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Künstler

Karl Schmidt-Rottluff

Titel

Roter Giebel

Jahr
1911
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 75 x 70 cm
Rahmenmaß 92,7 x 89 x 4,5 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Die Brücke 1905 - 1914, 2018/19, Museum Frieder Burda, Baden-Baden
Karl Schmidt-Rottluff. Das Rauschen der Farben, 2017/18, Kunstmuseum Ravensburg
Details zum Erwerb
Erworben 1971 als Schenkung von Karl Schmidt-Rottluff
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Die Suche nach dem Ursprünglichen in der Natur führte Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel im Frühjahr 1907 in das Fischerdorf Dangast am Jadebusen im Oldenburger Land. In der Folgezeit verbrachte der Maler bis 1912 regelmäßige Sommeraufenthalte in der nahezu unberührten Landschaftsregion. Vor allem während der Jahre 1909 bis 1911 wurde der kleine Badeort Dangast für Schmidt-Rottluff zum wichtigsten Rückzugs- und Wirkungsort. Die Umgebung der Nordseeküste avancierte zur zentralen Inspirationsquelle seines künstlerischen Schaffens.(1) Mehr als zwei Drittel der insgesamt 95 von Will Grohmann für den Zeitraum von 1907 bis 1912 verzeichneten Gemälde gehen auf das Sommerdomizil in Dangast zurück.(2) In der Werkgruppe dominieren Landschaften. Auffallend ist eine Konzentration auf bestimmte, motivisch wiederkehrende Ansichten, in denen über mehrere Jahre hinweg dieselben Örtlichkeiten — vorrangig Parklandschaften mit Gebäuden — unter verschiedenen Blickwinkeln dargestellt sind.
Im vorliegenden, während des vorletzten Aufenthaltes in Dangast zwischen dem 4. Mai und dem 8. Juli oder nach der Rückkehr aus Norwegen zwischen Mitte August und Ende September 1911(3) entstandenen, rückseitig mit »Roter Giebel« bezeichneten Gemälde organisierte Schmidt-Rottluff eine spannungsreiche Zusammenschau von Architektur und Natur, von gebauten und gewachsenen Formstrukturen. Ausschnitthaft eingefangen ist der Blick auf die Situation dreier Gebäude in den Parkanlagen von Dangast. Bei der am linken Bildrand in das Bildzentrum fluchtenden gelben Fassadenfront handelt es sich vermutlich um einen Teil des »Parkschlosses«, in dessen Gästezimmer Schmidt-Rottluff während der Sommeraufenthalte in den Jahren 1909 bis 1912 Unterkunft fand. Die hoch aufragende rote Giebelfront im Hintergrund gehört sehr wahrscheinlich zum sogenannten »Post- und Logierhaus«, das 1865 als eines der stattlichsten Gebäude im Dangaster Kurgebiet erbaut wurde und als Gästehaus diente.(4)
In den Jahren 1910 und 1911 vollzieht sich in Schmidt-Rottluffs Ausdruckswollen ein deutlicher Stilwandel. Komprimierung und Monumentalisierung bestimmen zusammen mit dem Streben nach geometrischer Abwandlung von Gegenstandsformen die gestalterischen Intentionen. Die ungestüm drängende, von entfesselter Emotionalität und der starken Orientierung an van Gogh geprägte Pinselschrift der ersten Dangaster Schaffensperiode weicht nun einem beruhigten, gänzlich auf Flächen reduzierten und konturbetonten Farbzonenstil. An die Stelle pulsierender Unruhe und dynamisch flutender, kleinteiliger Formauflösung tritt der Wille zu großzügiger Vereinfachung und summarischer Verknappung des Motivischen, zur konsequenten Reduktion des Sujets auf das Wesentliche. Seine Faszination für den Erscheinungs- und Stimmungscharakter der herben Naturkulisse und die daraus abgeleiteten Formideen schilderte der Künstler bereits im Sommer 1909 in einem Brief an Gustav Schiefler mit den Worten: »Einen schönen Sonntagnachmittag zu füllen, fuhr ich heute durch die Landschaft ringsum. Es ist unglaublich wie stark man die Farben hier findet, eine Intensität, wie sie kein Pigment hat, fast scharf für das Auge. Dabei sind die Farbenakkorde von großer Einfachheit. Malen kann hier eigentlich nur heißen: Verzicht leisten vor der Natur, und es an der rechten Stelle tun, ist vielleicht eine Definition für Kunst«.(5)
Die für das Schaffensjahr 1911 besonders charakteristische Verfestigung und Verdichtung von Farbflächen und Bildräumlichkeit, gekoppelt mit dem Bemühen nach Klarheit und Einfachheit, lässt sich im Gemälde »Roter Giebel« exemplarisch beobachten. Das menschenleere Architekturbild darf als Synonym für den flächengebundenen Malstil Schmidt-Rottluffs gelten. Unsere Komposition bezieht ihre Spannung aus dem Kontrast zwischen Ruhe und Statik in der linken sowie Bewegung und Dynamik in der rechten Bildhälfte. Verharren die Gebäudefronten in einer tektonisch festgefügten Ordnung, so entfalten Bäume und Vegetation ein freies, von vitaler Kraft durchdrungenes Wachstum. Dem warmen Dreiklang von Gelb, Orange und Rot steht das kühle Duett von Blau und Grün gegenüber. Zwischen blockhaft-kantiger Starre der Häuser und lebhafter Expressivität der Landschaft vermittelt der gekurvte, in glutvolles Rot getauchte Schwung des Parkweges. Dem in die Bildtiefe stoßenden gelben Fassadenkeil und dem bildparallel abschließenden roten Giebelfeld ist der flache Querriegel in Orange zwischengeschaltet. Die den Stimmungsgehalt beherrschende Stille und Ereignislosigkeit wird nur durch die mit raschen Pinselzügen gegebenen Bäume gebrochen. Kräftige Konturlinien in Schwarz und Dunkelblau umschließen die großzügig und ohne Details gesetzten Farbzonen, komprimieren die Formen und steigern in der Gesamtwirkung beträchtlich die Leuchtintensität des Kolorits. An die Stelle früherer Spontaneität der Beobachtung und leidenschaftlicher Unmittelbarkeit der Umsetzung ist nun ein sorgsames, wohlkalkuliertes Durchorganisieren der Komposition im Sinne eines durchdachten Bildaufbaus getreten.
Der Thematik des Gegeneinanderstellens, aber auch der Verschmelzung von Architektur und Landschaft, Statik und Dynamik, spürte Schmidt-Rottluff zur gleichen Zeit im Medium des Aquarells und der Druckgraphik nach. Beispielhaft hierfür seien die sämtlich 1911 geschaffenen Blätter »Weg mit gelbem Haus«, »Villa mit Turm« und »Bauernhäuser« genannt. Das im Gemälde artikulierte Ringen nach radikaler Vereinfachung des Naturvorbildes, bei der sich der Einsatz der gestalterischen Mittel von der sichtbaren Wirklichkeit emanzipiert, ist insbesondere im gänzlich flächenreduzierten Holzschnitt der Dangaster Landvilla »Wobick« vorangetrieben und an die Grenze zur Abstraktion geführt. Die Blickperspektive und Farbwahl des Gemäldes wiederholen sich nahezu identisch in der lebhaft kolorierten Postkartenzeichnung, die Schmidt-Rottluff im Juni 1911 an die Freundin Ella Kohlstedt sandte. In der Disziplin des harten Flächenholzschnittes fand Schmidt-Rottluff 1911 die graphische Entsprechung zur extrem stilisierten Formensprache der Gemälde.(6) Die zum Maximum gesteigerte Gegenstandsreduktion bestimmt auch die Bildlösung des ebenfalls in der Sammlung des Brücke-Museums befindlichen Aquarells »Bauernhäuser«. Wie in »Roter Giebel« prägt das konzentrierte Zusammenziehen der Einzelformen zu groben, massigen Flächen die schlichte Bildstruktur. Allein die Leuchtkraft der Farbakkorde und die massive Monumentalität der Formgebung verraten die durch das unmittelbare Naturerlebnis freigesetzte Emotion. In jenen Arbeiten vollzog Schmidt-Rottluff den Schritt zu einer radikalen Formgebung und vermochte als naturverbundener Einzelgänger innerhalb des Kollektivstils der »Brücke« eine absolut eigenständige, unverwechselbare Position zu behaupten.
Das 1971 als Geschenk des Künstlers in die Kollektion des Brücke-Museums gelangte Gemälde wurde erst 1957 im Zuge der Dangast-Ausstellung im Oldenburger Kunstverein bekannt.(7) Bis zu diesem Zeitpunkt hielt Schmidt-Rottluff das Bild, welches zuvor nur einmal 1922 in der Berliner Galerie von Alfred Heller gezeigt wurde, zurück; weshalb es auch nicht in der 1956 publizierten Werkmonographie von Will Grohmann enthalten ist. Es gehört — wie die Gemälde »Dorfecke«, »Haus unter Bäumen II« (Kunsthalle zu Kiel), »Parkecke in Dangast« (Bayerische Staatsgemäldesammlungen München),(8) »Gutshof in Dangast« und »Tannen vor weißem Haus« (Nationalgalerie Berlin) sowie »Vorfrühling« (Museum am Ostwall Dortmund) — zu der dichten, 1910 /11 geschaffenen Werkserie von architekturbezogenen Landschaftsbildern aus Dangast. Im Vergleich mit jenen Arbeiten erscheint das Hauptwerk »Roter Giebel« ganz entschieden als die lapidarste und damit auch kompromissloseste Bildlösung.

(1) Siehe dazu grundlegend: Gerhard Wietek, Schmidt- Rottluff, Oldenburger Jahre 1907-1912, Oldenburg 1994.
(2) Will Grohmann, Karl Schmidt-Rottluff, Stuttgart 1956, Werkverzeichnis der Gemälde, S. 281-286.
(3) Karl Brix, Karl Schmidt-Rottluff. Biographie, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Der Maler, Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Stuttgart 1992, S. 256.
(4) Vgl. Wietek, wie Anm.1, historische Abbildungen S. 48.
(5) Brief aus Dangast vom 9. Juni 1909 nach Hamburg. Zit. nach: Wietek, wie Anm.1, S. 130.
(6) Siehe dazu auch: Andreas Gabelmann, Karl Schmidt-Rottluff— Das Holzschnittwerk, in: Ausst.-Kat. Karl Schmidt-Rottluff. Druckgrafik, Brücke-Museum Berlin 2001, München 2001, S. 21-42.
(7) Wietek, wie Anm.1, S. 478 u. 597.
(8) Titia Hofmeister, Werke der Brücke-Künstler. Bestandskatalog der Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München 1997, Inv. Nr. 14523, S. 270-275.

Andreas Gabelmann

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten links: S.Rottluff 1911 (Signatur)
Rückseitig auf der Leinwand: Schmidt=Rottluff "Roter Giebel" (Bezeichnung)

Inventarnummer
32/71

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Grohmann

Literatur

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.48

Karl Schmidt-Rottluff : ein Maler des 20. Jahrhunderts ; Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen von 1905 bis 1972 ; eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Brücke-Museum Berlin, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.21

Karl Schmidt-Rottluff, der Maler, Schmidt, Hans-Werner, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Stuttgart : Hatje, 1992, Kat. Nr.20

Schmidt-Rottluff : Gemälde, Landschaften aus 7 Jahrzehnten, Knupp-Uhlenhaut, Christine, Hamburg : Altonaer Museum, 1974, Abb. S.53, Kat. Nr.6

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.Kat.-Nr. 44

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.Kat.-Nr. 48

Brücke : el nacimiento del expresionismo alemán, Arnaldo, Javier, [Madrid] : Museo Thyssen-Bornemisza, 2005, Kat. Nr.109

Brücke : el naixement de l'expressionisme alemany, Arnaldo, Javier, Barcelona : Lunwerg, 2005, Abb. S.152

Brücke : die Geburt des deutschen Expressionismus, Javier, Arnaldo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2005, Erw. S.213, Abb. S.231, Kat. Nr.116

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.168, Abb. S.169, Kat. Nr.58

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.146

Karl Schmidt-Rottluff : Landschaft - Figur - Stilleben, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2014, Erw. S.26, Abb. S.37, Kat. Nr.6

Karl Schmidt-Rottluff, Remm, Christiane, München : Klinckhardt & Biermann, 2016, Abb. S.10, Kat. Nr.1

... die Welt in diesen rauschenden Farben. Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Magdalena M. Moeller, Rainer Stamm, Christiane Remm, Gloria Köpnick, Magdalena M. Moeller und Rainer Stamm, Hirmer Verlag, München, 2016, Kat. Nr.60