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Künstler

Max Pechstein

Titel

Fischerboot

Jahr
1913
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 190 x 96 cm
Rahmenmaß 194,5 x 98,6 x 4 cm
Verknüpfte Ausstellungen
Details zum Erwerb
Erworben 1967 aus Privatbesitz
Credits
Copyright: Pechstein – Hamburg / Tökendorf
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Ölgemälde »Fischerboot« ist als eines der »Hauptwerke des Jahres 1913« anzusehen.(1) Es entstand im Winter des Jahres im Atelier in Berlin nach den zahlreichen Zeichnungen, die Pechstein während seines Aufenthalts im italienischen Monterosso al Mare angefertigt hatte. Im Spätsommer hatte er mit seinem Freund Alexander Gerbig von Florenz aus das kleine ligurische Fischerdorf besucht.(2) Pechstein war begeistert von der unverbildeten Authentizität des einfachen Dorfes, dessen Menschen in engem Kontakt mit dem Meer vom Fischfang lebten. Die tägliche Konfrontation mit der Urkraft der Natur und der darin eingeschlossenen Gefahr, das direkte Nebeneinander von Existenzsicherung und Tod inspirierte Pechstein zum Gemälde des Fischerbootes im Sturm.
Aufgrund seines einzigartigen, extrem schmalen Hochformats nimmt das Gemälde eine Sonderstellung in der Sammlung des Brücke-Museums ein. In seiner ungewöhnlichen Form erinnert es an japanische Bildrollen oder zweckgebundenen Architekturschmuck, ist jedoch das Resultat eines durchdachten Kompositionsprozesses. Der Vergleich mit der vorbereitenden Ölskizze »Gegen schwere See« lässt die immer stärkere Zuspitzung und Steigerung anschaulich nachvollziehen. Im noch breiteren, annähernd quadratischen Format der Skizze ist bereits die von einer Diagonalen bestimmte Komposition mit dem geneigten Boot und dem steil aufragenden Segelmast angelegt. Durch die Wahl des extrem hochrechteckigen Formats für das Gemälde wird die Instabilität des Bootes im bewegten Wasser eindringlich verdeutlicht. Ein dramatischer Moment auf dem heftig bewegten Boot scheint eingefangen zu sein. Jedoch wird die bildbestimmende Hauptlinie des Mastes von zahlreichen Linien gestützt, so von den kreuzenden Sitzbalken der Fischer sowie von deren Rudern, die in einem entgegengesetzten 45°-Winkel in ihrer vielfach gedoppelten Reihung wie Streben wirken. Dieser bewusst konstruierte Bildaufbau, der mehrfach gesichert und stabilisiert wirkt, kontrastiert mit den hohen Wellenbergen der stürmischen See im Hintergrund. Auch die schweren, tiefhängenden Wolken in dumpfem Grauschwarz künden von einem Unwetter; links ist bereits ein dichter Regenschleier zu erkennen.
Die Fischer, die eng nebeneinander gedrängt im Boot sitzen, folgen mit ihren Blicken den Rudern, mit denen sie das Boot stabil halten. Sich der gegenwärtigen Gefahr bewusst, schauen sie besorgt auf das dunkle Wasser. Lediglich der Fischer, der ganz hinten in der Spitze des Bootes sitzt, folgt nicht dem gemeinschaftlich sorgenvollen Blick der anderen, sondern sieht in die entgegengesetzte Richtung zum Himmel empor.
Das Bild ist kennzeichnend für die Auseinandersetzung Pechsteins mit der Kunst Cézannes und mit dem Kubismus, die er auf der Sonderbundausstellung im Mai 1912 in Köln umfassend kennenlernen und studieren konnte. So finden sich vor allem in den Strukturen des Himmels und der Wolken prismatische Facettierungen. Gepaart ist diese Gestaltungsweise mit dem verstärkten Interesse des Künstlers für tektonische Gliederungen, die hier noch gesteigert werden durch das Zusammentreffen von konstruktiver Stabilität umgeben von starker Bewegtheit. Kontrastierend zu den konstruktiven und geometrischen Elementen sind die menschlichen Figuren in starker Plastizität modelliert. Ihre runden, wuchtigen Glieder und Köpfe verdeutlichen die Kraft und Energie, auf die sich die Fischer durch ihre tägliche anstrengende körperliche Arbeit verlassen können. Somit hat Pechstein ein Bild geschaffen, das verschiedenste inhaltliche und formal stilistische Aspekte spannungsvoll in sich vereinigt.

(1) Magdalena M. Moeller, Zu Pechsteins Stil und Stilentwicklung, in: Ausst.-Kat. Max Pechstein. Sein malerisches Werk. Brücke-Museum Berlin u.a., München 1996, S. 41-63, S. 56.
(2) Leonie von Rüxleben: Lebensdaten 1881-1955, in: Ausst.-Kat. Max Pechstein. Sein malerisches Werk. Brücke-Museum Berlin u.a., München 1996, S. 11-40, S. 16.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Literatur

19/69 s, Max Pechstein (1881 - 1955), Reisebilder 16 (Im Boot), 1919

Max Pechstein im Brücke-Museum, Belgin, Tayfun, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2001, Kat. Nr.7

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.124

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Abb. S.Tafel 29, Kat. Nr.127

Das Brücke-Museum, Reidemeister, Leopold, Berlin, 1984, Abb. S.133

Brücke : la nascita dell´espressionismo, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Milano : Mazzotta, 1999, Kat. Nr.Kat.-Nr. 111

Brücke und Berlin : 100 Jahre Expressionismus, Arnold-Becker, Alice , Berlin : Nicolai, 2005, Abb. S.Abb. 183, Kat. Nr.Kat.-Nr. 338

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.Kat.-Nr. 124

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.344, Abb. S.345, Kat. Nr.136

Max Pechstein : Pionier der Moderne, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2015, Erw. S.206, Abb. S.204, Kat. Nr.124

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.239