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Künstler

Anton Kerschbaumer

Titel

Straße zum roten Felsen

Jahr
1929
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 105 x 73,5 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1969
Credits
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Künstlerisch gesehen war Anton Kerschbaumer ein Einzelgänger, der schwer in die Kunst seiner Zeit einzuordnen ist.(1) Er war kein Expressionist, der in emotional bewegter Geste sein innerstes Erleben auszudrücken suchte, noch gehörte er zu den sozialkritisch engagierten Malern mit spitzer Feder oder der nüchternen, veristisch beschreibenden Richtung der Neuen Sachlichkeit, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland breit vertreten waren. Trotz seines Interesses für Strukturen und Komposition ist Kerschbaumer jedoch auch kein Konstruktivist, sondern blieb stets der sichtbaren, dinglichen Wirklichkeit verbunden. Diese war immer der Ausgangspunkt für seine durchdacht gegliederten Arrangements, so auch bei einer Gruppe von Gemälden, die von einem Sommeraufenthalt im französischen Carolles in der Normandie inspiriert wurde. Die Wirkung der dortigen Landschaft beschreibt Kerschbaumer in seinem Tagebuch: »Carolles. Das Charakteristische hier sind: Rotstichiges Blau gegen Grünstichiges: die ultramarinblauen Autosignale ..., die violette Schlange der geteerten Straße, die violetten Schieferdächer gegen das Blaugrün des Meeres und das Blau des Himmels.«(2)
Das begeistert geschilderte Erlebnis der dortigen Farben prägt auch das in der Normandie entstandene vorliegende Gemälde »Straße zum roten Felsen«. Aus planen Flächen, die weitgehend einheitlich gefärbt sind, ohne durch die Farbe Plastizität zu modellieren, ist die Komposition zusammengestellt. Dabei entsteht eine sehr starke Dynamik durch die kurvigen Konturen und die übergeordneten, schwungvollen Energiebahnen. Die einzelnen Formen werden durch diese miteinander verschränkt und gleichzeitig verbunden.
Der Vergleich mit dem vorbereitenden Aquarell gleichen Titels zeigt dabei deutlich Kerschbaumers Vorgehensweise: Ober ein Gerüst aus vehementen, mit großer Energie aus einer Bewegung heraus durchgezogenen Tuschlinien nähert er sich an seine Vorstellung der Komposition an. Dabei vereinfacht er die Formen und bindet sie in das schwingende Ganze ein. Mit dieser Reduktion der Formen der Natur auf geometrische Grundformen stellt sich Kerschbaumer in die Tradition des Franzosen Paul Cézannes, den er zutiefst verehrte.(3)
Systematisch beschäftigte er sich mit verschiedenen Kunsttheorien und setzte sich damit von der intuitiven Herangehensweise der Expressionisten deutlich ab. Für ihn war die künstlerische Arbeit ein intellektueller Prozess, in dem er nach Objektivität und allgemeingültigen Regeln für die Umsetzung des visuellen Erlebens in die Kunst suchte. Damit zeigt sich seine enge Verwandtschaft mit der französischen Kunst, die beispielsweise mit dem Kubismus eine gleichsam theoretische Arbeitsweise hervorbrachte, aber auch mit dem Gedankengut der italienischen Renaissance, die ebenfalls für die Kunst ein rationales Regelwerk aufzubauen suchte. Kerschbaumer steht mit dieser strukturellen Herangehensweise und der architektonischen Klarheit seiner Bilder in der Tradition der romanischen Länder.
Kerschbaumer selber empfand das vorliegende Gemälde später als eines seiner wichtigsten Werke: »Im Winter malte ich eins meiner besten Bilder, Normandie, Morgendliche Straße«,(4) schrieb er in einem Brief an seinen ehemaligen Schüler Max Warburg und drückte damit seine große Wertschätzung für dieses Gemäldes aus.

(1) Markus Ewel, Anton Kerschbaumer und die Kunst in Deutschland 1900 bis 1930, München 1996, S. 5.
(2) Tagebuch vom 29.7.1929, in: Konstanze Wetzel- Kerschbaumer, Anton Kerschbaumer. 1885-1931, München 1994, S. 126.
(3) Leopold Reidemeister, Das Brücke-Museum, Berlin 1984, S. 200.
(4) Brief vom 3.2.1931, in: Ausst.-Kat. Anton Kerschbaumer, 1885-1932. Zum. 50. Todestag. Brücke-Museum Berlin, Städtische Galerie Rosenheim, Berlin 1981, S. 14.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
: Nicht signiert (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)

Inventarnummer
25/69

Literatur

22/69, Anton Kerschbaumer (1885 - 1931), Straße zum roten Felsen, 1929

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Abb. S.Tafel 47, Kat. Nr.141