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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Karton mit Wolle

Jahr
1927
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 55 x 76 cm
Rahmenmaß 75 x 96,5 x 5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Karl Schmidt-Rottluff. expressiv - magisch - fremd, , Bucerius Kunst Forum, Hamburg
Details zum Erwerb
Erworben 1987 als Schenkung der Industriekreditbank AG Deutsche Industriebank Berlin
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das kleinformatige Gemälde konfrontiert den Betrachter im engen Bildausschnitt mit dem stilllebenhaften, extrem nahsichtig erfassten Arrangement eines flachen Kartons, dessen geöffneter, zur Seite gelegter Deckel den Blick in leichter Aufsicht freigibt auf mehrere verschiedenfarbige Wollknäuel, welche die weiße Schachtel vollkommen ausfüllen und an einigen Stelle über deren vorderen Rand hinausdrängen. Der bildbeherrschende, von starkem Seitenlicht effektvoll beleuchtete Hauptgegenstand wird im rechten Hintergrund von einem grünen Ton- oder Metalltopf begleitet, der innerhalb der kargen, äußerst sparsam konzipierten und rückseitig geschlossenen Komposition das Gegengewicht zum Kartondeckel bildet. Verbunden mit dem nahen Heranrücken steigern dunkle Schlagschatten die optische Erfahrung der wenigen, bescheidenen und scheinbar banal-belanglosen Dinge der häuslichen Alltagsumgebung zu wuchtiger Plastizität und monumentaler Wirkung. Vor allem die dicken Wollfäden entwickeln ein dynamisches, gleichsam organisch anmutendes Eigenleben im ansonsten vollkommen statisch und starr gebauten Bildgefüge. Das kleinteilige, expressiv bewegte Liniengespinst der bunten Wollfäden kontrastiert wiederum spannungsreich mit den großen, kantig verhärteten und in monochrome Farbtöne getauchten Flächenzonen der Umgebung.
Im Gesamtschaffen von Schmidt-Rottluff bildete die vorgestellte Thematik des Stillebens eine nicht unwesentliche Rolle. Vereinzelt widmete er sich seit 1907 dem Sujet stillstehender, unbelebter Objekte, die er zumeist der unmittelbaren persönlichen Lebensumwelt entlehnte. Eine forcierte Hinwendung zur Motivgattung des »nature morte« läßt sich für die Jahre 1912 bis 1915 beobachten, in denen die Serie der primitivistisch-kubistisch inspirierten »Exotik-Stilleben« mit der Integration afrikanischer Artefakte entsteht.(1) Im Verlauf der 20er Jahre intensivierte sich die Vorliebe für das Stilleben und erreichte mit der zwischen 1927 und 1930 geschaffenen Werkgruppe, zu der die Komposition »Karton mit Wolle« gehört, einen weiteren Höhepunkt. Schmidt-Rottluff lenkt darin den konzentrierten Blick auf die einfachen und unspektakulären, stets nahsichtig in knappen Blickwinkeln und engen Innenraumsituationen visualisierten Dinge der privaten Umgebung — bevorzugt erscheinen Gefäße, Blumen und Früchte. Eine kompakte Verfestigung der Formen und eine abgedämpfte, häufig mit Braun und Schwarz durchsetzte Farbanlage prägen die versachlichte, realitätsorientierte Stilsprache der späten 20er Jahre. Vergleichbar mit Erich Heckels Stillebene(2) aus jener Zeit diente Schmidt-Rottluff das Medium sowohl der Bewältigung formaler und kompositorischer Fragestellungen als auch zur Reflexion persönlicher Lebensumstände und künstlerischer Positionsbestimmung.
Nur wenige Jahre nach der Entstehung des Gemäldes sollte der intensive Dialog mit der Eigensprache der »stillen« Dinge für Schmidt-Rottluff zu einer zentralen, geradezu existentiellen Bildaufgaben werden. Während der Zeit der »inneren Emigration« ließ der verfemte Künstler ab 1933 die Gegenstände seiner Umwelt zu stummen Zeugen seines von Verfolgung und Bedrohung, Angst und Isolation, Einsamkeit und Resignation bestimmten Schicksals werden.(3) Ein Gefühl von Schwermut und Bedrücktheit drängt dem Betrachter bereits im vorliegenden Bild ahnungsvoll entgegen. Die Dinge erscheinen eigentümlich beseelt und sind als Ausdrucksträger gesteigerter innerer Empfindungen formatfüllend in Szene gesetzt.

(1) Siehe Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff, Stuttgart 1956, S. 257-258.
(2) Siehe dazu: Janina Dahlmanns, Erich Heckels Stilleben — Positionen der 20er Jahre, in: Ausst.-Kat. Erich Hecket — Sein Werk der 20er Jahre, Brücke-Museum Berlin, München 2004, S. 211-215.
(3) Vgl. dazu: Andreas Gabelmann, Der stille Blick. Bildwelten der »inneren Emigration» 1933 bis 1945, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Aquarelle, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen u.a., München.

Andreas Gablemann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Karton mit Wolle" ((275)) / =gewachst= (Bezeichnung)

Inventarnummer
26/87

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 297, Tafel S. 214

Literatur

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.206, Abb. S.207, Kat. Nr.73

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.131, Abb. S.141, Kat. Nr.83