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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Kleines Zimmer mit Nähmaschine

Jahr
1939
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 112 x 76 cm
Rahmenmaß 124,5 x 88,5 x 4 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1964 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Stärker als die früheren Innenraumdarstellungen aus der Zeit der Verfemung ist das 1939 geschaffene Gemälde »Das kleine Zimmer« wesentlich vom Ausdruck des Isoliert- und Eingeschlossenseins des Künstlers geprägt. Der Kriegsbeginn machte die Erfahrungswelt für Schmidt-Rottluff noch enger und schränkte seinen ohnehin begrenzten Bewegungshorizont, vor allem die Reisemöglichkeiten, weiter ein. Der Maler wurde zunehmend auf sich selbst und seine unmittelbare häusliche Lebensumgebung zurückgeworfen. Gegen Ende der 30er Jahre mied Schmidt-Rottluff mehr und mehr die Öffentlichkeit. » ... wir sind heute — wir Älteren unter dem Druck der Zeit etwas rückwärts gewandt und vereinsamt .... Man beugt sich dem Schicksal«,(1) schrieb er im März 1940 an den im »inneren« Exil lebenden Alexej von Jawlensky nach Wiesbaden.
Vor diesem biographischen und zeithistorischen Hintergrund bedeutete die intensive Auseinandersetzung mit Innenräumen und Fenstermotiven einen symbolischen Verweis auf seelisches Befinden und persönliche Gestimmtheiten. Im vorliegenden Leinwandbild wird die schmale Kammer mit verhängtem Fensterausblick zur Metapher der zweifelnden Selbstbefragung künstlerischen'Tuns in Zeiten zunehmender Bedrohung und Verfolgung. Das Motiv entstand sehr wahrscheinlich im Haus der befreundeten Malerin, Sammlerin und Galeristin Hanna Bekker vom Rath in Hofheim am Taunus, wo Schmidt-Rottluff seit den frühen 30er Jahren regelmäßig die Frühjahrsmonate verbrachte. Eine bedrückende Enge und beklemmende Stille prägen den Stimmungsgehalt und lasten über dem statischen Bildaufbau. Bett, Schemel und Nähmaschine stehen dicht beieinander, gewähren keine Bewegungsfreiheit und verwehren regelrecht den Zugang in das sperrige Raumgefüge. Der Blick in das kastenartige, geradezu zellenhaft anmutende Interieur wandelt sich zum psychologisierenden Selbstportrait. Blieb in früheren Innenraumkompositionen, wie etwa in »Das offene Fenster« oder »Abend im Zimmer«(2) das Fenster als hoffnungsvolle Verbindung nach draußen gegenwärtig, so erscheint nun der fast völlig zugezogene Vorhang als Barriere zur Außenwelt. Der verbleibende Blickwinkel zeigt statt den Hoffnungsträgern Sommerhimmel oder Mond jetzt lediglich die trostlose Aussicht auf kahle Bäume im fahlen Licht; auch der Wandspiegel bleibt leer und blind. Die groben Formen der wenigen Gegenstände erscheinen erstarrt, die gedämpfte Farbigkeit ist zu schwerer Materialität geronnen. Das klaustrophobische Gefühl von hermetischer Verschlossenheit und scheinbarer Ausweglosigkeit beherrscht den resignativen Wirkungsgehalt der Darstellung. Wie die zeitgleich geschaffenen Stilleben, die zur Parabel für den knapp bemessenen Lebensraum des Malers werden, kündet »Das kleine Zimmer« von der Reduktion des Lebens auf das Naheliegende der Privatsphäre und zeichnet ein aussagekräftiges Stimmungsbild des Daseins im Verborgenen der »inneren Emigration«.

(1) Zit. nach: Gunther Thiem, Dokumentation zu Leben und Werk, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Retrospektive, Kunsthalle Bremen 1989, München 1989, S. 99.
(2) Vgl. Abb. ebd., Kat. Nr. 295, Tafel 101.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Kleines Zimmer mit Nähmaschine" ((394)) (Bezeichnung)

Inventarnummer
8/64

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 303

Literatur

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Kat. Nr.25

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.64

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.96

Karl Schmidt-Rottluff : Retrospektive, Staatsgalere Stuttgart, Gunter Thiem, Stuttgart, München : Prestel, 1989, Abb. S.Tafel 102, Kat. Nr.304

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.230, Abb. S.231, Kat. Nr.85

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.148, Kat. Nr.90

... die Welt in diesen rauschenden Farben. Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Magdalena M. Moeller, Rainer Stamm, Christiane Remm, Gloria Köpnick, Magdalena M. Moeller und Rainer Stamm, Hirmer Verlag, München, 2016, Kat. Nr.49