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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Villa Hadriana

Jahr
1930
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 87,5 x 101,5 cm
Rahmenmaß 101,2 x 115,2 x 4 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Karl Schmidt-Rottluff. expressiv - magisch - fremd, , Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Details zum Erwerb
Erworben 1974 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Den motivischen Schwerpunkt der römischen Werkphase von Schmidt-Rottluff bilden ortsspezifisch inspirierte Architekturdarstellungen und Ruinenlandschaften. Dabei rückten vor allem die Überreste der antiken Baukunst ins Blickfeld des Malers und forderten ihn zu eindrucksvollen, wuchtig-expressiven Bildern heraus. Fasziniert war Schmidt-Rottluff insbesondere von der Monumentalität der Architektur. Die großformatige Leinwandarbeit zeigt die Ruinenstätte der Villa des Kaisers Hadrian (76-138 n. Chr.) bei Tivoli, erbaut 118 bis 138 als ausgedehnte Gebäudeanlage mit Gärten und Bassins. Zwischen den beiden hochaufragenden Säulen wird der Blick des Betrachters wie durch eine Torsituation ins Innere einer steinernen Rotunde gezogen. Dargestellt sind die Reste des Teatro Maritimo, dem ehemals von einem Wassergraben und einer aus 40 Säulen bestehenden Kolonnade umgebenen Inselpavillon, welches das Zentrum des Villenkomplexes bildete. Vergleichbar den übrigen Architekturkompositionen zeigt Schmidt-Rottluff den Ort als menschenleere Szenerie, erfüllt von Ruhe und Stille, aber auch von Düsternis, Trostlosigkeit und Melancholie. Details und Einzelformen bleiben grob vereinfacht und volumenbetont stilisiert. Während die Architekturfragmente im Vordergrund in ihrer plastischen Dinghaftigkeit hervorgehoben sind, versinkt der Hintergrund in einer verflächigten Farbzonenfolie. Für besondere Stimmungsmomente sorgt vorrangig die unnatürliche, unheimlich anmutende und von effektvollen Hell-Dunkel-Kontrasten geprägte Lichtsituation, welche die freistehenden Säulen vor nachtschwarzem Himmel dramatisch aufleuchten lässt. Schmidt-Rottluffs gestalterische Intentionen gelten weniger dem Anfertigen einer Vedute und zielen auch nicht darauf ab, das Klassische und Erhabene einer vergangenen Kulturepoche einzufangen, sondern wollen vielmehr eine besondere atmosphärische Stimmung beschwören. Und so ist die Verlassenheit des Ortes sowie der Geist und die Aura der bühnenartig inszenierten Denkmalstätte das eigentliche Thema der Bildschöpfung. Zugleich vermittelt die Darstellung die herbe Schönheit und den pittoresken Reiz des Verfalls.
Schmidt-Rottluff pflegte ein eher distanziertes und kritisches Verhältnis zu den Überresten römisch-antiker Baukunst, weit entfernt von euphorischer Bewunderung. Geradezu respektlos bezeichnete er in einem Brief an Max Sauerlandt die antiken Zeugnisse als »Klamotten«.(1) Generell wandte er sich »gegen die Überbewertung geheiligter Bildquellen und mehr noch gegen die Gefahr ihrer Interpretation«.(2) Diese Geisteshaltung und Grundüberzeugung floss in Aufbau und Ausdruck, Aussage und Wirkung seiner Architekturbilder ganz wesentlich mit ein. Gleichwohl spricht aus ihnen stets auch Respekt vor den Leistungen der antiken Baumeister. Kunstgeschichtlich betrachtet gehört das Gemälde in den traditionsreichen Themenbereich des Ruinenbildes, einer seit dem 17. Jahrhundert vor allem von Italienreisenden aus dem Norden bevorzugten heroischen Landschaftsmalerei, die mit der Darstellung verfallender Baudenkmäler neben der Sehnsucht nach arkadischer Größe stets auch die Vanitas-Idee von der Vergänglichkeit und Eitelkeit menschlicher Schöpferkraft verband. In Schmidt-Rottluffs Architekturbild sind alle idealisierenden und romantisierenden, überhöhenden und symbolischen Tendenzen, welche die Ruinendarstellungen des 17. bis 19. Jahrhunderts kennzeichneten, einer kühnen Übersteigerung der Ausdrucksmittel und unkonventionellen Verfremdung des Schauplatzes gewichen. In der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts behauptet Schmidt-Rottluff mit der Serie seiner spätexpressionistischen Architektur- und Ruinenbilder aus Rom und Umgebung eine herausragende Sonderstellung.

(1) Zit. nach Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff, Stuttgart 1956, S. 118.
(2) Zit. nach Karl Schmidt-Rottluff. Malerei und Graphik, Bestandskatalog I der Städtischen Kunstsammlungen Chemnitz, hrsg. von Susanne Anna, Chemnitz 1993, S. 60.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Villa Hadriana" ((306)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
1/74

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 299; Tafel S. 218

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : das nachgelassene Werk seit den zwanziger Jahren ; Malerei, Plastik, Kunsthandwerk ; Brücke-Museum, Ausstellung vom 20. August 1977 - 15. Januar 1978, Berlin, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1977, Kat. Nr.4

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.55

Schmidt-Rottluff : Colección Brücke-Museum Berlin, 6 octubre - 17 diciembre 2000 , Fundación Juan March, Madrid, Madrid : Fundación Juan March, 2000, Kat. Nr.20

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.72

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.216, Abb. S.217, Kat. Nr.78