Zurück zu den Ergebnissen
Zurück zu den Ergebnissen
Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Im Atelier

Jahr
1950
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 76 x 100 cm
Rahmenmaß 89,1 x 114 x 3,6 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Selbstbildnis als Mittel der Selbstreflexion und Selbsterkenntnis nimmt im OEuvre von Schmidt-Rottluff breiten Raum ein. Selbstporträts und Atelierdarstellungen spielen besonders im Spät- und Alterswerk des weitestgehend zurückgezogen lebenden Malers eine wichtige Rolle.(1) In diesen Bildschöpfungen zeigte sich Schmidt-Rottluff am Ort seiner künstlerischen Tätigkeit, wollte als Maler verstanden sein und sich als einen ganz auf sich selbst und seine Arbeit bezogenen Menschen präsentiert sehen. So auch im vorliegenden Gemälde, welches den 66jährigen Künstler in den Räumen seines Ateliers in Berlin-Zehlendorf, Schützallee 136, zeigt. Aus dem Bildzentrum nach links außen gerückt, blickt der Maler dem Betrachter frontal entgegen, hinterfangen von der großen Fläche des Atelierfensters und flankiert von der in der rechten Bildhälfte als Gegenpol zur Halbfigur positionierten Staffelei. Das harte Gegenlicht modelliert die Person scharf heraus und läßt schmale Konturpartien an Kopf und Schulter in grellem Gelb aus dem ansonsten eigentümlich matt und stumpf wirkenden Umgebungskolorit aufstrahlen. Ein spannungsvoller Kontrast ergibt sich hierbei insbesondere zum brillant fluoreszierenden Blau in der Kleidung des Malers. Die künstlerische Selbstbefragung wird von einem klaren und einfachen Bildaufbau bestimmt: der strengen rechtwinkligen Struktur der Staffelei antworten die horizontalen und vertikalen Streben der Fenstersprossen. Eine gänzlich flächenreduzierte Formensprache prägt das gestalterische Prinzip der stillen, in sich ruhenden Bildordnung. Schmidt-Rottluffs Person erscheint stark stilisiert und wird wie der Umraum von kompakten, mit breiten Konturverläufen fest umschlossenen Farbzonen und Schattierungen charakterisiert. Seine physiognomische Wiedererkennbarkeit wird der abstrahierenden Schematisierung des Bildganzen unterworfen, womit Schmidt-Rottluff zugleich sein Kunst- und Selbstverständnis sowie seine dem Expressionismus verpflichtete Malauffassung manifestartig demonstriert. Die mittig gesetzte Fensterfläche gibt den Blick frei auf ein von Baumsilhouetten teilweise verdecktes Haus. Die sonnendurchstrahlte Aussicht nach draußen signalisiert, dass die Zeit der Enge, der Bedrängnis und Besorgnis vorüber ist und ein Neuanfang gewagt werden kann. Dementsprechend gewährt das attributive Motiv der leeren Staffelei mehrere Deutungsmöglichkeiten: zum einen kann sie als Metapher für den schmerzlichen Verlust großer Teile des Schaffens während der Zeit des Dritten Reiches und der Wirren des Weltkrieges stehen, zum anderen darf sie als markantes Symbol für den Neubeginn, für das Kommende gelesen werden, das nach Jahren der Unterdrückung und der Entbehrungen nun mit frischer Schaffensfreude in Angriff genommen werden kann.
Für das eigene Portrait knüpfte Schmidt-Rottluff an die ikonographische Tradition von Künstlerselbstbildnissen an und wählte die klassische Ateliersituation vor der Hintergrundfolie eines Fensterausblickes zugunsten des suggestiven Wechselspiels zwischen Innensicht und Außenwelt, zwischen psychologisierendem Selbstausdruck und sachlicher Naturwahrnehmung. Gleichwohl sehen wir ihn nicht beim Malen an der Staffelei; ohne Pinsel und Palette sucht er vielmehr mit fragendem und müde anmutendem, vom Alter gezeichneten Blick den Bezug zum Betrachter, so als wolle er, der nach 1945 in der eigenen Vorstellung schon »eine Legende«(2) zu sein schien, sich seiner Aussagekraft vergewissern und Position beziehen. Zusammen mit dem ebenfalls 1950 entstandenen Gemälde »Selbstbildnis«,(3) das sich in der Sammlung der Berliner Nationalgalerie befindet, handelt es sich bei dem Werk aus den Beständen des Brücke-Museums um das letzte in Ol ausgeführte Selbstportrait des Künstlers.

(1) Siehe dazu auch Kat. Nr. 99 »Gelbe Palette«.
(2) Schmidt-Rottluff in einem Brief an den Lübecker Maler Curt Stoermer. Zit. nach: Gunther Thiem, Dokumentation zu Leben und Werk, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Retrospektive, Kunsthalle Bremen, München 1989, S. 100.
(3) Vgl. Abb. in: Will Grohmann Karl Schmidt-Rottluff, Stuttgart 1956, S. 131.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert oben links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Im Atelier" ((5021)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
9/64

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 305, Tafel S. 277

Literatur

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Kat. Nr.29

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Kat. Nr.29

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.70

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.108

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Erw. S.22, 24, Abb. S.66, Kat. Nr.13

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.240, Abb. S.241, Kat. Nr.90

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.118, Kat. Nr.74

Karl Schmidt-Rottluff, Remm, Christiane, München : Klinckhardt & Biermann, 2016, Abb. S.52, Kat. Nr.31

1905 - 1935 Ekspresjon! Edvard Munch - Tysk og Norsk Kunst i tre Tiar, Steinar Gjessing, Arne Eggum, Erik Morstad, Magne Bruteig, Roland Scotti, Magdalena M. Moeller, Helmut R. Leppien, Andreas Hüneke, Kristin Tandberg, Munch-museet, Oslo, 2005, Abb. S.7, Kat. Nr.134