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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Sinnende Frau

Jahr
1912
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 102,5 x 76 cm
Rahmenmaß 119,2 x 93 x 4 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Die Brücke 1905 - 1914, 2018/19, Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Karl Schmidt-Rottluff. Das Rauschen der Farben, 2017/18, Kunstmuseum Ravensburg
Details zum Erwerb
Erworben 1971 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Eine motivische Neuorientierung von zentraler Bedeutung im künstlerischen Schaffen von Schmidt-Rottluff markieren die Aktdarstellungen vom Ende des Jahres 1912. Während die Auseinandersetzung mit der weiblichen Aktfigur, sei es im Atelier oder in freier Natur, im Werk der Weggefährten Heckel, Kirchner und Pechstein ein seit Beginn durchgängig verfolgtes Thema war, tritt die Beschäftigung mit der Problematik des menschlichen Körpers und dessen Verhältnis zu Fläche und Raum für Schmidt-Rottluff erst im Medium der Zeichnung und Druckgraphik ab 1909 ins Blickfeld.(1) In die Kategorie der frühesten Aktgemälde gehört neben »Mädchen bei der Toilette« das 1971 als Geschenk des Künstlers in die Sammlung des Brücke-Museums gelangte Leinwandbild »Sinnende Frau«. In starker Aufsicht und raumbeanspruchender Präsenz begegnet uns das Modell mit Draperie in einem nicht näher definierten Interieur — vermutlich handelt es sich dabei um das Atelier des Künstlers in Hamburg oder Berlin —, den Kopf mit geschlossenen Augen nachdenklich in die Hände gelegt. Aus dem dunkeltonig verflächigten Raumgefüge schält sich die Erscheinung der offenbar hockenden, leicht vorwärtsgeneigten Figur heraus und drängt mit nach oben zunehmender Plastizität der Formgebung dem Betrachter entgegen. Schmidt-Rottluffs Bemühen um die Bewältigung vollplastischer Körperlichkeit im spannungsreichen Wechselspiel mit der Bildfläche kulminiert in der kraftvoll übersteigerten Ausformung der wuchtigen Schulter- und Kopfpartie. Die massige Gestalt der Frau scheint gleichsam aus den kantig gebrochenen Flächenstrukturen des Fußbodens und der über die Beine gelegten Decke herauszuwachsen.
Nach den rigorosen Flächenreduktionen des letzten Dresdener Schaffensabschnittes verlagerte sich Schmidt-Rottluffs Gestaltungswille mit der Übersiedlung nach Berlin ab 1912 zusehends auf plastisch-räumliche Ausdrucksintentionen. Die formalästhetischen Fragestellungen in den Arbeiten der nächsten Jahre kreisten um das Problem der Möglichkeit einer Volumenbildung über die Zweidimensionalität der Bildebene hinaus. Von der Dominanz streng gebauter Bildtektonik gelangte Schmidt-Rottluff durch experimentierfreudige Rezeption der zeitaktuellen Stilströmungen der europäischen Avantgarden des Kubismus und Futurismus, begleitet von einer starken Faszination für afrikanische Stammeskunst, zu einer gänzlich volumenorientierten Malerei.(2) Für diese, auf die dezidierte Herausbildung des Motivischen abzielende Stiletappe fand Will Grohmann den treffenden Terminus »Definition des Gegenstandes«.(3) Im Mittelpunkt des Interesses stand die Beschäftigung mit dem Aktmotiv; das vorliegende Figurenbild eröffnet dabei den Reigen der Aktdarstellungen, der 1913 schließlich in den großgesehenen Badenden in den Dünen von Nidden einen eindrucksvollen Höhepunkt finden sollte. Im Unterschied zur intensiven Leuchtkraft der Farbwahl in den übrigen Aktgemälden von 1912 schlägt Schmidt-Rottluff in »Sinnende Frau« verhaltenere Töne an und taucht die Szene in ein Dämmerlicht aus gebrochenen Braun-, Ocker- und Grünwerten, was wiederum die besondere Stimmungsqualität des Ruhigen, Stillen und Besinnlichen wirkungsvoll zum Ausdruck bringt. Die größten Helligkeiten lenken die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den Bereich der entblößten Schultern, der Arme und des Gesichtes. Demgegenüber sinken die übrigen Bildpartien in den tonigen Hintergrund ab und verschwimmen mit der Flächigkeit des Raumgefüges. Einzig die gezackten, in leuchtendem Gelb und Blau gestalteten Dekorelemente der Draperie sorgen für lebhafte Akzente im ansonsten vollkommen bewegungslosen Ambiente.
Mit der großformatigen, rückseitig betitelten Komposition agierte Schmidt-Rottluff an der Schnittstelle zwischen Bildebene und Körpervolumina und behandelte das Sujet im ambivalenten Aktionsfeld zwischen praller Körperfülle und expressiv abstrahierender Farbflächenmalerei. Entscheidende Impulse von stilbildender Wirksamkeit empfing Schmidt-Rottluffs Formensprache hierbei durch die intensive Begegnung mit kubistischen Bildwerken von Picasso und Braque. Gelegenheiten zum Studium des Kubismus ergaben sich im September 1912 im Rahmen der epochalen Sonderbund-Ausstellung in Köln, auf der die Hauptmeister des französischen Stilphänomens repräsentativ vertreten waren.(4) Von frühkubistischen Frauenakten angeregt zeigt sich Schmidt-Rottluff vorrangig in der Vorliebe für ruhende, massige Plastizitäten, die im Kontext karger Innen- und Außenräumlichkeiten in eine festgefügte, skulptural anmutende Formensprache von robuster Körperhaftigkeit mit geradezu statisch-blockhafter Wirkung übersetzt sind. Als Reaktion auf die Kenntnis kubistischer Bildschöpfungen darf weiterhin die auffällige farbliche Reduktion gewertet werden, die starke Parallelen zur bevorzugten Farbpalette der Kubisten aufweist. Zu den kubistischen Form- und Farbanleihen gesellt sich die Inspiration durch das archaische Gestaltungsvokabular der Naturvölker Afrikas, deren ursprüngliche, aus der reinen Intuition entwickelte Formgebung Schmidt-Rottluffs Stilempfinden in idealer Weise entsprach. Einflüsse westafrikanischer Plastik offenbaren sich vor allem in der rudimentären, häufig von kühnen Proportionsveränderungen begleiteten Ausformung der Körperglieder und in der Überbetonung vollplastischer Rundungen, was der Darstellung zusammen mit dem geometrisch vereinfachten Dekor des Stoffes, dem schlichten Armschmuck und der maskenartig stilisierten Physiognomie einen mystischen, sinnlich-exotischen Gesamtausdruck verleiht. Die unkonventionelle Sitzhaltung evoziert gemeinsam mit der unorthodoxen Perspektive eine unverfälschte, auf das Ursprüngliche und Natürliche abzielende Sicht auf den Menschen und verweist wiederum auf den vorbildhaften Einfluss außereuropäischer Kunst und Kultur.(5) Die darin zum Ausdruck gebrachte, antiakademisch motivierte Vorliebe für nicht einstudierte Posen und unbefangene Gebärden der Aktmodelle »ohne Atelierdressur«(6) verbindet Schmidt-Rottluffs Intentionen mit den typischen Figurendarstellungen der »Brücke«-Kameraden. Der Eindruck von Ruhe und In-Sich-Gekehrt-Sein prägt den entspannten, gleichsam meditativen Stimmungsgehalt der intimen Atelierszene.
Die nicht bei Grohmann verzeichnete »Sinnende Frau« ist Teil einer größeren Werkreihe von Aktbildern aus dem Jahre 1912, zu der außerdem die Gemälde »Zwei Frauen« (Tate Gallery London), »Nach dem Bade« (Galerie Neue Meister, Dresden), »Ruhende Frau (Liegender Akt)« (Bayerische Staatsgemäldesammlungen München) und »Frau mit Armbändern« (ehem. Hamburger Kunsthalle) gehören. Wie im vorliegenden Fall bestimmen auch dort Momente robuster Festigkeit und monumentaler Geschlossenheit die energische Formgebung der in träge lastenden Körperhaltungen gezeigten Frauengestalten. Auffällig zu beobachten ist in der heute verschollenen Komposition »Frau mit Armbändern« die Übereinstimmung hinsichtlich Blickwinkel des Betrachters, Flächenornamentik des Bildgrundes und Pose des offensichtlich gleichen Modells mit der Leinwandarbeit »Sinnende Frau«.

(1) Vgl. Gunther Thiem, Die Verwandlungen der Venus. Schmidt-Rottluffs Akt-Zeichnungen von 1909 bis 1913, München 2003, S. 24 ff.
(2) Siehe dazu auch: Andreas Gabelmann, Wege ins Neue — Schmidt-Rottluffs Auseinandersetzung mit Futurismus, Kubismus und Primitivismus, in: Ausst.- Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Eine Maler des 20. Jahrhunderts, Museum am Ostwall Dortmund, München 2001, S. 212-228, dort Abb. 4, 11 und 12.
(3) Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff, Stuttgart 1956, S. 71.
(4) Vgl. Ausst.-Kat. Internationale Kunstausstellung des Sonderbundes zuCöln 1912, Nachdruck aus Anlass der Ausstellung »Europäische Kunst 1912«, Wallraf- Richartz-Museum Köln 1962, Kat. Nr.209-224 und Kat. Nr.227-233.
(5) Siehe zur Affinität für hockende und kauernde, kultisch inspirierte Sitzhaltungen bei Schmidt-Rottluff auch: Ebd., S. 223, Abb. 19 sowie Gunther Thiem, Das Archaische als Stilprinzip in Karl Schmidt-Rottluffs Schaffen von 1911 bis 1918, in: Pantheon, 53. Jg., 1995, S. 130-139.
(6) Max Pechstein, Erinnerungen, hrsg. von Leopold Reidemeister, Wiesbaden 1960, S. 41.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: S.Rottluff (Signatur)
Rückseitig auf dem Keilrahmen: Schmidt=Rottluff "Sinnende Frau" (Bezeichnung)

Inventarnummer
33/71

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.50

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.24

Schmidt-Rottluff : Colección Brücke-Museum Berlin, 6 octubre - 17 diciembre 2000 , Fundación Juan March, Madrid, Madrid : Fundación Juan March, 2000, Kat. Nr.9

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.32

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.Kat.-Nr. 46

Brücke und Berlin : 100 Jahre Expressionismus, Arnold-Becker, Alice , Berlin : Nicolai, 2005, Abb. S.Abb. 199, Kat. Nr.Kat.-Nr. 417

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.Kat.-Nr. 50

Brücke : die Geburt des deutschen Expressionismus, Javier, Arnaldo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Abb. S.291, Kat. Nr.160

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.174, Abb. S.175, Kat. Nr.60

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.94, Abb. S.104, Kat. Nr.60