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Künstler

Erich Heckel

Titel

Uferweg

Jahr
1951
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 96 x 83,5 cm
Rahmenmaß 105 x 92,2 x 4,2 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1966 als Schenkung von Erich Heckel
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland war für Erich Heckel wie für seine ehemaligen Kollegen der »Brücke« eine Zeit der Diffamierung. Seine Werke wurden in Schandausstellungen als »entartet« gebrandmarkt und aus den öffentlichen Sammlungen entfernt, er erhielt Ausstellungs- und Malverbot.(1) Ein negativer Höhepunkt dieser schlimmen Jahre war die Zerstörung seines Berliner Ateliers in der Emser Straße. Durch einen Bombentreffer Anfang 1944 war es in Brand geraten; zahlreiche Arbeiten, unzählige Dokumente und Briefe sowie alle noch vorhandenen Druckstöcke wurden vernichtet.(2) Nach diesem Schock verließ das Ehepaar Heckel die Hauptstadt und zog im Mai desselben Jahres nach Hemmenhofen am Bodensee. Durch Heckels langjährigen Freund und Förderer Walter Kaesbach hatten sie den ruhigen, idyllischen Ort kennen und schätzen gelernt, der für die letzten 25 Jahre der Mittelpunkt in Heckels Leben sein sollte.(3)
Die liebliche, fast schon südländische Landschaft des Bodensees erscheint ab 1944 auf vielen Werken Heckels, so auch auf dem Gemälde »Uferweg«. Weich gerundete Hügel mit fruchtbarer Vegetation leiten über zu den Vorbergen der Alpen, die sich ebenfalls in sanften Wellen erheben und dichten Tannenbewuchs aufweisen, der aus der Ferne dunkelblau erscheint. Der Blick über das Wasser des schmalen, langgezogenen Arms des Bodensees auf das gegenüberliegende Ufer entspricht demjenigen aus Heckels Haus in Hemmenhofen. Der Vordergrund des Gemäldes ist jedoch kein naturgetreues Abbild der topographischen Situation des Heckelschen Grundstücks. So fehlt beispielsweise komplett die Bebauung des Dorfes, dessen Häuser durchaus zwischen dem erhöhten Blickpunkt und dem Wasser zu sehen sein müssten. Vielmehr handelt es sich um eine empfundene Landschaft, um ein inneres Traumbild, in dem Heckel seine Vision einer idealen Natur verbildlicht.
Damit erhält die gezeigte Szene den Charakter eines unberührten, zeitlosen Paradieses, in dem die beiden dargestellten Menschen nackt und unbehelligt umherwandeln. Ihre Nacktheit ist dabei als ein Symbol ihrer inneren Freiheit zu verstehen, als Enthüllung ihres wahren Selbst, als ihres entkleideten, ganz auf das Seelische bezogenen Daseins. Seit den 20er Jahren hatte Heckel diese Sichtweise des nackten menschlichen Körpers als vergeistigtes Sinnbild der inneren Empfindung entwickelt. Damit hatte er sich von der spontanen, aus dem lebendigen Moment gegriffenen Darstellung der nackten Badenden der »Brücke«-Zeit abgewendet und das Motiv seiner persönlichen, individuellen Entwicklung entsprechend fortgeführt.(4) Die beiden schmalgliedrigen Männerfiguren sind bewusst nicht als gerundete, sinnliche Körper gestaltet, um nicht von der Fokussierung auf ihre geistigen Eigenschaften abzulenken. Somit sind auch die knabenhaften Formen als Symbol für Jugend, Aufbruchstimmung, aber auch Intellekt und für das Nicht-Erotische zu verstehen. Die beiden Figuren sind einander zugewandt und ganz in den sie vollständig vereinnahmenden Dialog vertieft. Damit verbildlichen sie das Ideal der innigen Freundschaft.
Mit der arkadischen Ruhe und dem tiefen inneren Frieden, den die Szene ausstrahlt, ruft Heckel die Erinnerungen an seine Affinität zum Kreis um Stefan George zurück. Seit dem Ersten Weltkrieg hatte Heckel intensive Freundschaften zu mehreren Dichtern und Denkern aus dessen Umfeld gepflegt, so zu Ernst Morwitz oder Ludwig Thormaehlen. Obwohl Heckel die antikischen Ideale und die philosophischen Ansichten Georges teilte, kam er nie in direkten Kontakt mit ihm. Dennoch verarbeitete er, wie im vorliegenden Beispiel, noch in den frühen 50er Jahren Kerngedanken dieser Lebensphilosophie, die der seinen entsprach.

(1) Ausst.-Kat. »Entartete Kunst« — Das Schicksal der Avantgarde im Nazi-Deutschland, Deutsches Historisches Museum Berlin 1992.
(2) Karlheinz Gabler, Erich Heckel und sein Kreis. Dokumente, Fotos, Briefe, Schriften, Karlsruhe 1983, S. 246.
(3) Andrea Hofmann, Erich Heckel. Die Jahre am Bodensee 1944-1970, Reihe Kunst am See, Bd. 24, Friedrichshafen 1994.
(4) Vgl. auch: Janina Dahlmanns, Die Badenden. Wandlung eines Motivs, in: Ausst.-Kat. Erich Heckel. Sein Werk der 20er Jahre, hrsg. von Magdalena M. Moeller, Brücke-Museum Berlin, München 2004, S. 53-61.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Literatur

92/66, Erich Heckel (1883 - 1970), Uferweg, 1950

171/70, Erich Heckel (1883 - 1970), Schreitende, 1950

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Abb. S.Tafel 56, Kat. Nr.86

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.136, Abb. S.137, Kat. Nr.43

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Erw. S.235, 251, 253, Kat. Nr.171