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Künstler

Erich Heckel

Titel

Zwei weibliche Akte im Wald

Jahr
1913
Kategorie
Material / Technik
Maße
Rahmenmaß 90,5 x 80,5 x 3,5 cm
Bildmaß 80 x 70 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1966 als Schenkung von Erich Heckel
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

1913 entdeckte Erich Heckel auf seiner Suche nach einem Ort des Rückzugs, der ihm ein ungestörtes Arbeiten im Angesicht des Meeres und einer inspirierenden Landschaft ermöglichen sollte, den kleinen Flecken Osterholz in Angeln an der Flensburger Förde.(1) Bis 194-4 sollte Heckel, nur unterbrochen durch die Zeit des Ersten Weltkriegs, Sommer für Sommer hierhin zurückkehren und stets aufs Neue künstlerische Anregung finden. Neben unzähligen Landschaftsbildern entstanden auch immer wieder Szenen mit badenden Akten in der freien Natur.
Das Thema war für die Kunst der »Brücke« seit den Badebildern an den Moritzburger Teichen zu einem Ausdruck des optimistischen Lebensgefühls und der Empfindung von Freiheit und Gleichberechtigung der jungen Künstler geworden. Im Mai 1913 hatte sich die Gruppe aufgelöst, so daß nun eine neue, stark individuell geprägte Phase begann. Das Motiv des badenden Aktes führte Heckel auch an der Ostsee in Osterholz in verschiedenen Techniken und in seiner gewandelten Bildsprache fort. Häufig war seine Gefährtin Sidi das einzige Modell, das er in verschiedenen Haltungen in einem Bild kombinierte. Ihre Formen inspirierten ihn zu einer neuen Figurengestaltung, die nun wieder stärker plastisch ausgearbeitet wurde. Im vorliegenden Gemälde zeigt sich diese neue Modellierung der Rundungen deutlich in der gekonnten Verteilung von hellgelben Lichtern und verschatteten Partien in warmem Beige sowie in den betonten Hüften, die an die zeitgleich entstandenen hölzernen Schnitzfiguren erinnern. Einzelne leuchtende Akzente in intensivem Orange verdeutlichen die Verschmelzung der warmfarbig gestalteten Menschen mit dem kühlen, grün und schwarzblau gehaltenen Dickicht der Natur. Dabei wird die Beziehung von Mensch und Natur jetzt ebenfalls unter den gewandelten Vorzeichen dargestellt. Die helle, heitere Farbgebung aus Moritzburg ist nun verdrängt durch einen dunkleren Ton, durch eine mit Schwarz verschmutzte Düsternis. Zwar heben sich die menschlichen Körper durch das leuchtende Gelb deutlich vom Hintergrund ab, doch die grundsätzlich optimistische Leuchtkraft der Atmosphäre ist aus dem Bild verschwunden. Das dichte Gestrüpp der Uferzone der Steilküste, vor der sich die beiden Figuren bewegen, wirkt wie ein unheimlicher, undurchdringlicher Urwald, der dem Menschen nicht wohlgesonnen ist. Oberhaupt ist die Atmosphäre gebrochen, feindlich und kühl, die gesamte Bildfläche des Gemäldes ist von einem unruhigen, fast nervös bewegten Pinselstrich geprägt. Die Vegetation ist fedrig auslaufend und kleinteilig, ganz im Gegensatz zu den flächig zusammengefaßten Formen der Dresdener »Brücke«-Zeit. Ein harscher, rauher Wind scheint die nackten Figuren durchzupusten. Damit wird deutlich, daß diese Akte keine Sinnbilder der übersprudelnden Lebensfreude mehr sind, sondern die »verletzliche Natur«(2) des Menschen verdeutlichen. Seine Nacktheit wird zum Sinnbild seiner Schutzlosigkeit, seiner Auslieferung an Gefühle wie an äußere Umstände. Die Natur hingegen wird zum Symbol schlechthin, wobei sie als Zeichen der Außenwelt allgemein, aber auch als Verbildlichung des inneren, seelischen Zustands verstanden werden kann.(3) Hier offenbart sich die Wandlung in Heckels Schaffen, die zunehmend intellektuell und symbolhaft geworden war, was in der Forschung zumeist als »Vergeistigung«(4) bezeichnet wurde. Es ging Heckel nicht mehr um das spontane Erfassen einer erlebten Situation und deren emotionaler Stimmung vielmehr strebte er nach der Reflexion über sein Menschenbild allgemein und über das Wesen des menschlichen Daseins überhaupt.

(1) Vgl. hierzu: Ulrich Schulte-Wülwer, Erich Heckel an der Flensburger Förde, in: Ausst.-Kat. Erich Heckel an der Ostsee, hrsg. von Magdalena M. Moeller und Ulrich Schulte-Wülwer, Brücke-Museum Berlin u.a., München 2006, S. 9-23.
(2) Ingeborg Kähler, »Einsamkeit ist das beste, was man hat« -Zu Erich Heckels Sommeraufenthalten 1907-1913, in: Ausst.-Kat. Erich Heckel - Meisterwerke des Expressionismus, Brücke-Museum u.a., München 1999, S. 27-38, S. 37 f.
(3) Janina Dahlmanns, Die Badenden - Wandlung eines Motivs, in: Ausst.-Kat. Erich Hecke!. Sein Werk der 20er Jahre, Brücke-Museum Berlin, München 2004, S. 53-61, S. 53 f.
(4) Paul Vogt, Erich Heckel, Recklinghausen 1965, S. 35.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
: Nicht signiert (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)

Inventarnummer
5/66 v

Werkverzeichnisnummer
nicht bei Vogt

Literatur

5/66, Erich Heckel (1883 - 1970), Ziegelbäcker, 1913

Die "Brücke" : Meisterwerke aus dem Brücke-Museum Berlin, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2000, Kat. Nr.80

Die "Brücke" : Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Druckgraphik von Ernst-Ludwig Kirchner, Karl Schmitt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein, Emil Nolde und Otto Mueller aus der Sammlung des Brücke-Museums Berlin, Benesch, Evelyn, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 1995, Kat. Nr.74

Erich Heckel : 1883 - 1970 ; Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Graphik, Dube, Annemarie, München : Prestel, 1983, Abb. S.33

Die "Brücke" : Meisterwerke des Expressionismus aus dem Brücke-Museum Berlin, Moeller, Magdalena M., Berlin : Brücke-Museum, 2000, Kat. Nr.80

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.98, Abb. S.99, Kat. Nr.24 verso