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Künstler

Cuno Amiet

Titel

Stilleben mit Blumen

Jahr
1908
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 40 x 32 cm
Rahmenmaß 60 x 52 x 8 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1979 aus dem Kunsthandel
Credits
Copyright: D. Thalmann, Aarau, Switzerland
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Nachdem er von Erich Heckel schriftlich dazu aufgefordert wurde,(1) trat der Schweizer Maler Cuno Amiet 1906 der Künstlergruppe »Brücke« bei. Die jungen Expressionisten erkannten in seinen Werken einen der ihren und erhofften sich von dem bereits etablierten Amiet, dass er der ambitionierten, vor etwas mehr als einem Jahr gegründeten Gemeinschaft zu einem direkteren Anschluss an die internationale Avantgarde und zu neuen Kontakten verhelfen könnte. Für Amiet kam deren unverstellte Bildsprache gerade recht, denn erst kurz zuvor hatte er sich von dem stilistischen Einfluss Ferdinand Hodlers (1853-1918) gelöst. Auf der ersten gemeinsamen Ausstellung der »Brücke« in ihrer Heimatstadt Dresden im Herbst 1906(2) war er bereits als Mitglied vertreten und blieb es — trotz der räumlichen Distanz — bis zur Auflösung der Gruppe im Mai 1913. Dabei war Amiet kein Expressionist im eigentlichen Sinn, denn trotz der robusten Technik und der frischen, zeitweilig sehr unkonventionellen Interaktion der Farben strebte er nach klassischer Objektivität und legte Wert auf ein dem Bildinhalt bestmöglich entsprechendes, harmonisches Zusammenspiel von Form und Farbe. Mit dieser Auffassung steht er der mehr akademisch geprägten französischen Kunst prinzipiell näher als den spontanen, intuitiven Farbstürmen der »Brücke«-Maler. Dennoch wird sein Schaffen sowohl durch französische wie auch deutsche Stilprinzipien gekennzeichnet und er fungierte gleichsam als Vermittler zwischen beiden Richtungen. Von der reinen akademischen Malerei hatte sich Amiet ohnehin bald abgewandt. Sowohl die Ausbildung an der Münchner Kunstakademie als auch die renommierte Académie Julian in Paris begeisterten ihn wenig.(3) 1892 ging er daher in das bretonische Dorf Pont-Aven, das durch Paul Gauguin und seinen Kreis internationale Berühmtheit erlangt hatte. Durch die Bekanntschaft mit dem Maler Emile Bernard(4) erhielt er einen direkten Zugang zum Werk Vincent van Goghs (1853-1890), dessen innovative Malweise er so sehr schätzte, dass er dem befreundeten Züricher Unternehmer und Sammler Richard Kisling 1907 den Kauf von van Goghs 1890 entstandenem Gemälde »Les deux enfants« — das erste in der Schweiz ausgestellte Werk des Holländers(5) — so entschieden ans Herz legte, dass dieser es erwarb und sich fortan leidenschaftlich für diese Kunstrichtung engagierte. Amiet erhielt es dann für ein Jahr als Leihgabe für sein Atelier im ländlichen Oschwand/Kanton Bern. Während dieser Zeit kopierte er es in zwei Ölfassungen und zitierte es auch in eigenen Kompositionen. Das »Stilleben mit Blumen« ist eines dieser Bilder, die Amiets erneute Auseinandersetzung mit den Werken van Goghs in den Jahren 1907/08 dokumentieren. Zusammen mit dem entliehenen Original sandte er es im August 1908 zurück an Kisling, welcher das unerwartete Geschenk freudig entgegennahm und befand: »Es wird mich immer an meine Dankespflicht erinnern, wenn ich in seinem oberen Teil die v.gogh'schen Farbenklänge und Reminiszenzen eine Abschiedserklärung durchzittern sehe, nach unten löst es sich in Amietschen Farbenakkorden auf, die sich einander in Geistesverwandtschaft die Hand reichen; ... «(6) Eine kraftvolle, pastose Pinselschrift, wie sie auch für van Gogh so charakteristisch ist, sich in dessen Spätwerk jedoch in wogende Farbschwünge auflöst, überzieht die Leinwand. Lediglich ein kleiner Ausschnitt von »Les deux enfants« ist im oberen Drittel zitiert, das Farbigkeit und Duktus des Originals zwar eindeutig wiedergibt, ihn durch die fragmentarische Darstellung aber fast abstrakt erscheinen lässt, da sich der eigentliche Bildgegenstand nicht ohne weiteres erschließt. Im Zentrum befindet sich das Arrangement mit Blumen, welches in seiner Zusammensetzung von stark farbigen, homogenen Flächen Stilprinzipien des Synthetismus von Pont-Aven reflektiert und in den schwarzen Konturlinien Verbindungen zu dem Cloisonnismus Paul Gauguins (1848-1903) herstellt. Amiet bezeichnete sowohl van Gogh als auch Gauguin als seine Vorbilder, entwickelte aber aus der Vielfalt künstlerischer Errungenschaften, die um die Wende des 20. Jahrhunderts aufkamen, seine individuelle Stilsprache, welche einer von der reinen Farbe und vom Licht bestimmten Malerei verpflichtet war.

(1) Gemälde Amiets waren im Mai 1905 in der Dresdener Galerie Emil Richter zu sehen, woraufhin ihm Heckel am 6.9.1906 seinen Einladungsbrief schickte. Siehe dazu: George Mauner, Von Pont-Aven zur »Brücke« - Amiet als »pons inter pontes«, in: Ausst.-Kat. Cuno
Amiet - Von Pont-Aven bis zur »Brücke«, hrsg. von Toni Stooss und Therese Bhattacharya-Stettler, Kunstmuseum Bern, Mailand 1999, S. 24 f.
(2) In der Lampenfabrik Karl-Max Seifen in Dresden- Löbtau.
(3) An der Münchner Kunstakademie war auch Giovanni Giacometti eingeschrieben. Beide wurden enge Freunde und gingen 1888 zusammen nach Paris an die Acadamie Julian. Dort studierten zur gleichen Zeit auch Pierre Bonnard, Edouard Vuillard, Paul Sarusier und Maurice Denis, die sich mit noch weiteren Künstlern zur Gruppe der anti-naturalistischen »Nabis«
zusammengeschlossen hatten. Ein näherer Austausch mit diesen fand aber anscheinend nicht statt. Wie Anm. 1, S. 15.
(4) Bernard hatte im Frühsommer 1892 die erste van Gogh-Ausstellung in Paris organisiert. Wie Anm.1, S.20.
(5) Das Gemälde war im April 1907 in der aktuellen Ausstellung im Künstlerhaus in Zürich zu sehen. Siehe dazu: Silvia Volkart, Cuno Amiet und Richard Kisling. Maler und Sammler -Kunsterzieher und Kunstvermittler, wie Anm. 1, S. 53.
(6) Brief an Amiet vom 14.8.1908. Siehe dazu: Silvia Volkart, wie Anm. 5, S. 54.

Cathy Stoike

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: CA 08 (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)
Rückseitig: Meinem lieben / Herrn Richard Kisling / für / 1jährige Überlassung / des herrlichen Van Gogh/ C. A. (Widmung)

Inventarnummer
5/79

Werkverzeichnisnummer
Müller/Radlach 1908.49

Literatur

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.160

Das Brücke-Museum, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1984, Abb. S.41

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.Kat.-Nr. 136

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.Kat.-Nr. 160

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.390, Abb. S.391, Kat. Nr.154

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.304