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Künstler

Max Kaus

Titel

Mann in blauer Jacke, Selbstbildnis

Jahr
1925
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 100 x 70 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1971 anläßlich des 80. Geburtstages des Künstlers
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Während sich Kaus dem Thema der Badenden nur wenige, aber sehr ertragreiche Jahre widmete, beschäftigte er sich mit dem Selbstportrait sein Leben lang. Schon aus seiner Frühzeit stammt eine Serie von Selbstbildnissen, die ihn meist — in Anlehnung an Bildnisse Heckels — mit skeptischem Gesichtsausdruck zeigen. In diesen kritischen und eher nach außen abweisenden Selbstbespiegelungen scheinen die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges und die politisch turbulenten Nachkriegsjahre gespeichert. Anfang der zwanziger Jahre ändern sich die Form und der Ausdruck der Kausschen Selbstbildnisse. Die Mimik wirkt ruhiger, nachdenklicher, eher fragend als Skepsis verbreitend und das Portrait ist nun in einen Raum gestellt, der sich — wie bei den Frauenbildnissen dieser Entstehungszeit auch — in die Tiefe erstreckt und häufig Durchblicke in benachbarte Räume gewährt. Eines unterscheidet diese Selbstportraits jedoch entscheidend von den Portraits seiner Frau, und diese Differenz hat mit dem Malprozess selber zu tun: Der Dargestellte tritt in einen direkten Blickkontakt mit dem Betrachter, weil dieser die Stelle des Spiegels einnimmt, worin sich der Künstler betrachten musste, um sich malen zu können. Das Portrait eines anderen braucht dieses Hilfsmittel nicht, und Kaus hat es auch meistens vorgezogen, die Dargestellten in einem Zustand von Introvertiertheit, ruhend oder bei einem selbstvergessenen Tun festzuhalten. In seinen Selbstportraits legte der Maler also den oben skizzierten Prozess offen, was entscheidend zur Verlebendigung der Bilder beitrug und Spannung zwischen Bild und Betrachter erzeugte. Gleichzeitig betrachtete er sich dabei wie von außen und damit wie einen »Anderen«. In der Wahl neutraler Bildtitel wie zum Beispiel »Mann mit blauer Jacke« kommt besonders letzterer Aspekt zum Ausdruck.
Auch beim Selbstbildnis »Mann mit blauer Jacke« erzielte Kaus den Eindruck von Unmittelbarkeit als Resultat einer Spannung, die im Blickaustausch mit dem Betrachter entsteht. Konfrontiert mit dem nahsichtigen Gesicht von Kaus, stellt sich für diesen die Frage, welche Gedanken hinter der ernsten, aber auch neutral blickenden Gesichtsoberfläche verborgen liegen. Der Dargestellte ist mit seiner zugeknöpften Jacke, deren geschlossene Mitte die senkrechte Linie des Nasenrückens verlängert, im so genannten »Goldenen Schnitt« des Bildes — also etwas von der Bildmitte versetzt — platziert. Das Bild erhielt dadurch und in Verbindung mit den Raumachsen eine Strenge und Ruhe, die jedoch durch die Menschengruppe links im Hintergrund des Bildes irritiert wird, weil diese Bewegung ins Bild bringt. Sie schickt sich gerade an, im Hintergrund von Kaus' Kopf den Innenraum zu betreten. Der Ausschnitt des Bildes ist dabei so gewählt, dass die Köpfe vom oberen Bildrand verdeckt sind. Scheinbar sehen wir, was Kaus im Spiegelbild erblickt. Doch von hellem, gleißenden Licht umgeben, wirken die schemenhaften Figuren eher wie eine geistige Erscheinung aus der Vergangenheit oder wie ein zukünftiges Vorstellungsbild, als das sie wirklich lebende Menschen verkörpern. Stellen sie vielleicht Kaus' Ängste dar, welche ansonsten hinter seiner undurchdringlich wirkenden »Fassade« verborgen liegen? Der auffällige »napoleonische« Griff des Künstlers in die Jacke vor der Brust könnte im Zusammenhang mit den wie in Reih und Glied antretenden und damit soldatisch wirkenden Figuren im Hintergrund des Bildes auf die sich in Kreisen von Linksintellektuellen bereits breitmachende Furcht vor dem aufkeimenden Nationalsozialismus verweisen.

Bettina Schaschke

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
Signiert unten rechts: MKaus 25 (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)

Inventarnummer
9/71

Werkverzeichnisnummer
Schmitt-Wischmann 76

Literatur

Das Brücke-Museum, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1984, Abb. S.195

Max Kaus : Gemälde von 1917 - 1970; zum 80. Geburtstag d. Künstlers am 11. März 1971, Reidemeister, Leopold, Berlin : Brücke-Museum, 1971, Kat. Nr.25

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.418, Abb. S.419, Kat. Nr.165

Max Kaus. Schenkungen für das Brücke-Museum Berlin, Hauptautor: Janina Dahlmanns, Volker Strunz, Magdalena M. Moeller, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Hirmer Verlag, München, 2017, Abb. S.Abb. 17, S. 38

Max Kaus - Erich Heckel. Eine Künstlerfreundschaft, Janina Dahlmanns, Lizzy Blasius, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Hirmer Verlag, München, 2015, Kat. Nr.53