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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Heißer Taunuspark

Jahr
1950
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 100 x 76 cm
Objektmaß 115,6 x 90 x 3,5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Gemälde zeigt den Ausschnitt eines Parkgeländes in Hofheim am Taunus, wo Schmidt-Rottluff im »Blauen Haus« der befreundeten Malerin, Sammlerin und Galeristin Hanna Bekker vom Rath seit den frühen 30er Jahren häufig zu Gast war.(1) Unser Blick gleitet über niedrige Pflanzenzonen und ein leeres Brunnenbassin in die geringe Raumtiefe und fängt sich an der formatfüllenden Kulisse hochaufragender Bäume. Über der menschenleeren Szenerie lastet ein verdunkelter Himmel, der an ein herannahendes Gewitter denken läßt. Schmidt-Rottluffs farb-und formintensive Bildsprache thematisiert das kraftvolle Wachstum der üppigen Vegetation. Die leuchtende Intensität der übersteigerten Farbakkorde strahlt hochsommerliche, schwüle Hitze aus; die vielteilige Auflösung der Naturformen erzeugt ein vibrierendes Flimmern. Fließend gerundete und kantig gezackte Konturverläufe umschließen die grob vereinfachten Einzelmotive und verleihen der Parkflora Schwere und Massigkeit. Umriß- und Binnenformen durchdringen und überlagern sich zu einem pulsierenden Organismus. Schmidt-Rottluffs Komposition wandelt die stille Landschaftsbeobachtung in eine lebhafte Farbzonenmalerei, welche die Einzelelemente radikal auflöst, Details zusammenfaßt und die Naturkulisse in eine bildteppichartig stilisierte Musterstruktur verdichtet. Die gewaltige Überfülle der in voller Pracht erstrahlenden Natur drängt über die Bildgrenzen hinaus, bestürmt mit geradezu aggressiver Vehemenz den Blick des Betrachters und erfüllt ihn mit staunender Unruhe.
Schmidt-Rottluffs Bildvokabular befreit vor allem die Farbe von gegenstandsbeschreibender Funktion und läßt sie als autonomen Ausdrucksträger gesteigerter innerer Empfindung den besonderen Wirkungsgehalt des Bildes bestimmen. Exemplarisch formuliert er damit das Formen- und Gedankengut des klassischen Expressionismus. Scheinbar unbeeindruckt von den neuen Stiltendenzen und den innovativen künstlerischen Errungenschaften der Nachkriegszeit, bewahrte er sich seine Identität als ein Maler, der auf den Grundlagen des von ihm mitbegründeten Expressionismus seine farbstarken und formgewaltigen Bildwelten entstehen lässt. Seine Kunst erwächst nun nicht mehr aus dem Geist der Revolte gegen akademisch erstarrte Kunsttraditionen, sondern aus der Reflexion über das einstmals Erreichte und oftmals Erprobte, aus der Berufung auf das Bekannte und Bewährte, auf das er in den 50er und 60er. Jahren mit ungebrochenem Schaffenselan und souveränem Einsatz der Gestaltungsmittel zurückgreift. Weiterhin vertraute er auf die emotionalen Eigenqualitäten der Farbe als wichtigstem Bildfaktor. »Malerei ohne Farbe ist ohne Herz«, formulierte er zuletzt sein künstlerisches Credo.(2) Im vorliegenden Gemälde fand Schmidt-Rottluff zu einem neuen koloristischen Höhepunkt und ließ die Farbe eindrucksvolle Triumphe feiern.
Der Bildthematik der Taunuslandschaft widmete sich Schmidt-Rottluff auch im Medium des Aquarells, das im Schaffen nach 1945 neben der Ölmalerei zunächst eine gleichberechtigte Rolle spielte und nach deren Aufgabe ab 1964 neben der Farbkreidezeichnung zur vorherrschenden künstlerischen Technik avancierte. Von glutvoller Entfaltung der Farbe durchströmt präsentiert sich die hochsommerliche Natur im großformatigen Blatt »Heißer Taunuswald« von 1959, welches sich gleichfalls in der Sammlung des Brücke-Museums befindet.

(1) Vgl. dazu auch: Ausst.-Kat. Hanna Bekker vom Rath und die Künstler des Blauen Hauses in Hofheim am Taunus, Rathaus der Stadt Hofheim am Taunus 1984, S. 32-33, S. 68-70.
(2) Karl Schmidt-Rottluff 1975 in einem Gespräch mit Wolfgang Frankenstein. Zit. nach: Wolfgang Frankenstein, Begegnungen mit Karl Schmidt-Rottluff, in: Ausst.-Kat. Wolfgang Frankenstein. Die Schmidt-Rottluff-Bildnisse aus den Jahren 1974 bis 1976, Brücke-Museum Berlin, Dresden 1995, S. 12.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Heißer Taunuspark" (5026) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
11/64

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 305

Literatur

B 106, Karl Schmidt-Rottluff (1884 - 1976), Park in Hofheim, 1950

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.68

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.105

Karl Schmidt-Rottluff - Die Berliner Jahre 1946 - 1976 , Remm, Christiane, Fredheim, Arnt, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Abb. S.126, Kat. Nr.62

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.236, Abb. S.237, Kat. Nr.88

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.154

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.52, Kat. Nr.21

Karl Schmidt-Rottluff, Remm, Christiane, München : Klinckhardt & Biermann, 2016, Erw. S.56, Abb. S.57, Kat. Nr.34

Malgründe. Hofheim als Motiv. Von Coppa bis Schmidt-Rottluff, Abb. S.59