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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Kämmendes Mädchen

Jahr
1919
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 90 x 76 cm
Rahmenmaß 109,3 x 94,5 x 5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Details zum Erwerb
Erworben als Schenkung von Emy Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Auf der Grundlage seiner Experimente mit Form und Volumen, die unter dem Eindruck der internationalen künstlerischen Avantgarde sowie der Werke afrikanischer Stammeskunst standen, setzte Schmidt-Rottluff seine Arbeit nach dem Krieg fort, sein Stil änderte sich jedoch. »Kämmendes Mädchen« zeigt nicht mehr die gedrungene, hölzerne Körperlichkeit und derbe Präsenz, die noch den Figuren um 1915 eigen ist. Die stereometrische Gestaltungsweise, die auch auf Erfahrungen Schmidt-Rottluffs mit der Holzschnitz-Kunst zurückgreift, weicht einer Geometrisierung, in der die Flächen nicht mehr nur auf die Einzelform, sondern wieder auf ihre künstlerische Notwendigkeit innerhalb der Gesamtkomposition bezogen sind. Die weichere Linienführung und eine unabhängigere Farbgebung tragen zu dem lockeren und freieren Charakter des Bildes bei. Der fast fröhliche und beschwingte Ausdruck wird jedoch auf eigenartige Weise durch die Erscheinung der Dargestellten relativiert. Ihre Haltung, gebeugt und zusammengezogen, ist auf natürliche Weise der Tätigkeit des Kämmens geschuldet. Zusammen aber mit dem intensiven, traurigen Blick, der die Tiefe ihrer Seele zu offenbaren scheint, wird das Bildnis zu einem mehrdeutigen Symbol. Unversehrt aus dem Krieg zurückgekehrt, heiratete Schmidt-Rottluff 1919 die Fotografin Emy Frisch, die er seit den Dresdener »Brücke«-Jahren kannte. Im Sommer versuchte er in Hohwacht an der Ostsee Erholung zu finden. An Wilhelm Niemeyer schrieb er: »Ich bin ja mit diesem Sommer, der mit seiner belastenden Melancholie einen allzu empfänglichen Boden fand, wenig zufrieden. Die ganze Qual der Kriegsjahre wirkte so sehr nach, dass ich mich noch gar nicht davon befreien konnte ... Etwas Vertrauen zur Farbe habe ich wiedergewonnen ... «.(1) Sein Bild erzählt in einer berührenden Zartheit und Anteilnahme von einer Oase des Glücks und der Geborgenheit inmitten einer (äußeren und inneren) Welt, die 1919 weiterhin von
Chaos und Verwirrung, Leid und Unsicherheiten geprägt war. Curt Stoermer, der Schmidt-Rottluff in diesem Sommer in Hohwacht kennenlernte, berichtete: »Die Familien kamen, sowohl dieseine wie die meine. Zu ihm kamen Frau und Schwester. Ein innigvertrautes Verhältnis bestand zwischen ihm und den Frauen. Sie waren die Modelle: Frauen am Strande, in den Dünen, der Aktbilder am Meer, der porträthaften Frauenbilder mit irgendeiner fraulichen Geste.«(2) »Kämmendes Mädchen«, ein Bild dieses Sommers, gibt in einer einzigartig verdichteten Weise einen solchen Augenblick und seine Stimmung wieder. Das Motiv des Kämmens beinhaltet im Verhältnis von Beobachtung und Preisgabe auf beiden Seiten Zuneigung und Vertraulichkeit, in der dargestellten Form jedoch auch seelisches Ungleichgewicht und Melancholie. Verzerrte und übersteigerte Einzelformen werden zu Trägern dieser Emotionen: dünne Arme, ein überdimensionierter, etwas verschobener Kopf, eine reduzierte, zum Teil stilisierte Anatomie, wie sie besonders bei den Händen, Augen und der langen stegartigen Nase auffällig ist. Diese Stilisierung von natürlichen Formen wird von nun an zu einem Charakteristikum in Schmidt-Rottluffs Kunst, er entwickelt Formzeichen, die er fortan immer wieder wie Zitate in seine Werke einfügt. Auch die Farbgebung des Gemäldes ist ambivalent. Schmidt-Rottluff arbeitet wieder mit Komplementärkontrasten, die eine ganz andere Art der räumlichen und körperlichen Modellierung gewährleisten als seine »materiegebundene« Farbigkeit der letzten Jahre. So ist die Farbe nicht unbedingt in einer den Gegenstand schildernden Funktion eingesetzt, sondern wird, wenn auch formgebunden, relativ unabhängig auf der Bildfläche verteilt. Dies steigert den Abstraktionsgehalt des Bildes und mildert die Bedeutungsschwere des Motivs. Der Kontrast von starken hellen Tönen zu gedeckten Tönen trägt zu einem freien, unbeschwert bunten Arrangement der Farbflächen bei. In ihrer Eigenschaft als Lichtträger jedoch differenzieren sie die Oberflächen im Bild. Das Setzen der Farben nach einem durchdachten, an der Gegenständlichkeit orientierten Schema führt Schmidt-Rottluff wieder zurück zur Beschreibung eines bestimmten Anblicks und eines erlebten Augenblickes — sinnliche und geistige Komponenten des Schaffens vereinigen sich hier zu einem Bild des aktuellen seelischen Befindens.

Christiane Remm


Aus: Magdalena M. Moeller (Hg.), Brücke-Museum Berlin. Malerei und Plastik. Kommentiertes Verzeichnis der Bestände, München 2006, Nr.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff 1919 (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: =gewachst= / Schmidt=Rottluff "Kämmendes Mädchen" (Bezeichnung)

Inventarnummer
2/79

Werkverzeichnisnummer
Grohmann S. 291

Literatur

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.39

Schmidt-Rottluff : Colección Brücke-Museum Berlin, 6 octubre - 17 diciembre 2000 , Fundación Juan March, Madrid, Madrid : Fundación Juan March, 2000, Kat. Nr.12

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.48

Karl Schmidt-Rottluff : Retrospektive, Staatsgalere Stuttgart, Gunter Thiem, Stuttgart, München : Prestel, 1989, Kat. Nr.208

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.184, Abb. S.185, Kat. Nr.63

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.149

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Abb. S.107, Kat. Nr.63