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Künstler

Otto Mueller

Titel

In Dünen liegender Akt

Jahr
um 1923
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 89,5 x 109,5 cm
Rahmenmaß 109 x 130 x 4 cm
Details zum Erwerb
Erworben 2003 als Schenkung aus Privatbesitz
Credits
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das Gemälde »In Dünen liegender Akt« repräsentiert in vollkommener Weise das zentrale Thema Muellers: die Darstellung des weiblichen Körpers in der Natur. Sein Ziel, »größtmögliche Einfachheit«(1) auszudrücken, erreicht Mueller hier in der vollendeten Stilisierung, in der übergegenständlichen, reinen Form.
Das Bild zeigt nur einen einzigen Frauenkörper, der im Vordergrund auf dem Sandboden liegt, die gesamte Breite der Leinwand einnimmt. Hinter ihm, im Bildmittelgrund, wächst Dünenvegetation, die die anmutigen Schwünge der Körperkontur nachzeichnet. Der Hintergrund wird bestimmt von einer rhythmischen Folge steiler Sanddünen, die nur einen winzigen Streifen Himmel — oder auch Meer — erkennen lassen. Durch die extreme Nahsicht wirkt die Landschaft wie ein dekorativ strukturierter Hintergrund für die wie auf einer Bühne liegende Figur. In der Pose leicht gedreht der Oberkörper der Frau ist in der Seitenansicht zu sehen, der Unterkörper leicht frontal — zeigt die Figur eine für das späte Werk typische formale Gestaltung: präzise gesetzte schwarze Linien zeichnen den Körper in seinen Umrissen und bilden mit sanften Schwüngen einfache Formen, die niemals das Gegenständliche aufgeben, sich aber auch niemals in detailreichen Konkretisierungen verlieren. Das Inkarnat ist ebenfalls von einer für Mueller typischen hellbeige-gelblichen Farbigkeit, die tonal wenig abgestuft aufgetragen ist und somit den Körper in seinem natürlichen Volumen nicht moduliert. Einzig wenige, gekonnt gesetzte Reflexe an der Unterseite von Oberkörper und Bein holen den Akt optisch aus der Fläche. Diese Einfachheit der Mittel erlaubte Otto Mueller eine sehr zarte und elegante Darstellung des Modells als Silhouette des weiblichen Körpers.
Muellers Akt der 1920er Jahre ist zur stilisierten Figur geworden einer Figur, an der der Künstler während seines gesamten Schaffens gearbeitet hat. Wieder und wieder hat er sie sich vorgenommen, sie zu einem Zeichen verdichtet und immer wieder variiert. In seinen Bildern stellt er sie als Zentralfigur oder als Staffage in die Landschaft — die, ebenfalls auf ihre gegenstandsimmanenten Grundformen reduziert, die Natur als solche symbolisiert und nicht eine topographisch genau bestimmbare Region wiedergibt. So könnte das vorliegende Gemälde während eines Sommeraufenthaltes an der Flensburger Förde entstanden sein, wo Mueller 1923 erneut bei Erich Heckel in Osterholz weilte; mit Blick auf eine Lithographie aus der Zeit um 1920 relativiert sich eine derart konkrete Zuordnung jedoch.
Als wesentliche Inspiration seiner Akt-Landschafts-Kompositionen gilt Muellers persönliches Bedürfnis nach Frieden sowie nach einem ruhigen und harmonischen Leben ohne Zwänge.(2) »Wer seine Bilder in Ruhe auf sich wirken lässt, kann die von ihm ausgedrückte Empfindung wahrnehmen und wird dabei feststellen, dass der Wesensgehalt seines malerisch ausgedrückten Empfindens Liebe ist.... Um Otto Muellers gemalte Liebe als Ausdruck seines Empfindens wahrzunehmen, ist ... keine Detailkenntnis seiner Lebensumstände ... erforderlich, ebenso wenig wie eine geographische Zuordnung seiner Landschaften und Naturhintergründe. Er malte eben nicht, um das rein Sichtbare wiederzugeben, sondern um das von ihm persönlich Wahrgenommene und Empfundene mit seinen künstlerischen Mitteln sichtbar zu machen. Otto Mueller stellt nicht die Natur selbst dar, sondern die Liebe zur Natur.«(3)

(1) »Hauptziel meines Strebens ist, mit größtmöglicher Einfachheit Empfindungen von Landschaft und Mensch auszudrücken « Otto Mueller, in: Ausst.-Kat. Otto Mueller, hrsg. von Paul Cassirer, Berlin 1919, S. 1.
(2) Vgl. Zitat in Anm. 1; »Meine Bilder ersetzen jede Biographie, in meinen Werken zeige ich mein Leben und Erleben.« Otto Mueller zit. nach Emmy Mueller, Erinnerungen, um 1950, unveröffentlichtes Typoskript, (Archiv Galerie Nierendorf Berlin).
(3) Dieter P. Wolf, Die Kunst Otto Muellers aus Sicht eines Sammlers, in: Ausst.-Kat. Otto Mueller. Eine Retrospektive, München 2003, S. 163.

Christiane Remm

Aus: Magdalena M. Moeller (Hg.), Brücke-Museum Berlin. Malerei und Plastik. Kommentiertes Verzeichnis der Bestände, München 2005, Nr. 153.

Klassifizierungsdetails

Literatur

Otto Mueller : Leben und Werk, Buchheim, Lothar-Günther, Feldafing : Buchheim, 1963, Abb. S.267

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.386, Abb. S.387, Kat. Nr.153

Im Zentrum des Expressionismus. Erwerbungen und Ausstellungen des Brücke-Museums Berlin 1988 - 2013. Ein Jubiläumsband für Magdalena M. Moeller, Gercken, Günther, Wolfgang Henze, Janina Dahlmanns, Christiane Remm, Karin Schick, Magdalene Schlösser, Aya Soika, Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten des Landes Berlin, André Schmitz, Berlin, München : Hirmer, 2013, Erw. S.477, Abb. S.479, Kat. Nr.395

Meisterstücke : die schönsten Neuerwerbungen des Brücke-Museums ; ein Handbuch zur Ausstellung, Dahlmanns, Janina, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Kat. Nr.108

Otto Mueller, Remm, Christiane, München : Hirmer, 2014, Abb. S.101, Kat. Nr.78

Brücke Museum Highlights, Moeller, Magdalena M., München : Hirmer, 2017, Kat. Nr.310

Auf der Suche nach dem Ursprünglichen. Mensch und Natur im Werk von Otto Mueller und den Künstlern der Brücke, Janina Dahlmanns, Magdalena M. Moeller, Christiane Remm, Nicole Peterlein, Magdalena M. Moeller, Hirmer Verlag, München, 2004, Abb. S.55, Kat. Nr.3