten Objekte. Die Auswahl der Dinge assoziiert die Bereiche Literatur, Natur und Kunst. Die Stilllebenelemente sind sorgfältig arrangiert und wie auf einer Raumbühne zur geschlossenen Gruppe versammelt. Stimmungs- und Ausdrucksgehalt des Gemäldes werden ganz wesentlich vom reizvollen Wechselspiel der in Form und Größe, Farbigkeit und Materialität, Nutzen und Funktion so verschiedenartigen Gegenstände geprägt. Als zentrales Motiv und optischer Fixpunkt fungiert die große weiße Blüte, deren strahlenartig ausgreifende Blätter mit der kreisförmigen Konstellation des Ensembles korrespondiert.
In der Schaffensperiode der 50er Jahre markieren die zahlreichen, von leuchtender Farbenergie und Tageshelligkeit durchstrahlten Stilleben und Atelierdarstellungen einen wichtigen Gegenpol zu den zeitgleich entstehenden Nachtbildern mit Mondscheinlandschaften. In charakteristischer Manier für Schmidt-Rottluffs herbe Bildästhetik dieser Zeit ist das vorliegende Gemälde gänzlich aus reinen, kraftvoll konturierten Farbflächenbezirken heraus entwickelt. Durch den Verzicht auf dunkle Schattenbereiche verunklärte Schmidt-Rottluff die Bestimmbarkeit der Position seiner Objekte und erzielte eine gleichsam schwebende Wirkung der Bildgegenstände. Gleichwohl suggerieren die vielfachen Überschneidungen und die perspektivische Ansicht eine starke Tiefenräumlichkeit und betonte Wirklichkeitsnähe, die in den flächengeometrisch reduzierten Landschaften so nicht spürbar ist. Der stille Dialog des Malers mit der vertrauten Dingwelt kombiniert und dokumentiert liebgewonnene Sammlerstücke(1) wie die Maske und selbstgeschaffene, kunsthandwerkliche Arbeiten wie die Schatulle und den Kerzenständer.(2) Eigene Lebenskultur, außereuropäische Volkskunst und heimische Vegetation sind in der Bildgattung des Stillebens zu einer aufschlussreichen Zusammenschau gebracht. Die Integration westafrikanischer und ozeanischer Kunst- und Kulturzeugnisse in Stilllebenkompositionen ist eine häufig zu beobachtende, demonstrative Geste im künstlerischen Gesamtwerk von Schmidt-Rottluff und erlebte in den 50er Jahren neue Höhepunkte in allen technischen Kategorien. Aus ihrem ursprünglichen Bedeutungskontext herausgelöst, entwickeln die Artefakte »primitiver« Kunst in ungewohnter Koexistenz mit den anderen Objekten eine hohe suggestive Aussagekraft und eine veränderte Inhaltlichkeit. Durch kompositorisches Zueinander-ordnen imaginiert Schmidt-Rottluff eine über das Gezeigte hinausgehende lebendige Interaktion zwischen den Dingen; so gewinnt etwa die dem Betrachter direkt zugewandte Gesichtsmaske in Korrespondenz mit den offenen Buchseiten einen gleichsam sprechenden, erzählerisch anmutenden Habitus.
Mit der dezidierten Hinwendung zum Thema Stilleben beschwört Schmidt-Rottluff die Gültigkeit des Gegenständlichen in Zeiten der Abstraktion. Gegen die zeitaktuell vorherrschende Ablösung vom Gegenstand und jenseits aller kunsttheoretischen Überlegungen suchte er immer wieder die Auseinandersetzung mit der sichtbaren und konkret fassbaren Welt der Dinge und behauptete damit seine individuelle Position im Spannungsfeld der Nachkriegskunst. In den Stilllebendarstellungen stellte Schmidt-Rottluff letztlich die Frage nach der Wertigkeit des Gegenstandes in der Malerei nach 1945.

(1) Karl Schmidt-Rottluff begann 1913 mit dem Aufbau einer eigenen Sammlung mit Kunst aus Afrika und Ozeanien. Die heute in Teilen im Brücke-Museum sowie in Privatbesitz befindliche Sammlung umfaßt Holzskulpturen und Masken sowie Kult- und Alltagsgegenstände, die aus dem Kongo und Kamerun sowie aus Polynesien und Neuguinea stammen. Siehe dazu auch
Kat. Nr. 84.
(2) Aus Holz gefertigte Gebrauchsgegenstände wie Kästchen, Deckeldosen oder Kerzenständer sind als eigener, plastischer Werkbereich untrennbar mit dem künstlerischen Gesamtschaffen von Schmidt-Rottluff verbunden. Vgl. dazu: Gerhard Wietek, Karl Schmidt-
Rottluff. Plastik und Kunsthandwerk. Werkverzeichnis, München 2001, S. 371-392, dort besonders Kat. Nr. 289.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Stilleben mit Clematisblüte" ((519)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
16/64

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 306, Tafel S. 277

Literatur

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Kat. Nr.32

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Abb. S.72, Kat. Nr.19

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.248, Abb. S.249, Kat. Nr.94

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.164, Kat. Nr.106