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Künstler

Max Kaus

Titel

Paar mit Geige

Jahr
1920
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 90 x 90,5 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1974 aus der Sammlung Klaus Ihlenfeld, Pottstown PA, USA
Credits
Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Gemälde entstand in einer Zeit, in der Kaus durch erste Einzelausstellungen (Galerie Ferdinand Moeller) und Ausstellungsbeteiligungen (Freie Secession, Berliner Secession) Bekanntheit in der Berliner Öffentlichkeit erlangte. Vor allem auf seine Graphik, speziell auf die Illustrationen zu Klabunds Nachdichtung chinesischer Kriegslyrik mit dem Titel »Dumpfe Trommel und berauschtes Gong«, wurde man zunächst lobend aufmerksam.(1) Es folgten schon bald — vermutlich auf Vermittlung Heckels, dem Kaus im Ersten Weltkrieg an der Front in Flandern begegnet war, und Schmidt-Rottluffs — Aufnahmen seiner graphischen Werke in Periodika wie »Die Rote Erde« (herausgegeben u.a. von Rosa Schapire) und »Genius« sowie in das Mappenwerk »Die Schaffenden« — alles Organe, in denen parallel auch die »Vätergeneration« des Expressionismus erschien. Läßt sich vor allem an Kaus' frühen Arbeiten erkennen, dass von Heckel und überhaupt der »Brücke« wichtige Impulse für sein Schaffen ausgingen, so erarbeitete er sich mit einer Folge von Gemälden, die Paare in Interieurs(2) zeigen, eine größere Eigenständigkeit.
Der Künstler setzte in »Paar mit Geige« sehr subtil die Mittel der Malerei ein, um unterschiedliche Gefühle innerhalb von Beziehungen darzustellen. Dass es sich dabei um allgemeine Empfindungen handelt, deutete er mit seiner Stilisierung der Personen an.(3) Ein Paar sitzt beieinander, aber eigentlich hinter- und damit getrennt voneinander in einem Innenraum. Die Figuren sind in das strenge Liniengerüst der Bildkomposition eingebunden. Waagerechte (Diwan, Boden, untere Kante des Bildes im Hintergrund, Augenbrauenlinien) und senkrechte Achsen (Körper — vor allem der Verlauf ihres rechten Armes —, Wand, linke Rahmenseite des Hintergrundbildes) dominieren den Bildaufbau. Erzielt wurde dadurch der Eindruck von Strenge und Starre, der mit dem ernsten Gesichtsausdruck der Dargestellten korrespondiert. Vor allem die sich versetzt kreuzenden Bilddiagonalen (Geige, die gegensätzlichen Blickrichtungen von Mann und Frau) bewirken, dass die Figuren als getrennt voneinander erscheinen. Gleichzeitig deuten sie jedoch überhaupt das Faktum von Beziehung an und lassen unversehens Weichheit zwischen Mann und Frau geschehen: Die leicht diagonal gestellten Körper formen Kreislinien in der Art von einer hier versetzten — nach unten gebogenen Parabel, welche sich oben durch den Farbklang von Rosa, Rot und wieder Rosa zu einem Oval schließt. Der kauernden Figur, die auf dem Bild im Bild dargestellt ist und die Köpfe der Dargestellten verbindet, kommt dabei im Gemälde eine Schlüsselstellung zu. Wie ein hermeneutischer Zirkel verbindet sich das Sitzmotiv mit früheren Arbeiten, so z. B. mit »Die Freunde«(4) und zeitnahen Varianten desselben Motivs, und bereichert somit um eine weitere Nuance die Ausdeutung der sich in den Körperhaltungen ablesbaren psychischen, widerstreitenden Gestimmtheiten der Figuren: Erscheint die Frau wie auf dem Sprung und dennoch entschlossen zu gehen, wirkt der Mann tief in seiner Trauer versunken und dabei gleichzeitig ins Leere starrend.

(1) Vgl. Paul Westheim: Junge Leute, in: Das Kunstblatt, hrsg. von Paul Westheim, II. Jg., Weimar 1918, Heft 5, S. 146-148.
(2) Vgl. Ursula Schmitt-Wischmann, Max Kaus. Werkverzeichnis der Gemälde, Berlin 1990, Nr. 15, 16, 17, 18, 19, S. 83 f.
(3) »Modell« für die Serie von »Paaren« stand jedoch stets der Maler selbst und seine damalige Freundin und spätere Frau, Gertrud Kant.
(4) In »Die Freunde« ist sowohl das starre Sitzen des Mannes vorgeprägt als auch die Hintergrundfigur im Bild im Bild. Die linke Figur stellt Heckel, die rechte Ernst Morwitz dar. Kaus selbst richtet sich vom Bett auf, wovor die Freundin, Gertrud Kant, sitzt. Im Unterschied zu Schmitt-Wischmann halte ich das Bild im Bild nicht für ein exaktes Zitat aus dem eigenen OEuvre (vgl. Schmitt-Wischmann, s. Anm 2, Nr. 16), sondern um die Variante einer ähnlichen Haltung.

Bettina Schaschke

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Literatur

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.410, Abb. S.411, Kat. Nr.161

Max Kaus. Schenkungen für das Brücke-Museum Berlin, Hauptautor: Janina Dahlmanns, Volker Strunz, Magdalena M. Moeller, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Hirmer Verlag, München, 2017, Abb. S.Abb. 3, S. 30

Max Kaus - Erich Heckel. Eine Künstlerfreundschaft, Janina Dahlmanns, Lizzy Blasius, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Hirmer Verlag, München, 2015, Kat. Nr.11