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Künstler

Erich Heckel

Titel

Schneeschmelze im Erzgebirge

Jahr
1931
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 70,5 x 80 cm
Rahmenmaß 83,2 x 93,2 x 3,8 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1966 als Schenkung von Erich Heckel
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Motivisch hat sich Heckel auch von der Umgebung seiner sächsischen Heimat inspirieren lassen. Die sanft gehügelte Mittelgebirgslandschaft erstreckt sich bis zum Horizont und steht im jahreszeitlichen Übergang vom Winter zum Frühling, bei dem sich der Schnee langsam zurückzieht und die kräftigeren Farben der Landschaft nach und nach wieder zum Vorschein kommen. Gelb-, Ocker- und Brauntöne zeigen die Erde der Felder, vertrocknetes Grün die Wiesen und tiefdunkle Partien den Tannenbestand. Rechts im unteren Drittel schmiegen sich klein die braunen Dächer eines Dorfes in eine Mulde, so dass sie farblich fast mit der Umgebung verschmelzen. Hieraus läßt sich die enge Verbundenheit der Menschen in diesem Landstrich mit der Natur ablesen.
Es entsteht ein spannungsvolles, kontrastreiches Spiel der weißen, braunen und schwarzen Flächen, die ein fast grafisch zu nennendes Eigenleben entwickeln. Diese ornamentale Komponente wird zudem unterstützt durch die Perspektive, die verschiedene Blickpunkte vereint. Der Vordergrund ist von einem nur leicht erhöhten Standpunkt aufgenommen, wogegen der Mittelgrund aus der Vogelperspektive erfaßt wird. Der Hintergrund wiederum ist mit einem in die Ferne schweifenden Blick dargestellt. Diese besondere Methode in der perspektivischen Darstellung hatte Heckel in seinen Landschaften seit den frühen 20er Jahren entwickelt. Damit verdeutlicht er den Prozeß des Sehens der Landschaft, wie er ihn in seiner Wahrnehmung erlebt hat. Gerade das vorliegende Beispiel demonstriert jedoch auch, wie er sich mit diesem Vorgehen in eine abstrahierende Richtung bewegt, bei der sich Farbe und Form in ein freies Wechselspiel begeben. In der abwechslungsreichen Zusammenstellung der reinen Flächen und in der intensiven Kraft der Farben entstehen ganz eigenständige malerische Qualitäten. Aus der Zeit um 1930 existieren im Werk Heckels einige Beispiele, die das Experiment mit der Ornamentalisierung einer Landschaft variieren. Dennoch blieb in diesen Arbeiten der Bezug zur sichtbaren, gegenständlichen Wirklichkeit stets erhalten.
Das sich ebenfalls in der Sammlung des Brücke-Museums befindende Aquarell »Schneeschmelze« verrät den Vorgang der Entstehung des Bildes. Ist das Blatt noch von einer matten, durchscheinenden Farbigkeit geprägt, so findet das Gemälde mit kraftvolleren Farben und stärkeren Kontrasten zu einer auch der Technik entsprechenden Leuchtkraft. Die ornamentale Wirkung der Felder und ihre suggestive Farbenergie werden dadurch immens gesteigert. Auch die Komposition und der Bildausschnitt durchlaufen vom Aquarell zur Malerei eine Entwicklung: Das Gemälde führt den Blick von links mit einer hinzugefügten Bergkuppe hinein, und der untere Bildrand ist im Vergleich mit dem Aquarell noch etwas weiter herabgezogen. Damit intensiviert Heckel die Festigkeit des Bildaufbaus und entwickelt eine gestraffte Führung für das Auge des Betrachters.
Diese Arbeitsweise hatte Heckel vor allem für seine Landschaften erarbeitet, so dass von der Skizze vor der Natur über das bereits im Atelier entstehende Aquarell bis zum Gemälde in Öl oder Tempera ein intensiver Prozess der Auseinandersetzung mit dem Motiv stattfand.(1) Die Wandlung der Bildidee vom ersten Eindruck zum großformatigen Bild läßt sich daher an Beispielen wie dem vorliegenden besonders gut nachvollziehen.

(1) Zur Arbeitsweise Heckels siehe: Heinz Köhn, Erich Heckel. Aquarelle und Zeichnungen, München 1959, S. 28; sowie Leopold Reidemeister, Erich Heckel als Aquarellist, in: Brücke-Archiv, Heft 5, Berlin 1971, S. 5-7.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Inschrift/Signatur
: Nicht signiert (Signatur)
: Nicht bezeichnet (Bezeichnung)

Inventarnummer
8/66

Werkverzeichnisnummer
Vogt 1931 / 9

Literatur

119/70, Erich Heckel (1883 - 1970), Schneeschmelze, 1930

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Kat. Nr.80

Erich Heckel : paintings, watercolours, drawings, graphics. 1971-1972, Berlin, 1971, Kat. Nr.Kat.-Nr. 20

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.128, Abb. S.129, Kat. Nr.39

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Kat. Nr.156

Max Kaus - Erich Heckel. Eine Künstlerfreundschaft, Janina Dahlmanns, Lizzy Blasius, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Hirmer Verlag, München, 2015, Kat. Nr.79

Flucht in die Bilder? Die Künstler der Brücke im Nationalsozialismus, Aya Soika, Meike Hoffmann, Meike Hoffmann, Lisa Marei Schmidt, Aya Soika für das Brücke-Museum, Hirmer Verlag, München, 2019, Abb. S.Abb. 60