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Künstler

Erich Heckel

Titel

Die Au

Jahr
1922
Kategorie
Material / Technik
Maße
Bildmaß 83,3 x 96,5 cm
Rahmenmaß 88,7 x 101,5 x 3,5 cm
Details zum Erwerb
Erworben 1966 als Schenkung von Erich Heckel
Credits
Copyright (Print): Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen
Copyright (Online): VG Bild-Kunst, Bonn
Eigentum: Brücke Museum, Berlin

Über das Werk

Das vorliegende Gemälde entstand nach einem Aquarell, welches Heckel im Spätsommer 1921 in Osterholz an der Flensburger Förde gemalt hatte. Gezeigt ist der Blick auf das kleine Flüsschen Au, das sich durch die Felder schlängelt, um bei Langballigau in die Ostsee zu münden. Rechts im Hintergrund leuchtet in ultramarinem Blau das Meer auf. Die Horizontlinie der See ist als sanfte Biegung zu erkennen, ein Motiv, das Heckel für die landschaftlichen Darstellungen seines schleswigschen Sommerdomizils als typisches Charakteristikum stets verwendet hat. Von links führt der kleine Fluß das Auge ins Bild, bis zu der Brücke im Zentrum, die farblich durch das helle Weiß hervorsticht. Direkt unter der Brücke schwimmen zwei kleine beigefarbene Kähne, die auf der glatten Wasserfläche zu schweben scheinen. Rechts am Ufer liegt ein weiteres Boot, das farblich auf die Brücke abgestimmt ist. Im Hintergrund erhebt sich ein kleines Wäldchen, überragt von einem Turm, der zu einer heute noch existierenden Gaststätte gehört.(1) Durch die weichen Kurven und fließenden Schwünge ist die sanft gewellte eiszeitliche Hügellandschaft Angelns in ihrer typischen Eigenart dargestellt. Der Wechsel des Blickpunkts zwischen Aufsicht von oben und Ansicht von der Seite hat sich in den 20er Jahren zum grundlegenden Gepräge von Heckels Landschaften entwickelt. Es wirkt, als sei der gesamte Vordergrund nach unten geklappt worden. Durch diese spezifische aperspektivische Darstellung entstehen Flächen, die sich in geradezu ornamenthafter Weise ausdehnen. Innerhalb dieser organisch flutenden Felder kann Heckel nun das Spiel von Farbe und Licht der Natur in voller Intensität und strahlender Kraft ausformulieren. Starkfarbig leuchten die Lokalfarben durch das tiefstehende Sonnenlicht auf, gesteigert durch die düster schwarzen Wolken eines abziehenden Gewitters. Damit macht Heckel die schnell wechselnden und stets variierenden Licht- und Farbverhältnisse zum Thema, wie sie für die Ebenen des Nordens so charakteristisch sind.
Besonderes Augenmerk liegt auch auf dem spiegelnden Wasser des Flüßchens, das weniger als ein bewegter Wasserlauf denn als eine ruhige Fläche erscheint. Hier werden das eindringlich leuchtende Blau des Himmels und die grauweißen Partien der Wolken reflektiert. Wie auf zahlreichen von Heckels Landschaftsbildern der 20er Jahre nimmt das Wasser eine zentrale Stelle ein. Hier bot sich ihm die Möglichkeit, seine in dieser Zeit neu entwickelte Technik der hauchfeinen, übereinandergelegten Schichten dünner Lasuren anzuwenden, die zu einer so transparenten, changierenden Oberfläche führte. Das Wasser erhält eine geradezu gefroren wirkende Qualität, die eine Vergeistigung der Anschauung in Heckels Kosmos beinhaltet. Die Oberfläche der Dinge ist nicht so, wie der Betrachter sie in der Natur zu sehen gewohnt ist. Das Wasser ist kein bewegtes Element, sondern durch Heckels Malerei in einen anderen Aggregatzustand transponiert. So zeigt auch die kristallen glänzende Fläche, daß es sich bei Heckels Schaffen der 20er Jahre nicht um einen »neuen Naturalismus«(2) handelt. Heckel schuf mit seinen Naturansichten seit dieser Zeit Seelenlandschaften, die die gesehene, reale Natur mit der seelischen, transzendenten Empfindung verbinden.

(1) Für diese Hinweise zur Topographie danke ich dem Ehepaar Koch, Osterholz.
(2) Im »Kunstblatt« vom September 1920 wurde eine Diskussion initiiert, die sich mit den in den 20er Jahren aufkommenden naturalistischen Tendenzen in der Kunst befasste.

Janina Dahlmanns

Aus: Moeller, Magdalena M. (Hrsg.): Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik; kommentiertes Verzeichnis der Bestände. München 2006.

Klassifizierungsdetails

Literatur

80/70, Erich Heckel (1883 - 1970), Brücke über der Au, 1921

Verzeichnis der zur Eröffnung ausgestellten Werke September 1967 bis März 1968, Heinrich Albertz, Werner Stein, Leopold Reidemeister, Werner Stein, Berlin, Berlin : Brücke-Museum, 1967, Abb. S.Tafel 40, Kat. Nr.75

Erich Heckel : 1883 - 1970 ; Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Graphik, Dube, Annemarie, München : Prestel, 1983, Abb. S.130, Kat. Nr.63

Erich Heckel - sein Werk der 20er Jahre, Dahlmanns, Janina, Remm, Christiane, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2004, Kat. Nr.14

Brücke-Museum Berlin, Malerei und Plastik : kommentiertes Verzeichnis der Bestände, Beloubek-Hammer, Anita, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2006, Erw. S.118, Abb. S.119, Kat. Nr.34

Erich Heckel : der große Expressionist ; Werke aus dem Brücke-Museum Berlin, Bielefeld, Marlene, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, München : Hirmer, 2013, Kat. Nr.151

Max Kaus - Erich Heckel. Eine Künstlerfreundschaft, Janina Dahlmanns, Lizzy Blasius, Brücke-Museum, Magdalena M. Moeller, Berlin, Hirmer Verlag, München, 2015, Kat. Nr.74